Kristin Höller über »Schöner als überall«

In den aktuellen Herbstprogrammen finden sich zahlreiche Romandebüts deutschsprachiger Autoren. buchreport stellt 13 dieser Newcomer in Steckbriefen vor. Heute: Kristin Höller.

Kristin Höller wurde 1996 geboren und wuchs in Bonn auf. Seit 2015 studiert sie Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften in Dresden. Sie hat als freie Mitarbeiterin für mehrere Zeitungen und Zeitschriften gearbeitet und beim 10. „Poet|bewegt“ den Publikumspreis sowie den Preis des Buchhandels gewonnen. Seit 2017 ist Höller Mitveranstalterin von „OstKap“, der Dresdner Lesereihe für junge Literatur. „Schöner als überall“ ist ihr erster Roman. (Foto: Heike Steinweg)

Mein Roman in drei Sätzen

Es geht um zwei junge Männer, die zusammen für eine Woche in den Ort ihrer Kindheit zurückkehren und gerade an diesem so bekannten Schauplatz die eigene Freundschaft hinterfragen müssen. Sie müssen mit aufkommender Fremdheit umgehen, mit alternden Eltern und dem bürgerlichen Milieu, in dem sie aufgewachsen sind. Mit ein paar Jahren Verspätung entdecken sie die eigenen Privilegien, aber auch eigene Abhängigkeiten, die sie mindestens so lange begleiten, bis sie hinterfragt werden.

Mein Weg zu Suhrkamp

Da ich aus Dresden anreise, dauert der ungefähr zwei Stunden. Ausstieg am Alexanderplatz, danach Weiterfahrt bis Eberswalder Straße. Als Entschädigung für diese Strapazen bekomme ich meistens ein Schälchen mit Ingwerkeksen.

Das Verdienst meiner Lektorin

Es gibt gute Sätze und es gibt schlechte. Häufig klingen schlechte Sätze erst so richtig schlecht, wenn alles schon gedruckt und zu spät ist. Die Weitsichtigkeit, das vorher einzuschätzen, habe ich leider nicht. Und so ist es das Verdienst meiner Lektorin Martina Wunderer, dass manches einfach nicht im fertigen Buch steht – und das völlig zu Recht.

Mein Eindruck von Literaturbetrieb und Buchbranche

Noch nicht so umfassend, als dass ich mich dazu äußern könnte. Immer wieder höre ich aber, dass die mondänen Zeiten mit Champagnerbrunnen und meterlangen Bewirtungsbelegen vorbei sind (darüber sind ausnahmslos alle traurig und auch ich finde das sehr schade).

Meine Lieblingsbuchhandlung

Auf Santorini gibt es Atlantis Books, eine Buchhandlung in einem weißen, verwinkelten Haus mit Meerblick, so schön, dass einem schon die Google-Bilder-Ergebnisse Tränen in die Augen treiben. Um ehrlich zu sein ist es bei der Google-­Recherche geblieben, darum würde ich sagen: Büchers Best in Dresden. Der Laden wird gemeinsam von einer Katze und einem Buchhändler betrieben, dessen personalisierte Leseempfehlungen treffsicherer sind als irgendein Algorithmus es sein könnte.

Meine Lieblingsautorinnen

Kate Tempest und Lucia Berlin: Beide können ganz normalen Menschen, ganz gewöhnlichen Situationen eine Tragik abgewinnen, dass einem danach plötzlich alles wieder wichtig erscheint.

So lese ich

Ganz unterschiedlich häufig. Wenn ich selbst gerade viel schreibe, lese ich sehr wenig, davor und danach wieder ganz viel. Oft in der Straßenbahn, manchmal zum Einschlafen. Wiederentdeckt: Lesen nach dem Aufwachen, das klappt hervorragend.

Schreiben ist für mich

Etwas, das mich immer wieder sehr glücklich macht.

Wenn ich nicht gerade schreibe

Dann mache ich andere Dinge, die schön sind, aber auch alles, was sonst getan werden muss. Der Trick ist, nie ganz zu vergessen, dass man auch mal wieder schreiben will, und dafür im Kopf weiterzusammeln.

Warum haben Sie dieses Debüt ins Programm genommen?

Von der ersten Seite an war ich eingenommen: von den Figuren, dem Ton, dem Gespür für Szenen, der psychologischen Genauigkeit, vor allem aber von Kristin Höllers großer Empathie und Zärtlichkeit, mit der sie die Herausforderungen des Erwachsenwerdens schildert und dabei wie beiläufig Geschlechterrollen und Klassenunterschiede verhandelt.

Martina Wunderer, Lektorin

Debütanten im Herbst 2019 – im buchreport.magazin 09/2019

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