Handeln! Infrastrukturen von morgen

Bei seiner Rede zur Eröffnung der Buchtage in Berlin hat Heinrich Riethmüller (Foto: Claus Setzer) neue Innenstadtkonzepte für den Handel gefordert. Angesichts der wachsenden Schwierigkeiten auch von Buchhändlern, in Innenstädten attraktive Standorte zu besetzen, müsse die Politik stärker den innerstädtischen Handel steuern, so der Vorsteher des Börsenvereins
Nachfolgend Riethmüllers Rede im Wortlaut:
„Meine verehrten Damen, meine Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
?„Handeln! Infrastrukturen von morgen“, so sind die Buchtage in diesem Jahr überschrieben. Ich begrüße Sie herzlich in Berlin. Das Ausrufezeichen hinter „Handeln“ ist nicht zufällig gewählt. Es ist Statement und Aufforderung zugleich.

Wenn wir uns heute hier in Berlin treffen, um über die Zukunft von Verlagen und Buchhandlungen zu sprechen, um über Infrastrukturen und Innovationen von morgen zu diskutieren, tun wir dies selbstbewusst. Oftmals totgesagt, manchmal belächelt und in den letzten Jahren immer wieder als eine Branche beschrieben, die angesichts der Digitalisierung verunsichert nach neuen Geschäftsmodellen sucht, sagen wir heute: Verlage und Buchhandlungen haben die Marktveränderungen erkannt und gestalten den Markt erfolgreich mit.

Die Buchbranche in Deutschland hatte mit dem stationären Buchhandel im letzten Jahr erstmals eine bessere Umsatzentwicklung als der reine Online-Buchhandel. Im digitalen Geschäft hat der Sortimentsbuchhandel aufgeholt und bietet mit einer breiten Palette von Lesegeräten und offenen Formaten echte Alternativen zum Kindle an, der seine Leser in sklavischer Abhängigkeit hält. Und: Die deutsche Buchbranche lässt sich von großen und weltweit agierenden Online-Anbietern nicht ins Boxhorn jagen, sondern prangert es öffentlich an, wenn sie merkt, dass die internationalen Konzerne versuchen, ihre Marktmacht immer mehr auszunutzen.

Und gerne wiederhole ich zudem meine These, die ich zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse aufgestellt habe und von der ich überzeugt bin: Der deutsche Sortiments-Buchhandel ist ein Vorbild für alle anderen Einzelhandelsbranchen.

Über 2.000 Buchhandlungen in Deutschland haben einen gut funktionierenden Online-Shop, über den man bequem Bücher auf den nächsten Tag bestellen oder E-Books auf Lesegeräte herunterladen kann. Multi-, Omni- oder Cross-Channeling sind für den Buchhandel längst keine Fremdwörter mehr, der Buchhandel bespielt längst alle Kanäle.

Doch wir sind Teil eines Systems. Mit Sorge beobachte ich deshalb die Entwicklung vieler Innenstädte. Den Leerstand, die Expansion der Mobilfunkläden, das „Geiz-ist-geil“-Angebot, die zunehmende Gleichförmigkeit der Einkaufsstraßen, wohin man auch kommt, und ich beobachte nicht zuletzt auch mit Sorge die Entwicklung der Mietpreise und die Auslagerung der Kundenströme aus den Stadtzentren hin zu Einkaufszentren oder großen Gewerbegebieten.

Ein Ort, in dem man gerne lebt, arbeitet, essen geht und einkauft, entsteht leider nicht mehr von selbst. Solche Orte muss man wollen – für seine Bürger. Und deshalb brauchen solche Orte Förderung.
„Die mittelalterliche Stadt war ein ,Haus‘, dessen geschlossene Gestalt von innen her erdacht und entworfen war, die Stadt des 19. Jahrhunderts eine festliche Anlage, die sich wenigen Gästen öffnete. Demgegenüber ist die City von heute ein offener Raum, der täglich neu gefüllt werden muss und die Tendenz hat, täglich weiter ins Umland auszugreifen.“ Hannelore Schlaffer beschreibt diese Tendenz in ihrem bemerkenswerten und preisgekrönten Buch „City – Straßenleben in der gelebten Stadt“, erschienen bei zu Klampen.

Sie macht klar, welche wichtige Funktion die moderne Stadt heute für alle Formen der Kommunikation hat. Und sie warnt: „gerade aber kündigt sich ein neues Verhältnis zur City an. Die Euphorie, die so viele in die Stadt lockt, wird in jüngster Zeit gedämpft durch die Angst vor dem Untergang: Auf einmal taucht das Internet als Feind der City auf. Die Möglichkeiten des Online-Handels, das Outsourcing von Dienstleistungen ziehen, so fürchten Investoren und Stadtväter, die Aufmerksamkeit von der City ab. Noch immer verschafft die Stadt jedem Unternehmen, das sich dort niederlässt, einen Namen, jedem Bewohner einen Rang, jedem Besucher einen Traum. Zur Stadtplanung gehört deshalb nicht nur die Architektur, sondern auch der gute Ruf“. Soweit Hannelore Schlaffer.

Einzelhandel, Verbraucher und Politik sind gefragt und aufgefordert, Angebote, Verhalten und Maßnahmen zu überdenken und einzuleiten, um das Sterben der Innenstadt zu verhindern. Der Einzelhandel darf nicht nur jammern, sondern muss die Möglichkeiten des Cross-Channeling voll ausnutzen und Kunden bequeme Angebote bieten, auf allen Kanälen einkaufen zu können. Kunden und Verbraucher wiederum müssen sich klar werden, wohin unüberlegtes Einkaufen führen kann, welche Konsequenzen es für  Stadtentwicklung und Umwelt hat, wenn der Einzelhandel vor Ort  immer weniger Umsätze generiert. Und nicht zuletzt sind Politik und Kommunen gefordert, die Rahmenbedingungen für einen lebendigen Einzelhandel in den Städten zu erhalten oder zu gestalten. Also den „guten Ruf“ wieder herzustellen.

Nicht so ertragsreichen Branchen wie dem Buchhandel gelingt es immer weniger, in Innenstädten 1a-Standorte zu besetzen, weil die Mieten in schwindelerregende Höhen steigen. Prominentestes Beispiel ist die Ankündigung von Hugendubel, das 1979 am Marienplatz in München eröffnete Geschäft demnächst wegen zu hoher Mietkosten schließen zu müssen. Dort eröffnet bald die Telekom einen Flagshipstore!

Eine Buchhandlung in der Innenstadt braucht ein ausgewogenes und interessantes Angebot im Umfeld und umgekehrt: Eine Innenstadt braucht eine Buchhandlung. Gerade unsere Branche belebt durch ihr Angebot, durch Veranstaltungen und als Literaturhaus im Kleinen den gesamten innerstädtischen Handel und die Kultur einer Stadt. Eine City ohne Buchhandlung verödet.

Wir leben in einer Marktwirtschaft, Angebot und Nachfrage bestimmen auch Mietpreise. Doch es gibt kluge Stadtväter und -mütter, die im Sinne ihrer Bürger gestaltend wirken wollen. Sie greifen aktiv ein, um den innerstädtischen Handel zu steuern. Sie kaufen innerstädtische Immobilien. Und sie vermieten diese Immobilien nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Gewinnmaximierung, sondern suchen sich ihre Mieter bewusst aus. Beispielsweise einen Buchhändler, den sie als Mieter gewinnen möchten, eben weil der Buchhandel Kultur in die Stadt bringt und das Stadtleben bereichert.

Das sind leider noch seltene Einzelfälle, aber es sind strategisch und nachhaltig gedachte Konzepte. Wir brauchen, und das ist meine Botschaft an die Politik, Regelungen, die eine Steuerung solcher Verhältnisse durch eine Kommune verstärkt möglich machen. Im Sinne einer lebendigen Stadt mit großem Kulturangebot und eines lebendigen Einzelhandels dort. Im Sinne eines Buchhandels, der dann in den Städten seine kulturelle Wirkung entfalten kann.

Welche Chancen sich dem Buchhandel bieten, stellt uns Dr. Johannes Berentzen in der neuen Studie „Category Killer“ vor, die für Aufsehen im Einzelhandel gesorgt hat. Damit werden die Buchtage 2014 offiziell eröffnet und ich freue mich, Sie zum ersten Mal in der Funktion als Vorsteher des Börsenvereins bei den Buchtagen begrüßen zu können.

Mit besonderer Freude folge ich der geübten Praxis, hier an dieser Stelle den Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2014 bekannt geben zu dürfen, der im weiteren Sinne wunderbar zu der Thematik des heutigen Tages passt, weil er unter anderem kenntnisreich analysiert, was die Digitalisierung mit uns allen macht, wenn wir nicht wachsam sind; wie sie unsere Welt verändert und welche Gefahren sich auftun, wenn weltumspannende Monopole unser Leben bestimmen; welche Gefahren auftreten, wenn wir unbekümmert und naiv online unterwegs sind und überall unsere digitale Spuren im Netz hinterlassen.

Der Stiftungsrat für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels – das wird in diesen Minuten öffentlich gemacht – hat zum diesjährigen Friedenspreisträger den amerikanischen Informatiker, Musiker und Schriftsteller Jaron Lanier gewählt.

In der Begründung heißt es: Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahr 2014 an Jaron Lanier und ehrt mit dem amerikanischen Informatiker, Musiker und Schriftsteller einen Pionier der digitalen Welt, der erkannt hat, welche Risiken diese für die freie Lebensgestaltung eines jeden Menschen birgt.
Eindringlich weist Jaron Lanier auf die Gefahren hin, die unserer offenen Gesellschaft drohen, wenn ihr die Macht der Gestaltung entzogen wird und wenn Menschen, trotz eines Gewinns an Vielfalt und Freiheit, auf digitale Kategorien reduziert werden.

Sein jüngstes Werk „Wem gehört die Zukunft“ wird somit zu einem Appell, wachsam gegenüber Unfreiheit, Missbrauch und Überwachung zu sein und der digitalen Welt Strukturen vorzugeben, die die Rechte des Individuums beachten und die demokratische Teilhabe aller fördern. Mit der Forderung, dem schöpferischen Beitrag des Einzelnen im Internet einen nachhaltigen und ökonomischen Wert zu sichern, setzt Jaron Lanier sich für das Bewahren der humanen Werte ein, die Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens, auch in der digitalen Welt, sind.“ Verliehen wird der Friedenspreis in der Frankfurter Paulskirche zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, dem 12. Oktober.

Ich wünsche uns allen spannende Buchtage 2014!“

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