Gunther Neumann über »Über allem und nichts«

In den aktuellen Frühjahrs-Programmen finden sich zahlreiche Romandebüts deutschsprachiger Autoren. buchreport stellt 14 dieser Newcomer in Steckbriefen vor. Heute: Gunther Neumann

Gunther Neumann, geboren in Linz, Studium von Geschichte, Anthropologie, Völkerrecht und internationalen Beziehungen in Wien und Paris. Neumann arbeitete viele Jahre in leitenden Funktionen für NGOs, OSZE, EU und UNO sowie als Auslandskorrespondent in Asien, Afrika und Lateinamerika. Heute lebt er in Wien. „Über allem und nichts“ bei ‧Residenz ist sein erster Roman. (Foto: Nambou Mounikou)

Mein Roman in fünf Sätzen

Clara, Ende 30, ist Berufspilotin in der kompetitiven, globalisierten Männerwelt von Billig-Airlines. Sie kommt souverän mit der komplexen Technik des Cockpits einer Riesenmaschine zurande. Und sie ist überzeugt, auch ihre Emotionen unter Kontrolle zu haben. In den Turbulenzen ihrer Fluglinie und den Beziehungen mit zwei Männern verliert sie im Luftmeer den Boden unter den Füßen: Vor dem Hintergrundrauschen eines bewaffneten Konfliktes (in Sri Lanka) brechen die Abgründe ihrer eigenen Gewalterfahrungen auf.

Mein Weg zu Residenz

Ein formloses Angebot des Manuskriptes an den traditionsreichen Literaturverlag: Das fast ausnahmslos weibliche Team war erfreulicherweise sehr angetan.

Das Verdienst meiner Lektorin

Jessica Beer von Residenz hat es mit Expertise, Überzeugungskraft und Humor geschafft, dass ich das ursprüngliche Manuskript auf die Hälfte eingedampft – und dabei auch auf etliche persönliche „Textdarlings“ verzichtet habe.

Mein Eindruck von Literaturbetrieb und Buchbranche

Schnelllebig, getragen von Literaturbegeisterten in Verlagen, Buchhandlungen, von enthusiastischen Vertretern und im Feuilleton, getrieben von betriebswirtschaftlichen Vorgaben und dem notwendigen Marketing, verfolgt von audiovisuellen Medien.

Meine Lieblingsbuchhandlung

Hartliebs Bücher in Wien: Das engagierte Team rund um Petra Hartlieb vermittelt in den beiden schönen Buchhandlungen eine große Liebe zur Literatur. Sie haben für unsere mehrsprachige Familie auch viele französisch- und italienischsprachige Bücher lagernd und liefern nicht vorrätige umgehend, durch Direktimport oft zum Ladenpreis im Ursprungsland. Daneben müssen aber auch die unzähligen anderen kleinen Buchhandlungen gewürdigt werden, die den OnlineRiesen, deren Algorithmen und Marktmacht tagtäglich Paroli bieten.

Meine Lieblingsautoren

Das wechselt, rund um den Globus, von lateinamerikanischen Gegenwartsautorinnen zu angloamerikanischen Klassikern des 20. Jahrhunderts. Zuletzt Nora Bossong mit ihrem neuen Roman „Schutzzone“: sprachgewaltig, hellsichtig, klug, sensibel, poetisch und dazu ausgezeichnet im UNO-Milieu recherchiert, einer Sphäre, die mir beruflich sehr vertraut ist.

So lese ich

Fasziniert, manisch, besessen, stets mit dem Gefühl im Nacken, zwischen Arbeit und Kindern viel zu wenig Zeit und Muße dafür zu haben.

Schreiben ist für mich

Kreativität und konstruktiver Gedankenfluss.

Wenn ich nicht gerade schreibe

Zwischen Missionen in Krisen- und Konfliktgebieten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas verbringe ich viel Zeit mit der Familie / unseren beiden Söhnen.

 

Warum haben Sie dieses Debüt ins Programm genommen?

Gunther Neumanns Roman hat uns von der ersten Zeile an in seinen Bann gezogen: In einer bilderreichen, dichten Sprache beschreibt er das Leben einer modernen Nomadin – der Pilotin Clara, die sich in einer Männerwelt durchsetzen und den rücksichtslosen Arbeitsbedingungen der heutigen Billig-Airlines standhalten muss. Claras Geschichte ist zugleich die intime, behutsam ihren dunklen Kern preisgebende Charakterstudie einer jungen Frau auf der Flucht vor sich selbst und ein radikaler Einblick in den Wahnsinn zeitgenössischer Arbeitswelten. Ganz nah dran an seiner Hauptfigur, lässt uns Gunther Neumann die rauschhafte Beschleunigung spüren, die deren Leben erfasst hat, er beschreibt die Anonymität der Flughäfen, die Schönheit eines tropischen Sonnenaufgangs oder die Kindheitserinnerungen, die Clara in schlaflosen Nächten heimsuchen, mit einer selten gelesenen Intensität. Ein mutiges, ungewöhnliches und absolut zeitgenössisches Buch.

Jessica Beer, Lektorin

 

Debütanten im Frühjahr 2020 – im buchreport.magazin 01/2020

 

 

Kommentare

Kommentar hinterlassen zu "Gunther Neumann über »Über allem und nichts«"

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Mit dem Abschicken des Kommentars erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihre Daten elektronisch gespeichert werden. Diese Einverständniserklärung können Sie jederzeit gegenüber der Harenberg Kommunikation Verlags- und Medien-GmbH & Co. KG widerrufen. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutz-Richtlinien

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*