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Verlage
Donnerstag, 08. November 2012 (10:53 Uhr)


SPD-Netzpolitiker Jonas Westphal fordert freie Lehrmaterialien

Für eine digitale Lehrmittelfreiheit

Bei der Förderung freier und offener Lehr- und Lernunterlagen gilt Deutschland als Entwicklungsland. Doch allmählich rückt das Thema „Open Educational Resources“ (OER) auf die politische Agenda. Am heutigen Donnerstag lädt das Bundesministerium für Bildung und Forschung zu einer Anhörung ein. 

Ende Oktober hatte der Landesverband der SPD in Berlin beschlossen, freie und digitale Lernmitteln für die Grundschule evaluieren zu lassen (hier der Beschluss). Ziel: Den – in einigen Bundesländern – kostenlosen Zugang zu Lehr- und Lernmitteln („Lehrmittelfreiheit“) auf digitale Medien auszuweiten.Im Interview beschreibt Jonas Westphal (Foto), Sprecher des SPD-Forums Netzpolitik, Vorzüge der digitalen Lehrmittelfreiheit.

Die Berliner SPD fordert eine digitale Lehrmittelfreiheit. Haben Sie schon böse Anrufe von Verlegern bekommen?

Nein, und ich sehe auch keinen Widerspruch. Überspitzt formuliert: Das Kerngeschäft von Verlagen ist die Qualitätssicherung von Bildungserzeugnissen, nicht das Abmahnen von Nutzern, die sich gegenseitig Schulbücher kopieren. In ihrem Kerngeschäft haben die Verlage mit ihren jahrzehntelangen Erfahrungen im Lektorat ein Alleinstellungsmerkmal. Sie werden immer noch gebraucht – aber in einer anderen Art und Weise. Uns geht es nicht darum, ihr Geschäftsmodell zu zerstören – sondern darum, mehr Vielfalt zu schaffen, auf einem hochkonzentrierten Markt. 90% des Marktes wird von den drei Verlagen Klett, Cornelsen und Westermann kontrolliert. Mit unserem Antrag wollen wir Alternativen schaffen. Der Bildungsmarkt erscheint mir festgefahren. Die neue Plattform Digitale Schulbücher zeigt, dass es den Verlagen in erster Linie darum geht, ihr vorhandenes Geschäftsmodell zu erhalten. Das Angebot ist wenig attraktiv.

Die Verlage verweisen auf die Etatkürzungen. Die Länder investierten zu wenig in Schulbücher, die Nachfrage nach digitalen Inhalten sei daher gering.

Natürlich ist das Bildungssystem in Deutschland chronisch unterfinanziert. Das betrifft nicht nur die Verlage, die Autoren und die wissenschaftlichen Beiräte, sondern alle Formen von Lernen und Bildung, Lehre und Forschung, also auch Universitäten. Ein anderes Problem auf nationalstaatlicher Ebene ist das Kooperationsverbot im Grundgesetz: Selbst wenn der Bund aktiv werden wollte und ein nationales Bildungsprogramm für digitale Lehrmittel auf den Weg bringen wollte, dürfte er das zurzeit nicht. Diese Bedingungen müssen dringend verändert werden. Die Länder alleine werden das kaum schaffen. Wir haben kein Interesse daran, 16 digitale Schulbuch-Inseln zu schaffen, sondern eine deutschlandweite Plattform für freie Bildungsinhalte.

Wie könnte diese finanziert werden? 

Eine solche Plattform sollte meiner Meinung nach Teil der staatlichen Daseinsfürsorge sein. Ich sehe durchaus Geld dafür am Horizont. Denn: Investitionen lohnen sich, weil Lizenzkosten für Schulbücher entfallen. Das Kopieren, Remixen und Teilen von Büchern wäre viel einfacher, wenn man die Bücher unter einer Creative-Commons-Lizenz lizensieren würde.

Was nützen freie Inhalte, wenn an den Schulen keine Lesegeräte vorhanden sind?

Das ist ein Problem, auch wenn die Hardware allmählich billiger wird. Doch wenn wir Lernen als lebenslanges Lernen auch außerhalb von Schule begreifen, müssen wir dafür sorgen, dass beispielsweise in öffentlichen Bibliotheken ein Zugang zu Lesegeräten geschaffen wird. Nur so erreichen wir auch einen Teil der Bevölkerung, der sonst keinen Zugang zu digitalen Inhalten hat. Sozial schwachen Familien wollen wir bei der

Beschaffung von Schulgeräten unter die Arme greifen.

Wie hoch schätzen Sie die Chance ein, dass Ihr Beschluss zur digitalen Lehrmittelfreiheit Nachahmer in anderen Bundesländern findet?

Rheinland-Pfalz wäre sicherlich ein Kandidat, der uns nachfolgen könnte: ein Land, das oft und früh im Bereich frühkindliche Bildung investiert hat. Auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung beschäftigt sich neuerdings mit dem Thema und hat kurzfristig eine Anhörung zum Bereich Open Educational Resources (OER) angeordnet. Sogar die konservativen Kräfte sehen, dass man über das Thema reden muss.

Andere Länder sind weiter beim Thema OER?

Ganz klar. Wenn man sich die Bildungslandschaft in Polen oder in anderen europäischen Nachbarländern anschaut – ganz zu schweigen von den USA oder asiatischen Ländern –, dann sind diese Länder sehr viel weiter in der Entwicklung. Das hat aber auch seinen Charme: Dort wurden Anfangs-Fehler gemacht, die wir nicht wiederholen müssen. Aber: Hierzulande wäre ein Modell wie in Polen, wo nationalstaatlich über digitale Lehrmittel entschieden wird, leider nicht zulässig, weil es keine Bundeszuständigkeit für Bildung gibt. Das macht es schwer, etwas Vergleichbares zu schaffen. 



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