Gefährlicher Funkenflug

Seit Anfang 2007 leistet MVB-Chef Ronald
Schild bei Verlagen und Buchhandlungen
im Dauereinsatz Überzeugungsarbeit.

Die ambitionierte Volltextsuche des Börsenvereins ist als Branchenklammer angelegt, greift aber nicht. Besonders die mangelhafte Einbindung der Sortimenter und die Kosten von Libreka stehen in der Kritik.  Im September, nach dem Versand der VlB-Rechnungen, ist mit zusätzlichem Ärger zu rechnen.

„Der Funke ist noch nicht übergesprungen“, hat Börsenvereins-Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis bei den Buchhändlertagen im vergangenen Jahr mit besorgtem Blick auf das verbandseigene Leuchtturmprojekt Libreka eingeräumt und an die Stolpersteine bei der Gründung der Deutschen Nationalbibliothek bis hin zur chaotischen Einführung der Lkw-Maut erinnert. Ein Jahr später hat sich die Sparflamme immerhin in einen leichten Funkenflug verwandelt: Die Titelzahl konnte in den zwölf Monaten von 7000 auf jetzt 39000 erhöht und ein Teil der technologischen Baustellen beseitigt werden.

Bei der Neuauflage des Branchentreffs in Berlin könnte jedoch eine Lunte entzündet werden, die von Beginn an mit dem Projekt verbunden war und den Drei-Sparten-Verband  erschüttern könnte. Verbandspolitischer Sprengstoff und ungelöste Probleme zeigen sich an mehreren Stellen von Libreka:

  • Einbindung der Sortimenter: Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die Einbindung des Buchhandels, sei es zur Verbesserung der Beratung von Kunden oder zum Vertrieb elektronischer Texte über die eigene Webseite, keine Perspektive hat und jegliche Versprechungen der Verbandsstrategen Lippenbekenntnisse zur Bewahrung des Branchenfriedens sind. „Die Einbindung des klassischen Buchhandels war schon von Anfang das Problem des Projektes“, hat jetzt sogar Reiner Klink, bis August 2007 Leiter der MVB-Informationsdienste und zuletzt auch Libreka-Projektleiter, gegenüber buchreport eingeräumt.
  • Wenn spätestens im kommenden Jahr der Startschuss für den Vertrieb der Libreka-Texte gegeben wird und die Verlage mithilfe von Libreka ihren Direktvertrieb ausbauen – wovor unlängst der Sortimenter-Ausschuss mit scharfen Worten gewarnt hat –, könnte es zum Eklat kommen.
  • Schon heute nutzen Verlage wie Campus (mit dem eigenen „Digibooks“-Program) oder jetzt auch Droemer Knaur  (unter knaur-ebook.de) die Chance, über die Online-Direktvertriebsschiene – die bislang für viele unerschwinglich war – sich eine zusätzliche Erlösquelle zu erschließen und, derzeit noch wichtiger, die Vorlieben der eigenen Kunden besser kennenzulernen. Der Anteil des Direktvertriebs von Verlagen am Buchmarkt (2007: 17,7%) wird vor diesem Hintergrund rasch zulegen

VlB-Libreka-Tarife sorgen weiter für Ärger

Volltextsuche:
Seit der Frankfurter Buch-
messe im vergangenen
Jahr  kann auf der Libreka-
Plattform recherchiert werden.

Die im Anschluss an die Buchhändlertage 2007 bekannt gegebene Verschmelzung von Libreka und VlB zur Quersubventionierung des mit erheblicher Verspätung angelaufenen Volltextsuche-Programms sorgt weiter für Ärger. „Die Abmeldungen vom VlB sind massiv. Die Deutsche Nationalbibliothek ertrinkt an Titeln, die als Pflichtstück ohne VlB-Eintrag abgegeben werden“, erklärt der Münchner Verleger Wolfgang Engel (Dr. Hut Verlag). MVB-Chef Ronald Schild dementiert: „Die Zahl der Titelmeldungen in das VlB ist seit Jahren stabil und zuletzt sogar gestiegen.“

Selbst wenn Schilds Angaben stimmen, dürfte sich die Stimmung spätestens im August/September ändern, wenn erstmals Rechnungen mit den neuen Tarifen verschickt werden und die Verlage das Ergebnis der Preiserhöhungen vor Augen haben. „Das wird für viele Verlage eine böse  Überraschung, besonders für diejenigen, die bei Libreka gar nicht mitmachen“, sagt Ex-Projektleiter Klink.

Buchhändlern und Verlegern, die von Libreka gar nicht profitieren, dürfte böse aufstoßen, dass sie durch ihre VlB- und indirekt auch ihre Mitgliedsbeiträge den großen Kostenberg von Libreka abtragen müssen – von einem Projekt, das noch lange Zeit keine Erlöse einspielen wird.

Allein das kostenlose Scannen von 60000 Titeln im Herbst dürfte (bei einem günstigen Scan-Angebot von 15 Euro pro Buch) annähernd 1 Mio Euro gekostet haben; hinzu kommen die laufenden Kosten: Zwölf festangestellte Librekianer kosten die MVB schätzungsweise 400000 bis 500000 Euro pro Jahr.

Problematische Personalpolitik und Managementfehler

  • Management/Zeitplan: Dass Libreka dem ursprünglichen Zeitplan weit hinterhersegelt, ist nicht neu und wird in der Branche teilweise sogar durch die besondere Konstellation unter dem Verbandsdach entschuldigt. „Für ein Verbands-Projekt ist das Unterfangen viel schwieriger“, erklärt Langenscheidt-Herstellungsleiter Reiner Blankenhorn. „Ein Unternehmen wie Google könnte in dieser Situation auf einen Schlag 100 Leute einstellen und das Projekt beschleunigen.“ Dies erklärt jedoch nicht die problematische Personalpolitik der MVB, die das Projekt zusätzlich verzögert hat – im mittleren Management schieden Theodor Brüggemann, Reiner Klink und Kurt Hammes binnen zwölf Monate aus.
  • Technik: Auch die Wahl von hgv publishing services hat sich im Nachhinein als missglückt erwiesen. Dem Branchenfrieden zuliebe bekam die Holtzbrinck-Tochter nach buchreport-Informationen den Zuschlag, obwohl schon damals andere Volltextsuche-Systeme weiter waren. Nicht nur die – durch die internationale Aufstellung von hgv/Holtzbrinck bedingte – Abstimmungsprobleme zwischen Indien, Deutschland und England haben Libreka zusätzlich ausgebremst. Auch drei Monate nach der Trennung von hgv haben die Libreka-Kunden keinen Zugriff auf ihre Administrations-Funktion (um z.B. den Umfang der Durchsuchbarkeit einzelner Titel festzulegen). „Im Zuge des Dienstleisterwechsels mussten wir die Funktion neu entwickeln“, erklärt Schild.
  • Zwar betonen IT-Experten wie Dominik Huber (Leitung Internet Communication bei Droemer Knaur), dass der Titel-Upload inzwischen besser als am Anfang funktioniere, Verleger wie Steve Ludwig (Verlag Ludwig, Kiel) beklagen jedoch weiterhin, dass Kunden einerseits komplizierte Excel-Tabellen zu ihren Titeln abliefern müssen (und die Gebrauchsanweisung 50 bis 100 PDF-Seiten umfasse), andererseits, dass die Libreka-Suchfunktion mangelhaft sei. Ludwig hat ein eigenes Tool entwickelt, die er auch anderen Verlagen anbietet, und Reiner Blankenhorn konzediert: „Es gibt mittlerweile auf dem Markt Systeme, die technologisch weiter sind und an denen sich Libreka orientieren sollte.“

Verzweifelte Suche nach einem Partner

  • Wettbewerb/Vernetzung: Bislang sind die Libreka-Titel nur über die allgemeine Google-Suche zu finden. Die spezifische Google-Bücher-Suche findet derzeit keine Libreka-Titel. Dies sei für den Sommer geplant, heißt es bei der MVB. „Da nur die Titel indiziert werden, die von den teilnehmenden Verlagen freigegeben wurden, brauchen wir deren Zustimmung“, schildert MVB-Chef Schild den Hintergrund der Verzögerung. Doch auch über eine Schnittstelle zu „Insight“, dem von Arvato und Random House USA entwickelten und technisch gegenüber Libreka überlegenen Volltextsuche-Programm, wird seit etlichen Monaten verhandelt. Fazit: Während Libreka verzweifelt auf Partner-
    suche ist, schaffen die Wettbewerber Tatsachen. „Viele Verlage machen zwar bei Libreka mit, weil sie keinen Ärger im Börsenverein bekommen wollen, setzen ihre Hoffnungen aber insgeheim auf Google, Amazon und Arvato“, sagt der Internet-Beauftragte eines großen Münchner Verlages.

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