Wie schwarz sehen Sie heute, Mister Schiffrin?

Im Jahr 2000 sorgte André Schiffrin mit seinem Buch „Verlag ohne Verleger“ (hierzulande bei Wagenbach erschienen) international für Aufsehen. Gute alte Verlagsnamen wie Random House oder Rowohlt, so die These, verdeckten bloß den Machtantritt einer anonymen Managerwirtschaft. Elf Jahre später erklärt der gebürtige Pariser, er sei eher noch zu optimistisch gewesen. Gleichwohl hätten Non-Profit-Verlage eine Chance.

Bei der Tagung der Internationalen Buchwissenschaftlichen Gesellschaft (IBG) haben Sie sich mit den neuen Strukturen und Optionen in der Verlagsbranche befasst. Ihre These?
Das digitale Geschäft richtet mehr Schaden an, als dass es Gutes tut. Bis sich diese Erkenntnis durchsetzt, wird es aber noch einige Jahre dauern. E-Books greifen in den USA immer mehr Bestsellerumsätze ab und kosten so viel wie Taschenbücher, die deshalb fast zwangsläufig eine aussterbende Spezies sind. Und was passiert dann mit der Backlist? Eine ganz reale Gefahr liegt auch darin, dass die großen Verlagskonzerne nur noch Bücher verlegen werden, mit denen sie Geld machen können. Die Programme sind zwar jetzt vielfach schon stromlinienförmig, doch da geht noch mehr.

Ist das eine Chance für die Indies?
Unabhängige Verlage, die sich Not-for-Profit auf die Fahnen geschrieben haben, können durchaus eine arbeitsfähige Alternative sein. Weil der Druck fehlt, um jeden Preis hohe Gewinne auszuschütten, sind diese Verlage in der Lage, sich auf die Bücher zu konzentrieren, die sie wirklich publizieren wollen.

Und werden sie auch gekauft?
Ja, wenn die Inhalte stimmen. Ich habe New Press vor 20 Jahren gegründet und es gibt uns immer noch. Es ist ja in den meisten Fällen gar nicht das Management, das den Druck macht, sondern die Banken und Investoren, die keine Ahnung von Büchern haben, aber erwarten, dass ihr Investment haarsträubende Gewinne abwirft. Fest steht, dass sich die Branche dringend für andere Denkmodelle öffnen muss und Not-for-Profit ist ein Format, das durchaus funktionieren kann.

Als ihr provokatives Buch „Verlag ohne Verleger“ vor mehr als einem Jahrzehnt in 30 Sprachen erschienen ist, wurden Sie häufig als Schwarzseher kritisiert. Und heute?
Heute werde ich ebenso häufig darauf angesprochen, dass ich damals mit meinem negativen Blick in die Zukunft des Verlagswesens eher noch zu optimistisch gewesen bin, auch aus Deutschland. Dabei geht es dem deutschen Buchmarkt doch im Vergleich mit anderen Ländern immer noch ziemlich gut. Preisbindung hat eben durchaus ihre Vorteile.

Zur Person: Andre Schiffrin
1935 in Paris geboren.   1961 Eintritt in den von seinem Vater mitgegründeten New Yorker Verlag Pantheon Books. 1991 verlässt er Pantheon, der inzwischen zu Random House gehört, aus Protest gegen die strikten Rentabilitätsvorgaben und gründet The New Press. 1999 erscheint sein Thesenbuch „Verlag ohne Verleger“ (Wagenbach), 2010 die Autobiografie „Paris, New York und zurück“ (Matthes & Seitz), 2011 „Words and Money“.

Die Fragen stellte Anja Sieg

aus: buchreport.magazin 10/2011

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