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So arbeitet Lucinda Riley

Wo entstehen die Bestseller? Autorin Lucinda Riley hat 2015 für buchreport ihren Arbeitsplatz in Norfolk (Großbritannien) beschrieben. Der war früher das Esszimmer der Familie, sie selbst hatte jahrelang überhaupt kein Büro. Viel lieber reist die Bestsellerautorin zum Schreiben (bzw. ins Aufnahmegerät diktieren) um die Welt zu den Schauplätzen ihrer Geschichten.

Dieser Text stammt aus dem buchreport-Archiv und wurde zuerst im buchreport.magazin 5/2015 veröffentlicht.

Lucinda Rileys Arbeitsplatz in Norfolk (Foto: privat)

Eigentlich habe ich eine seltsame Abneigung gegen das Wort „Büro“, denn es fühlt sich an, als würde ich tatsächlich arbeiten. Und Schreiben ist keine Arbeit für mich; es ist ein Lebensstil und eine Leidenschaft. Eine Zeitlang war mein Wohnzimmer im Winter das, was einem klassischen Büro am nächsten kam, aber sobald sich die Sonne zeigte, saß ich draußen auf der Bank. Da ich den ersten Entwurf einer Geschichte in ein Aufnahmegerät spreche, kann ich überall arbeiten und mein bevorzugter Platz dafür ist draußen an der frischen Luft. Am Tag kann ich bis zu acht Stunden aufnehmen, wenn ich nicht gestört werde, und dabei sitze ich in diversen seltsamen Positionen – der Boden gefällt mir besonders – oder gehe auf und ab, während ich die Charaktere durchspiele. Als ehemalige Schauspielerin finde ich es äußerst hilfreich, die Dialoge laut auszusprechen.

Lucinda Riley (Foto: privat)

Meine drei Lieblingsplätze zum Schreiben sind die Gärten unseres Landhauses in Norfolk, unseres Hauses in Thailand und der Balkon unserer Villa in Südfrankreich. Die Kinder sind daran gewöhnt, mich im Bikini umherwandern zu sehen, an dessen Oberteil ein Mikrofon befestigt ist. Wenn ich für einen längeren Zeitraum aufgenommen habe, kann es immer mal wieder vorkommen, dass ich die Kinder frage: „Hallo Komma Liebling Komma Wie geht es dir Fragezeichen Neue Zeile!“

Kürzlich habe ich dennoch unser Esszimmer in mein offizielles „Büro“ verwandelt, nachdem ich Jahre kein eigenes Zimmer hatte, und ich liebe es. Es ist in einem kräftigen, warmen Rotton gestrichen und hat ein knisterndes Feuer. Unser antiker Mahagoni-Esstisch ist nun mein Schreibtisch und ich habe eine tolle antike Wellington-Truhe, die meine wichtigsten Akten enthält. Ein seltener Murano-Kronleuchter spendet ausreichend Licht, sodass ich ohne Brille lesen kann. Deckenhohe Bücherregale mit einigen meiner Buchraritäten nehmen eine Wand ein, außerdem finden sich Familienbilder und kleine Schätze, die ich während meiner Reisen über die Jahre gesammelt habe.

Ich hatte schon immer eine lebhafte Fantasie und verbrachte als Kind einen Großteil meiner Freizeit damit, mir Geschichten auszudenken. Meinen beruflichen Werdegang habe ich als Schauspielerin begonnen, doch mit 22 Jahren erkrankte ich an Pfeifferschem Drüsenfieber. Da ich nicht arbeiten konnte, schrieb ich meine ersten Romane unter dem Namen „Lucinda Edmonds“ bis ich meine vier Kinder bekam. Als das Jüngste eingeschult wurde, fing ich wieder mit dem Schreiben an und benutze meinen Ehenamen „Lucinda Riley“, sodass ich als unbekannte Autorin ohne Erfolgsgeschichte bewertet werden würde. Und fünf Bücher später feiere ich über fünf Millionen verkaufte Exemplare weltweit und werde in 30 Sprachen veröffentlicht.

Lucinda Riley wurde in Irland geboren und und verbrachte als Kind mehrere Jahre in Fernost. Sie liebt es zu reisen und ist nach wie vor den Orten ihrer Kindheit sehr verbunden. Nach einer Karriere als Theater- und Fernsehschauspielerin konzentriert sich Lucinda Riley heute ganz auf das Schreiben – mit Erfolg: Ihre Romane stürmen regelmäßig auf die Spitzenplätze der Bestsellerlisten.

Manche Orte, die ich besuche, inspirieren mich. Manchmal ist es ein Land oder eine Landschaft, aber in den meisten Fällen ist es ein Haus. Wenn ich zu schreiben anfange, beschleicht mich oft das unheimliche Gefühl, dass mir die Geschichten in den Büchern „erzählt“ werden. Ich mache mir keine Notizen und arbeite das Konzept eines Romans auch nicht aus. Das scheint alles etwas weit hergeholt zu sein, aber es ist beinahe so, als flüsterten die Figuren und Orte der Vergangenheit ihre Geschichten in mein Ohr und fast immer lasse ich mich von Ihnen leiten.

Ich neige dazu, ins Ausland zu fahren, um die „Vergangenheit“ der Geschichten dort zu schreiben, wo sie spielen, da ich völlige Ruhe und Frieden brauche, um mich darauf zu konzentrieren. Zu wissen, dass ich nur begrenzte Zeit habe, ehe ich zurück zu meiner Familie muss, fokussiert meinen Geist auf wunderbare Art und Weise. Als ich Bels Geschichte aus „Die sieben Schwestern“ schrieb, habe ich ein Apartment am Strand von Ipanema in Rio de Janeiro gemietet und arbeitete drei Wochen auf der Dachterrasse mit einem fantastischen Blick auf die Christusstatue. Einige neue Freunde, die ich dort gefunden habe, luden mich ein, in ihrer Fazenda, einer alten Kaffeeplantage, die übrigens auch im Buch auftaucht, zu übernachten und zu schreiben. Auch in Indien habe ich bereits geschrieben und kürzlich war ich erst in Norwegen wegen des zweiten Buches der „Sieben Schwestern“-Reihe.

Die Teile der „Gegenwart“ in der Geschichte schreibe ich dann im Sommer in unserem Haus in Südfrankreich. Da die Kinder während der Ferien erst später aufstehen, lässt mir das Zeit, morgens zu schreiben. Nach einem Glas Rosé zur Mittagszeit verbringe ich den Nachmittag mit der Familie. (Ich habe außerdem eine strikte Routine, in welchen Tassen ich Tee und Kaffee trinke und wann ich sie benutze. Das bringt Struktur in meinen Tagesablauf.)

Im September geht es wieder in mein Büro in Norfolk, um den Prozess des Redigierens zu beginnen – jedes Buch wird oft mehr als 20-mal bearbeitet. Ich bemühe mich, ein nahezu perfektes Manuskript zu erstellen, bevor ich es meinem Verlag schicke. Ich lege mehrere Schichten Kleidung an und sitze so nah wie möglich am Feuer mit einem Vorrat an roten Stiften und einer Kanne Tee auf dem Tisch neben mir. Üblicherweise liegen mir ein paar Hunde zu Füßen.

Lucinda Riley, aus dem Englischen von Daniela Zielberg

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