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5 Mythen über Satzautomation

Seit über 20 Jahren ranken sich Mythen um die Frage, was Satzautomation ist, kann und bedeutet, wer sie wofür einsetzen kann oder sollte. Manche Menschen trauen der Technologie mehr zu, andere weniger. 

Die Geister der Verlags-Professionals scheiden sich oft an diesen Fragen. Jeder bringt seinen Erfahrungsschatz mit ein. Im IT-Channel von buchreport.de zeigt Martin Engelhard, Manager beim Würzburger Satzdienstleister 3w+p Typesetting Automation Experts und engagiert in der IG Digital in den Peergroups Produktion und Business Development, die Möglichkeiten, Eignungsprofile und Grenzen von Satzautomatisierungs-Software auf. 

 

Martin Engelhard (Foto: 3w+p)

Martin Engelhard (Foto: 3w+p)

Bereits seit den frühen Nullerjahren gibt es Satzautomations-Technologie – ein entscheidender Richtungswechsel in der Medienvorstufe: weg von manueller Gestaltung in Desktop-Publishing-Software wie Adobe InDesign, allenfalls erleichtert durch Skripte, hin zu automatischen Umbrüchen mit menschlicher Unterstützung. Das nervenraubende „Klein-Klein“ wird vom Satzautomaten übernommen. Der Mensch bekommt mehr Zeit für das „große Ganze“ und für andere Menschen und wird entlastet. Weltweit gibt es nach unseren Recherchen mittlerweile ca. 15 Anbieter solcher Satzautomations-Softwares. Viele dieser Anbieter sind schon seit über zehn Jahren am Markt.

Den Einsatz von Satzautomation kann man sich in etwa so vorstellen:

  1. Das Manuskript (zum Beispiel Microsoft Word) wird für die automatisierte Verarbeitung vorbereitet.
  2. Die Datei wird in ein XML-Datenformat (es gibt auch HTML-Workflows) für den Satzautomaten konvertiert.
  3. Der Umbruch wird auf Basis eines definierten Layouts und vorher konfigurierter Regeln ohne menschliche Eingriffe erstellt.
  4. Anhand des Neusatzes wird ggfs. korrigiert – je nach System in Word, XML oder HTML.
  5. Die finalen Daten (zum Beispiel Druck-PDF, ePDF und EPUB) werden erstellt.

Dieser Ablauf bedeutet, dass kein Mensch Seite für Seite den Umbruch erstellt. Und genau darum geht es in diesem Beitrag – sowie um die Mythen, die sich um dieses Thema ranken, und was hinter den Technologien steckt.

 

Mythos 1: Es mangelt bei der automatisierten Satzherstellung an der Qualität

Vermutlich ist es der größte Mythos über Satzautomation, wenn behauptet wird, Satzautomaten könnten keine gute Satzqualität herstellen. Die Tatsache, dass Belletristikbücher, Fachzeitschriften, Loseblattwerke sowie Fach- und Sachbücher in großer Vielfalt und Stückzahl von namhaften Verlagen mit automatisierten Satz-Workflows hergestellt werden, ist ein klares Indiz gegen diese Hypothese.

Wichtige Qualitätskriterien wie registerhaltiger Satz, Vermeidung von Witwen und Schusterjungen im Umbruch oder Formel- und Fremdsprachensatz sind unseren Marktanalysen nach bei sämtlichen Satzautomations-Programmen heutzutage Standard.

Es gibt freilich Sonderfälle, die nicht durch Regeln beschreibbar sind, bei denen Satzautomation an ihre Grenzen stößt. Zum Beispiel die künstlerische Platzierung von Bildern in einer Illustrierten. Diese erfolgt nach optischen Gesichtspunkten, nicht nach Regeln, die man einfach programmieren könnte.

Und es gibt auch Fälle, in denen man automatisieren könnte, es aber oft nicht lohnenswert erscheint – zum Beispiel bei Text, der die Kontur eines Bildes genau umfließt.

Übrig bleiben einige praktische Fälle, bei denen der grundsätzliche Einwand trifft. Bei ihnen stößt die heutige Automations-Technologie an ihre Grenzen. Wenn es darum geht, Fußnoten zweispaltig zu setzen, dann gibt es fast keine Lösung, die dies standardmäßig beherrscht. Oder wenn es gilt, komplexe Marginalienspalten mit Text zu füllen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Qualität von Satzautomations-Software ist mehr als ausreichend für den absoluten Großteil der Bücher, Loseblattwerke und Fachzeitschriften. Immer dann, wenn es künstlerisch wird, ist eine Gestaltungssoftware die bessere Wahl.

 

Mythos 2: Bei Satzautomation geht es nur um den Umbruch

Wenn über automatisiert hergestellten Satz gesprochen wird, geht es oft isoliert nur um den Umbruch, das Ergebnis. Was kann der Automat, was nicht? Was kommt hinten dabei heraus? Das große Augenmerk liegt tatsächlich oft auf kuriosen Sonderfällen, die in der Praxis selten vorkommen und für Leserinnen und Leser vielleicht uninteressant sind – allein schon deswegen, weil diese die feinen Unterschiede gar nicht wahrnehmen.

Eigentlich ist aber der gesamte Ablauf, also der Workflow, viel interessanter.

Nehmen wir ein anschauliches Beispiel anhand eines Fachbuchs: Am Anfang steht das Manuskript – meistens in Microsoft Word geschrieben. Die Word-Daten müssen für die medienneutrale, barrierefreie Verarbeitung sauber mit Absatzformaten ausgezeichnet werden. Das gilt für das Manuskript, Zusatzinformationen für Barrierefreiheit wie Alternativtexte, aber auch für die Metadaten. Darunter kann man sich beispielhaft ISBN-, DOI– und ORCID-Nummern vorstellen, es können aber auch Adressdaten oder Ähnliches sein. Auch steht die Bereinigung von doppelten Leerzeichen und anderen Mängeln an – zum Beispiel fehlerhaften Gliederungspunkten oder Verlinkungen. Weiter müssen Zitationen und Fußnoten geprüft, vereinheitlicht und gegebenenfalls korrigiert werden. Zu guter Letzt müssen interne und externe Verlinkungen gesetzt und Vorbereitungen für Mikrotypografie (zum Beispiel feste Abstände zwischen Maßzahlen und Maßeinheiten) getroffen werden.

Bei all diesen Handgriffen unterstützt ein ausgereifter Workflow mit Automationstools. Wie ein gutes Orchester spielen Setzerin oder Setzer unterschiedliche Automatismen aufeinander abgestimmt per Tastendruck ab, um sicherzustellen, dass die Bearbeitung makellos ist. Die Zeit, die für dieses „Klein-Klein“ gebraucht wird, kann so drastisch reduziert werden.

Parallel dazu läuft die Bildbearbeitung. Weißraumentfernung sowie die Anpassung von Bildgröße und -auflösung können per Stapelverarbeitung für hunderte von Bildern und Abbildungen gleichzeitig ablaufen. Weiterhin gehören zu einem Workflow auch Konvertierungsvorgänge. Beispielsweise von Word (nach erfolgter Vorbearbeitung) in ein XML-Datenformat und von dort nach EPUB und/oder in das Verlags-XML-Format. Diese Vorgänge können oft zu 100% automatisiert werden.

All diese Abläufe gehören zu einem aktuellen Automations-Workflow und damit zur automatisierten Satzherstellung. Der Umbruch ist nur ein Teil davon.

IT-Grundlagen und Technologien der Zukunft

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Mythos 3: Wer Satzautomation nutzen möchte, muss »programmieren« können

Es gibt Satzautomations-Workflows, für deren regelmäßige Nutzung man mit „Computersprachen“ umgehen können muss. Zum Teil muss auch programmiert werden. Fachkräfte für diese Tätigkeiten sind rar und müssen erst gefunden oder selbst geschult werden. Das schreckt viele Verlage davon ab, sich solche Workflows näher anzuschauen und im Verlag einzuführen.

Es existieren allerdings auch viele andere Möglichkeiten. Zum einen muss Satzautomation nicht zwingend im Verlag selbst genutzt werden. Man kann sich auch einen Dienstleister suchen, der die Herstellung übernimmt und die fertigen Medienformate liefert. Zum anderen gibt es mittlerweile einige Anbieter von Lösungen, die bequem aus einer grafischen Benutzeroberfläche heraus gesteuert werden können – ohne dass in irgendeiner Hinsicht „unter die Haube“ geschaut werden muss. Meistens ist die Steuerung auch aus dem Homeoffice durchführbar. Verlags-Professionals mit etwas Grundverständnis für Satzherstellung können lernen, solche Softwares eigenständig zu bedienen und sämtliche Medientypen selbst herstellen. In schwierigen Sonderfällen steht telefonische Beratung per Hotline zur Verfügung.

Satzautomationslösungen sind heute so weit ausgereift, dass man keine tieferen Fachkenntnisse in IT braucht, um diese nutzen zu können.

 

Mythos 4: Korrekturen bei Satzautomations-Systemen sind umständlich

Korrekturen sind die Grundlage für makellose Werke. Da selten die erste Version die 100% finale Version sein wird, kommt man nicht darum herum, von der Autorenschaft, vom Lektorat und oft aus der Programm-Abteilung Korrekturwünsche einzusammeln und diese umzusetzen.

Im herkömmlichen Desktop-Publishing und in der automatisierten Herstellung haben Korrekturen unterschiedliche Auswirkungen. In Adobe InDesign greifen Setzerinnen und Setzer direkt ein. Passagen werden überarbeitet, Bilder geschoben und gezogen – es wird direkt verändert und man kann zusehen, wenn man möchte. Das kann aber auch bedeuten, dass gerade dann, wenn Änderungen weit vorne im Buch erforderlich sind, Seiten sich ungünstig verschieben und infolgedessen ziemlich viele Seiten nach hinten manuell neu umbrochen werden müssen – Mehrarbeit, die den benötigten Aufwand deutlich in die Höhe treiben kann.

Das gestaltet sich beim automatisierten Satz grundsätzlich anders. Änderungen wie die oben beschriebenen bedingen nur eine weitere Satz-Berechnung. Diese vollführt der Automat meistens in wenigen Minuten.

Der Mythos mit den umständlichen Korrekturen kommt allerdings daher, dass es Systeme gibt, bei denen Korrekturen am Inhalt, wie am Umbruch, nicht wie gewohnt in Word gemacht werden können.

Die Satzdaten werden in XML oder HTML bearbeitet, man muss also eine zusätzliche Editor-Software dafür nutzen, in die man sich erst einfinden muss, um den Inhalt korrigieren zu können. Auch gibt es Satzautomaten, die wie eine „Black Box“ arbeiten und keine Eingriffe in die Satzverarbeitung zulassen, wenn zum Beispiel Passagen gegen die Satzanweisung anders verarbeitet werden sollen. In solchen Fällen muss unter Umständen auch in LaTex, 3B2 oder XML von Fachkräften eingegriffen werden, um Korrekturen durchzuführen.

Natürlich trifft das nicht auf alle Satzautomations-Workflows zu, sondern hängt davon ab, wie der jeweilige Aufbau gewählt wurde. Es ist weit verbreitet, sich mit der Technologie so aufzustellen, dass Korrekturen möglichst einfach umgesetzt werden können – zum Beispiel direkt in Microsoft Word, das in der Regel nicht extra geschult werden muss. Dann ist es auch nicht erforderlich, die Korrekturwünsche zunächst auf Papier oder im PDF zu kommentieren und dann in einem weiteren Arbeitsschritt zu übertragen. Die meisten Systeme sind in diesem Bereich flexibel.

 

Mythos 5: Nur Reihen in standardisierten Layouts können automatisiert hergestellt werden

Für diesen Mythos muss kurz ausgeholt werden: Woher weiß Satzautomations-Software eigentlich, wie ein Buch später aussehen soll? Das wird in „Templates“, also Satz-Vorlagen für den Satzautomaten, festgehalten. Allgemeine Regeln des Setzerhandwerks, spezielle Angaben und Regeln für das Layout (Satzspiegel, Abstände, Bildplatzierung, Schriften etc.) werden je nach Workflow programmiert, konfiguriert oder eingestellt. Bei der Berechnung des Umbruchs werden diese Informationen dann verwendet, um das Manuskript und die Abbildungen korrekt zu verarbeiten.

Wenn man viele Werke mit diesem Template herstellt und es im Laufe der Zeit optimiert, ergeben sich die mit Abstand günstigsten Herstellungskosten – häufig nur die Hälfte oder sogar nur ein Drittel der sonst üblichen Satzkosten fallen durch diese Art der Herstellung an.

Ein häufiger Mythos ist, dass automatisierte Herstellung nur so funktionieren kann: eine geringe Zahl von Satzvorlagen als Standard, dessen Layoutmerkmale auf sämtliche Titel angewendet werden. Gerade für Verlage mit einflussreichen Autorinnen und Autoren ist nicht daran zu denken, so herzustellen. Oft waren in der Vergangenheit auch die Kosten für Template-Programmierung so hoch, dass nur wirtschaftlich gearbeitet werden konnte, wenn man sich auf wenige Reihen-Layouts beschränkte.

Heutzutage geht der Trend bei der automatisierten Satzherstellung in Richtung Mass Customization. Das bedeutet: Man entwirft für verschiedene Seitenformate einige Muster-Layouts, ähnlich wie bei Musterseiten in Adobe Indesign. Diese Muster-Layouts werden dann je Titel leicht angepasst bei Schriftarten, -graden, -größen, Farben der Textboxen, Abständen und so weiter – quasi eine Art Baukastensystem, bei dem nicht immer wieder bei null angefangen werden muss. Dafür entsteht natürlich – analog zu Musterseiten in InDesign – etwas mehr Aufwand, als wenn man nur wenige Standard-Layouts verwenden würde. Es ist der Mittelweg zwischen individuellen Titeln und möglichst geringen Kosten.

Tatsächlich also haben standardisierte Layouts ihre Vorteile, aber auch individuelle Layouts können heutzutage automatisiert hergestellt werden. Je individueller, desto größer allerdings auch der Aufwand.

 

Zusammenfassung

Der Markt für Satzautomations-Software ist komplex, international und stellenweise undurchsichtig. Kein Wunder also, dass so viele Mythen über Satzautomation bestehen. In diesem Beitrag wurden fünf Mythen diskutiert. Weitere und individuelle Auskünfte geben Spezialunternehmen für Satzautomation wie 3w+p Typesetting Automation Experts.

Kommentare

2 Kommentare zu "5 Mythen über Satzautomation"

  1. Schöner Artikel und gut erklärt, ansonsten kann ich mich Bruno Stöcker nur anschließen.

  2. Sehr guter Beitrag, der treffsicher die Möglichkeiten automatisierter Print-Umbrucherstellung aufzeigt. Einzig: Angesichts der herrschenden Bedeutung von XML-First ist die „Schönheit“ des Content und der Daten zunehmend wichtiger als gewohnte typographische Regeln. In der DTD und im Online-Medium ist alles gleich. Deswegen liegt der Schlüssel schon in einem möglichst hohen Standardisierungsgrad auch der Templates. Die wirtschaftlichen Effekte der Automatisation müssen auch deutlich höher ausfallen als die in Mythos 5 genannten Verhältnisse.

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