»Wir brauchen keine Frauenquote bei Kriminalromanen«

Thomas Wörtche, einer der profiliertesten Kenner der Kriminalliteratur, spricht in einem Interview mit der „Literarischen Welt“ über aktuelle Entwicklungen des Genres. Darin äußert er sich kritisch zur „zweiten Besatzung“ im Regionalkrimi durch deutsche Autoren sowie zur Forderung nach einer Frauenquote in Verlagsprogrammen.

Mit der „zweiten Besatzung“ spielt Wörtche auf deutsche Autoren im Regionalkrimi-Subgenre an, die „überall da einmarschieren, wo wir schon mal waren, also Frankreich, Italien, Griechenland, Kroatien“, und nennt als Beispiel den Bestsellerautor Jean-Luc Bannalec alias Jörg Bong, der „einen ziemlichen Flurschaden“ angerichtet habe.

Bei der aktuellen Diskussion um Geschlechterrollen im Krimigenre bezieht Wörtche ebenfalls Stellung. Danach gefragt, ob er Gründe sehe für die Einführung einer Frauenquote in den Verlagsprogrammen, winkt er ab: „Wozu denn? Es gibt ja so Standardargumente für eine Quote. Frauen bekämen die schlechteren Cover, zum Beispiel. Bitte? Wir geben doch nicht Geld aus für Manuskripte und verpacken sie anschließend absichtlich hässlich. Kriminalromane von Frauen werden weniger häufig rezensiert? Das mag sein. Frauen haben es schwerer, in Verlage zu kommen? Auf keinen Fall. Frauen bekommen geringere Vorschüsse? Stimmt nicht, bei uns sicher nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass einer sagt, das Buch ist gut, aber weil’s von einer Frau ist, produzier ich’s nicht. So viel guter Stoff kommt einem nicht unter, dass man es sich leisten könnte, aus irgendeiner Ranküne heraus etwas nicht zu machen.“

In diesem Zusammenhang sieht Wörtche auch keinen Handlungsbedarf bei der Frage, ob es zuviel Gewalt gegen Frauen in Kriminalromanen gebe, was etwa die Autorin Janet Clark zuletzt in buchreport.magazin kritisierte (PLUS-Beitrag). Zur Forderung, dass es in Kriminalromanen keine Gewalt mehr gegen Frauen geben sollte, meint Wörtche: „Warum das denn? Es gibt sie doch, die Gewalt gegen Frauen. Das ist betrüblich und beklagenswert. Aber ausgerechnet einem Genre, das sich mehr als die sich gern selbst bespiegelnde Hardcorebelletristik um die Spiegelung von Gesellschaft kümmert, kann man doch nicht verbieten, genau das zu tun. In Südamerika zum Beispiel sind Feminicide ein echtes Problem. Über was sollte Mercedes Rosende denn schreiben, wenn fiktive Gewalt gegen Frauen verboten würde?“

Ein weiteres Interview mit Thomas Wörtche über den Krimimarkt können Sie hier nachlesen (PLUS-Inhalt).

 

 

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