Dirk von Gehlen: Vom Schreiben in der (Salon-) Öffentlichkeit

Dirk von Gehlen: Vom Schreiben in der (Salon-) Öffentlichkeit

Es ist ein sehr schöner, aber für den Autor meist eher einsamer Moment: der letzte Buchstabe eines Buches ist getippt, das Manuskript ist lektoriert, der Text ist gesetzt und der Autor erfreut. Die Leser erfahren von diesem Moment höchstens im Nachhinein, wenn der Autor später davon erzählt. Denn vorher wissen sie ja nicht einmal, dass es das Buch überhaupt gibt. Wie auch: Bücher werden öffentlich erst dann besprochen, wenn sie im Laden stehen (was übrigens auch dann gilt, wenn sie gar nicht im Laden verkauft werden). Im Fall von „Eine neue Version ist verfügbar“ ist das anders.

Die 350 Leserinnen und Leser, die es bisher gekauft haben, wissen seit vergangenem Herbst von diesem Buch. Sie haben es gekauft, bevor überhaupt ein Buchstabe geschrieben war. Sie haben es auf der Crowdfunding-Plattform Startnext unterstützt – und so überhaupt erst möglich gemacht. Dafür bekommen sie nicht nur in den nächsten Wochen ein exklusives Buch geschickt, sie hatten vor allem Zugang zu dessen Entstehungsprozess.

Sie konnten – in Versionen – beobachten, wie „Eine neue Version ist verfügbar“ entstand: Sie verfolgten die Entwürfe, die der Autor verschickte, sie antworteten mit Hinweisen und Vorschlägen und diskutierten mit ihm in einem Live-Experiment die Thesen des Buches. Aber vor allem: Sie konnten die Freude des Autors teilen als dieser den letzten Buchstaben im Manuskript tippte.

Das Gefühl ganz am Ende dieses Experiments ist nur eine der positiven Lehren, die ich aus dem Projekt ziehen kann, das ich im vergangenen Herbst gestartet habe: ein Buch mit Hilfe der Leser finanzieren und mit den Möglichkeiten des Netzes produzieren und verbreiten. „Eine neue Version ist verfügbar“ wollte die Idee, Kultur nicht mehr nur als Produkt, sondern als Prozess zu verstehen, nicht nur beschreiben, das Buch wollte sie selber in die Tat umsetzen. Das ist geglückt – mit allen tollen und allen arbeitsreichen Erfahrungen, die die beiden Trendbegriffe Crowdfunding und Selfpublishing in Wahrheit mit sich bringen.

Ein Buch auf eigene Faust und vor den Augen des Publikums zu schreiben, ist heute ohne größeren technischen Aufwand möglich. Die Herausforderung liegt vielmehr in dem kulturellen als im technischen Wandel. Man braucht einen veränderten Blick auf das Werk, auf sich selber als Autor und vor allem auf das Publikum. Wer den Prozess zum Teil eines Buches machen will, darf den Dialog mit dem Publikum nicht scheuen. Er darf den Inhalt nicht einfach nur am Ende auf seine Leser abwerfen wollen, er muss sich beobachten lassen: Er muss damit leben, dass Fehler auffallen und bemerkt werden. Er muss bereit sein, sein Scheitern beim Schreiben abzubilden. Aber er bekommt dafür auch etwas zurück – und die geteilte Freude bei der Textfertigstellung ist dabei noch der kleinste Punkt.

Ein Buch gemeinsam mit den Lesern zu schreiben, ist beglückend. Das liegt nicht daran, dass diese dem Autor Arbeit abnehmen würden oder womöglich Passagen schreiben. Es liegt vor allem daran, dass sie Feedback geben. Leserinnen und Leser, die sich bewusst entschieden haben, dieses Buch zu unterstützen, schaffen einen Raum, der einem Salon gleicht und nicht den anonymen Öffentlichkeiten, die wir bisher mit Dialog im Internet verbinden.

Auf dieser Erkenntnis lässt sich ein neues, verändertes Bild von Publikum und Künstler in Zeiten der Digitalisierung aufbauen. Der Prozess der Entstehung kann so einen unkopierbaren Moment schaffen, der vergleichbar ist mit den Momenten, die wir bisher nur NACH der Veröffentlichung kennen. Mit etwas Mut ist das auch VOR der Veröffentlichung möglich. Das Experiment „Eine neue Version ist verfügbar“ hat diesen Beweis erbracht.

Im Herbst wird das  Buch – das im Mai in einer Salon-Öffentlichkeit für diejenigen veröffentlicht wird, die es vorab gekauft haben – im metrolit-Verlag erscheinen. Zunächst wird aber die Crowdfunding-/Selfpublishing-Phase von „Eine neue Version ist verfügbar“ abgeschlossen – mit einer Tagung in der Evangelischen Akademie in Tutzing, für die es noch Restplätze gibt.

Das Experiment endet am 10. Mai mit einer Tagung in der Evangelischen Akademie Tutzing, bei der die Thesen des Buches diskutiert werden und ein inhaltliches Fazit gezogen wird.

Dirk von Gehlen
leitet die Abteilung „Social Media/Innovations“ bei der „Süddeutschen Zeitung“. Privat bloggt er unter digitale-notizen.de über Musik und Medien. Bei Suhrkamp ist 2011 bereits sein Buch „Mashup. Lob der Kopie“ erschienen, in dem der Journalist für einen wertfreien Umgang mit der Digitalkopie sowie den Erhalt und Ausbau der Remix-Kultur plädiert (seine Thesen erläutert er im Interview mit buchreport).

Foto: © Daniel Hofer (SZ)

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