Was machen Verlage falsch, Herr Gatza?

Eine Gruppe von Autoren wirft per Deklaration Fragen zur digitalen Zukunft auf. Unterzeichner Mathias Gatza (Foto: Gerald Foris) über das E-Book und die Rolle der Verlage.

Ist Ihre Deklaration ein Hilferuf an die Verlage?
Nein, aber wir nehmen eine andere Haltung zur digitalen Zukunft der Literatur ein als die Verlage. Wir rufen gerade nicht nach Hilfe, sondern werden selbst aktiv. Die Verlagsstrategien und die der Autoren müssen ja in solchen Umbruchsituationen nicht immer synchron gehen. Bisher haben uns die Verlage umfassend betreut, aber bestimmte Aufgaben des digitalen Publizierens – wie etwa die Qualitätssicherung – können wir durchaus auch selbst übernehmen.
Was hindert die Autoren?
Es hindert uns gar nichts, Bücher digital zu machen, die wir für wichtig halten und an denen die Publikumsverlage kein Interesse haben. Die meisten Verlage verhalten sich seit Jahren angesichts der digitalen Herausforderung vor allem defensiv, sie sparen Mitarbeiter ein, verkleinern ihr Programm oder konzentrieren sich auf die Bestseller. Vielleicht kann man den Verlagen gar keinen Vorwurf machen, denn tatsächlich weiß keiner genau, wie anspruchsvolle Literatur in der Netzwelt funktioniert.
Kümmern sich die Verlage zu wenig um die digitale Verbreitung?
Nicht alle. Sie machen das, was mit ihren Geschäftsmodellen machbar ist. Wir aber werden unsere Texte auf einer qualitätsgesicherten Plattform umsonst anbieten. Das machen Verlage nicht und es ist ihnen nicht vorzuwerfen, denn schließlich hat die Rasanz der digitalen Entwicklung alle in der Buchbranche überrascht. Die einzige Firma, die ungewöhnliche Geschäftsmodelle in alle Richtungen erst ausprobiert und dann besetzt, heißt Amazon. Das kann den Verlagen ja auch nicht gefallen.
Was müssten die Verlage tun?
Wie gesagt, das ist nicht unsere Frage. Wir fragen uns, was wir als Autoren tun können. Dazu gehört auch, Texte, die sich heute kaum noch einer von uns zu schreiben traut, zu schreiben, und dann herausfinden, ob dafür nicht Leser gewonnen werden können, die der gegenwärtigen Hardcoverproduktion verloren gegangen sind. Das große digitale Geschäft wird im Moment mit Genreliteratur und vor allem von Amazon gemacht und es kommt keiner auf die Idee, dass das E-Book für anspruchsvolle Literatur ein noch wunderbareres Format sein kann. Man muss nur erst einmal anfangen, damit zu experimentieren, ein Umfeld zu bereiten und Aufmerksamkeit zu schaffen. Vergriffene Titel können ohne größere Kosten wieder zugänglich gemacht werden. In der Hinsicht ist eine klassische Werkbetreuung im Netz sehr viel leichter möglich.
Wollen Sie sich von den Verlagen emanzipieren?
Wir wollen im E-Book-Bereich Eigeninitiative zeigen. Eigenständigkeit ist nicht notwendig eine Kampfansage an die Verlage. Wir hoffen, dass sie ein Interesse daran haben, dass Autoren die Chance nutzen und testen, wie und wo Leser für anspruchsvolle Literatur zu finden sind. Abgesehen davon gibt es allerdings bei vielen Schriftstellern die Idee, dass sie in Zukunft alles eigenständig machen. In Amerika ist es bereits üblich, dass Autoren des Mittelfelds – international bekannt – fast alle Teile der klassischen Verlagsbetreuung selbst organisieren. Autoren haben Pressesprecher, Veranstaltungsorganisatoren und Lektoren, die sie aus eigener Tasche zahlen.
Was versprechen Sie sich eigentlich vom digitalen Publizieren?
Ganz einfach: Leser. Für einen Autor gibt es zwei Pfeiler im Leben: die Ökonomie und die Auseinandersetzung mit seinen Lesern. Die Kommerzialisierung der Verlage, die zunehmende Fokussierung auf Verkäuflichkeit, hat auch das Schreiben verändert. Das fängt schlicht damit an, dass Autoren eher die Form des Romans wählen und Erzählungen meiden, weil sich Romane besser verkaufen lassen. Experimente, wie früher in der Edition Suhrkamp, werden nur noch in Ausnahmefällen gemacht. Im Prinzip könnte man sagen: Wenn wir andere Sendeplätze und Formate hätten, vielleicht würde eine interessantere oder erst einmal andere Literatur dabei herauskommen. Die nicht jedem gefallen muss.
Wünschen Sie sich nicht vor allem zahlende Leser? Sie wollen schließlich auch Ihren Kühlschrank füllen.
Das ist richtig, aber bei den meisten Autoren der anspruchsvollen Literatur machen die Hororare ihrer Bücher 10 bis 20 % ihrer Lebenshaltungskosten aus, und da könnte ich jetzt sehr bewunderte Namen nennen. Ich sage immer: Wenn man geizig ist, dann bekommt man auch nichts. Wenn interessante Bücher nicht geschrieben und verlegt werden, verdienen wir nichts daran, der Buchhändler auch nicht. Also haben wir doch ein größeres Interesse daran, zu schauen, ob es für anspruchsvollere Formate Interesse im Netz gibt.
Auf den Selfpublishing-Portalen funktioniert anspruchsvolle Literatur offensichtlich nicht.
Das stimmt, darum versuchen wir die Zielgruppe der Literaturinteressierten mit unserem Portal „Fiktion“ zu erreichen. Leser anspruchsvoller Literatur interessieren sich in der Regel nicht für die Titel, die auf Rängen zwischen 1 bis 2000 bei Amazon-Selfpublishing-Gruppen stehen.
Sie vermissen ein E-Book-Format, das die Konzentration auf den Text erleichtern soll. Was muss man sich darunter vorstellen?
Man sollte diesen Transfer von Literatur in die digitale Welt nicht wenigen multinationalen Konzernen überlassen, auch nicht darin, wie die zukünftigen Texte digital dargestellt werden. Wir arbeiten mit Dozenten des Instituts für Buchwissenschaft in Mainz zusammen, um andere, eher die Konzentration fördernde digitale Leseformate zu entwickeln. Wir gehen davon aus, dass das E-Book nicht so aussehen würde, hätte es das Buch nie gegeben.
Das Internet und Digitale Medien scheinen sich negativ auf die Konzentrationsfähigkeit auszuwirken. Ist es nicht besser, offline zu lesen?
Tatsächlich scheint der gegenwärtige Umgang mit dem Internet die Konzentrationsfähigkeit massiv einzuschränken. Aber gerade deswegen ist es ja interessant, nach Möglichkeiten zu suchen, wie sich in diesem Medium ein konzentriertes Lesen umsetzen lässt.
Die Fragen stellte Till Spielmann
Zur Person: Mathias Gatza
geboren 1963 in Berlin, begann seinen Verlagskarriere bei Wagenbach. 1990 gründete er den Mathias Gatza Verlag (ab 1996 „Gatza bei Eichborn“); danach Lektor beim Berlin Verlag und bei Suhrkamp. Im Herbst 2013 startet er zusammen mit Ingo Niermann das digitale Modellprojekt Fiktion. 

Kommentare

2 Kommentare zu "Was machen Verlage falsch, Herr Gatza?"

  1. Bildschirmmedien und Konzentration auf den Text sind kein Widerspruch, das zeigt ja gerade die Arbeit der Mainzer Buchwissenschaftler: http://www.uni-mainz.de/presse

  2. Das Bedürfnis vieler Autoren und die veränderte Verlagsstruktur sehr gut auf den Punkt gebracht!

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