Peter Mathews: Der leere Stuhl bei Amazon

Peter Mathews (c) Cyril Schirmbek Der Ort für die Amazon Academy hätte nicht besser gewählt sein können. Das „Café Moskau“ in der Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte galt zur Zeit des Mauerbaus 1961 als Zeichen der sozialistischen Zukunft und bietet heute einen stylischen Kontrast zu dem neoliberalen Geschehen in den renovierten Räumen. Der Versandhändler Amazon, inzwischen einer der weltweiten Dominatoren der digitalen Wirtschaft mit Milliardenumsätzen, gab sich dann auch ganz hemdsärmelig. Es wurde geduzt und so getan, als wäre man immer noch das Start-up aus Seattle, das mit seinen „Two-Pizza-Teams“ versucht, die Welt besser zu machen.

Eröffnet wurde der Tag, zu dem über 500 „Partner“ – Händler, Self-Publisher und Entwickler – eingeladen waren, durch eine Keynote des FDP-Vorsitzenden Christian Lindner, dem es gefiel, dass durch die Digitalisierung verkrustete Strukturen aufgebrochen und Bürokratie abgebaut wird. Im Prinzip stellte er die Gleichung ‚Digitalisierung = Liberalisierung‘ auf. Er forderte eine wettbewerbsfähige digitale Infrastruktur, eine Digitalisierung des Staates, und brachte das Beispiel, dass die Verwaltung Berlins so schlecht sei, dass nur noch Städte wie Palermo und Neapel mieseren Service böten. „Wofür Palermo die Mafia braucht, das schafft in Berlin der Senat.“ Und die größte Fessel des Fortschritts, gar der Freiheit, sei die Bürokratisierung der Arbeitswelt. Er sang, wie später auch die Chefredakteurin der „Wirtschaftswoche“, Miriam Meckel, das Loblied auf flexible Arbeitsbedingungen und das Recht auf Scheitern. Als FDP-Politiker kennt man sich schließlich damit aus. Lindner, Meckel wie auch alle anderen Diskutanten lobten flexible Arbeitsbedingungen und Disruption überkommener Strukturen. Lindner meinte konkret, dass der Staat nur noch als „Schiedsrichter“ auftreten und einen neuen „Gründergeist“ befördern solle. Kein Widerspruch im Publikum, und es kamen auch niemandem auf der Bühne oder im Auditorium Gedanken wie Schutzrechte, Datensicherheit, freier Netzzugang oder Datensouveränität in den Sinn. Allerdings waren Teilnehmer, die das auf dem Podium hätten problematisieren können, gar nicht erst eingeladen worden.

Der Amazon-Deutschland-Chef Ralf Kleber stellte dann sein Unternehmen auch so vor, als sei es trotz seiner Größe ein Start-up, in dem in „Two-Pizza-Teams“ an neuen Ideen getüftelt wird. Zwei Pizzas sind die Menge Teig, Tomaten und Käse, die sechs bis sieben Mitarbeiter bei einer nächtlichen Sitzung satt machen. Man denke stets vom Kunden her, für den auch in den Meetings symbolisch immer ein Stuhl freigelassen werde. Amazon als ein Hort der Kreativität, wo der Versuch mehr zählt als die Bedenken. Trial and Error als Geschäftsprinzip. Eine schöne heile Welt, die mit der wirklichen Wirklichkeit eines Großkonzerns wenig zu tun hat. Wer als Buchhändler, Verlag, Gewerkschafter oder Journalist mit diesem Unternehmen näher zu tun hat, wird dieses Selbstbild kaum bestätigen können. Hier wird knallhart verhandelt, kalkuliert, abgelehnt. Und im Alltagsgeschäft hat Amazon auch kein Kommunikationsbedürfnis. Man lässt sich nicht befragen, die Pressestatements lesen sich wie Textbausteine made in Seattle und Nachfragen werden beschwiegen.

Andererseits bietet Amazon Self-Publishern und Händlern auf dem Amazon Marketplace und mit diversen anderen Services (Serverleistungen etc.) unbestreitbar einen Marktzugang und Unterstützung im Workflow, den keine andere Plattform zurzeit in dieser Form bieten kann. Die Autoren und Händler, die mit Amazon zusammenarbeiten, haben davon einen Zugewinn. Dass sie neben einer Marge auch mit ihren Daten zahlen, kümmert sie offenbar nicht. Denn wo gibt es ein Service-Unternehmen, das so direkt auf ihre Wünsche und Bedürfnisse eingeht, wie Amazon? Wo kann man für 39 Euro im Monat einen Marktzugang bekommen? Und so entstand auf der Tagung auch so etwas wie eine Wünsch-dir-was-Stimmung nach dem Motto: Wir machen möglich, was Sie brauchen.

Amazon ist schon lange nicht mehr nur ein Versandhändler für Bücher oder Medien, sondern scheint sich vorgenommen zu haben, die gesamte digitale Wirtschaft unter seinem Dach zu vereinen. Man soll die Plattform gar nicht mehr verlassen müssen, um für alle Bedürfnisse ein Angebot zu erhalten. Die Geschäftsidee scheint zu sein, dass Amazon der ideelle Gesamtunternehmer des digitalen Zeitalters ist. Faktisch die Agentur des digitalen Staates. Ein digitaler Staat, der für alles sorgt. Das bedeutet, dass all das nach den von dem Unternehmen in Seattle vorgegebenen Bedingungen (Gesetzen) zu den von ihm geforderten Konditionen (Steuern) passiert. Der All-inclusive-Anspruch (wir haben alles und lösen jedes Problem) soll aber nicht zum Verweilen auf der Website animieren, sondern Einkaufen, Bestellungen etc. werden möglichst schnell abgewickelt und der Zugang soll leicht sein. „First in – first out“ ist so eine Idee. Man kommt zum Beispiel über die Homepage eines Autors auf eine Leseprobe und kann mit einem Klick das vorgestellte Buch bei Kindle kaufen, ohne durch die Amazon-Seite zu browsen. Ziel ist wohl, dass Händler wie Käufer alles automatisiert über Amazon abwickeln.

Noch scheint es möglich, dass der reale Staat und seine politisch Verantwortlichen die Rahmenbedingen setzen können und das Recht auf die eigenen Daten, den freien Zugang zum Netz, freien Wettbewerb, Meinungsfreiheit zum Beispiel durch ein Digitalgesetz schützen können. Oder eigene, unabhängige und neutrale Strukturen wie log.os aufbauen. Es wäre tatsächlich die Aufgabe von Parteien und der Politik, sich für die Freiheit und Vielfalt im Netz stark zu machen. Freiheit bedeutet in diesem Fall aber nicht nur Infrastruktur und Gewerbefreiheit, sondern auch Schutzrechte, die der FDP-Vorsitzende in seiner Keynote sicher aus Zeitgründen „vergessen“ hatte zu erwähnen.

Ansonsten läuft alles gut für Amazon. Und wie die anwesende Community Erfolge feiert, erinnerte dann doch ein wenig an die Parteiveranstaltungen, die früher in der Karl-Marx-Allee stattfanden. Da wurden bei den Reden einzelne Autoren oder Händler aufgerufen, die ihr „Best practice“-Beispiel wie ehedem auf Parteitagen die Normerfüllung beklatschen lassen durften oder der Saal applaudierte stehend sich selbst zu fast fünf Millionen verkauften E-Books.

Der Sieg des Digitalismus scheint unaufhaltbar unter Führung von Amazon.

Und dann gab es lecker Sättigungsbeilage.
Peter Mathews ist Volkswirt, ehemals Werber, Lektor und Verleger, jetzt freier Autor. Zur Buchmesse erscheinen seine Bücher „Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten“ (mit Benno Köpfer) bei dtv und „Die Wahrheit hinter der Wahrheit: Die Goldfine-Akten“ (mit Yitzhak Goldfine) im Europa Verlag.

Weitere Artikel aus dem log.os-Channel finden Sie hier.

Kommentare

2 Kommentare zu "Peter Mathews: Der leere Stuhl bei Amazon"

  1. Peinlich? Warum so naßforsch, sehr geehrter Herr Lindner?
    Vielleicht weil Sie sich doch ein wenig ertappt fühlen? Ja, den von Ihnen angeführten Satz über die „Fairness im Wettbewerb“ haben Sie gesagt, kurz vor Schluß Ihrer 15minütigen Rede, es klang wie ein Hinweis auf die allgemeinen Geschäftsbedingungen.
    Ordnungspolitik war ja nicht das Thema Ihrer Rede.
    Das „Cafe Moskau“ wäre dafür aber der richtige Ort gewesen.
    Ihr Thema war die digitale Modernisierung, der Infrastruktur, der Bürokratie, der Arbeitsverträge, ein Plädover für die Segnungen der kreativen Zerstörung (Schumpeter). Das ist in Ordnung und Amazon hatte Sie sicher deshalb eingeladen. Als Vorsitzender der liberalen Partei ( Sie sehen, ich setze Hoffnung in die Liberalen) hätten Sie aber nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für den freien Markt und für Bürgerrechte sprechen können.
    Also nicht nur ein Plädoyer zu Investitionen in die notwendigen Datenautobahnen, sondern auch über die digitale Verkehrsordnung,
    Ein freier Markt oder hier ein freies Netz braucht Verbraucherschutz, verlangt u.a. Datensouveränität des Einzelnen, Datensicherheit, freien Zugang zum Netz. Digitale Bürgerrechte, die in der Euphorie der Modernisierung zu gern vergessen werden.
    Amazon führt diese Diskussion nicht, beteiligt sich nicht am Diskurs, sondern verweist wie Populisten es tun, auf vorgeblichen Kundennutzen.
    Der Buchhandel ist mit den Jahren (im Sinne des Wortes) ohne eigenes Zutun, in die Rolle eines digital Abhängigen geraten und wird aus dieser Schwäche allein nicht mehr herausfinden. Die realen Marktverhältnisse scheinen fairen Wettbewerb auf Dauer nicht mehr zu gewährleisten.
    Es braucht auch Ihre politische Arbeit, denn nur die kann Wettbewerb und letztlich Bürgerrechte sichern. Deshalb freue ich mich, dass Sie in Ihrer Replik darauf bestehen, in diesem Sinne verstanden zu werden.
    Ihr Peter Mathews

    P.S. Ich schulde Ihnen noch zwei Anführungszeichen für das >> Scheitern<<

  2. Sehr geehrter Herr Mathews,
    Ihr Text stellt meinen Beitrag falsch und geradezu ins Gegenteil verkehrt dar:

    Ich habe ja ausdrücklich den Staat gefordert, der unter dem Gesichtspunkt Fairness des Wettbewerbs Plattformen wie Amazon flankieren müsse. Ich sprach davon, niemand dürfe so mächtig werden, dass er anderen die Geschäftsbedingungen diktieren könne usw. Ich habe eine neue Ordnungspolitik gefordert. Etwas Recherche hätte Sie zu meinen Texten geführt, die ich seinerzeit für Frank Schirrmacher geschrieben habe.

    Sie blenden dies komplett aus, um dann aber selbst darauf zu sprechen zu kommen, ich hätte dazu ja nichts gesagt. Ein Programm, dass Sie auch im Kleinen wiederholen: Sogar meine Pointe, die FDP kenne sich ja mit Scheitern aus, übernehmen Sie ohne Zitat, so dass diese wie Ihre wirkt. Peinlich für einen Autor.

    Mit freundlichen Grüßen
    Christian Lindner

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