Verlage nutzen die neuen Möglichkeiten nicht genügend

Bei der Schriftgestaltung digitaler Bücher haben Verlage Nachholbedarf. Im Vorfeld des buchreport-Webinars zur E-Book-Typografie (Donnerstag, 18. Juli, 14 Uhr, hier geht’s zur Anmeldung) lokalisiert der Unternehmensberater Michael Hofner (Hofner und Wilhelm Publisher Consultants GmbH) die aktuellen Problemfelder.

Hofner ist neben dem Typografie-Experten Robert Strauch Referent beim buchreport-Webinar über E-Book-Typografie. Hier weitere Infos zum einstündigen Seminar, das per Internet gehalten wird. 

Haben die Software-Ingenieure die Typografen abgelöst, wie vom Typografie-Experte Jan Middendorp befürchtet?
So würde ich die Aussage nicht stehen lassen. Bei gedruckten Büchern haben Designer und Mediengestalter die volle Kontrolle über das, was der Leser zu sehen bekommt. Dies ist bei der Produktion von E-Books komplexer. Hier gibt es in technischer Hinsicht mehrere Schichten, die letztendlich darüber entscheiden, wie viel Typografie tatsächlich beim Leser ankommt. Diese sind: die E-Book Standards selbst (z.B. Epub, Amazon KF8, etc.),  Anzeigeverhalten bzw. Standardkonformität der Reader oder Reader-Apps sowie benutzerspezifische Einstellungsmöglichkeiten. Es gilt also zu reflektieren, welche typografischen Aspekte diese Schichten bis zum Anwender durchdringen. Der Aussage des Beitrags, dass es darum ginge, eine Sammlung von Möglichkeiten zu gestalten, kann ich voll und ganz zustimmen. Der Schlüssel liegt demnach darin, die Sammlung der Möglichkeiten zu definieren, zu priorisieren und anschließend gezielt zu optimieren. Dafür muss man aber kein Software-Ingenieur sein. 
Die digitale Typografie fällt aktuell hinter die Print-Standards zurück. Wo liegen die wesentlichen Probleme?


Grundsätzlich stellt sich die Frage, inwieweit das Übertragen der typografischen Standards aus dem Print-Bereich in ein neues, digitales Medium überhaupt sinnvoll bzw. notwendig ist. Aufgrund der großen Nähe des E-Books zum Print-Produkt ist ein wesentlicher Teil des typografischen Anspruchs sinnvoll übertragbar. Bei anderen digitalen Produkten wie beispielsweise Webangeboten oder auch Apps ist dies sicherlich nicht oder nur eingeschränkt der Fall.

Bei E-Books lassen sich die Probleme thematisch in drei Kategorien einteilen: Technologie, Wirtschaftlichkeit und Kompetenz.
Technologie: Die Formatierungsmöglichkeiten innerhalb der Standards, aber auch das Anzeigeverhalten der Geräte bzw. Reader-Apps, sind nach wie vor ausbaufähig. Dennoch liegt zwischen dem, was heute schon möglich ist, und der aktuellen E-Book-Gestaltung Potential brach, das durchaus genutzt werden kann. 
Wirtschaftlichkeit: Diesen Aspekt kann man von zwei Perspektiven betrachten: aus Sicht der Geräte-/Softwarehersteller und aus Sicht der Verlage. Ein iteratives Vorgehen bei der Hard- und Software-Entwicklung ist gängige Praxis, sodass die Endgeräte der ersten Generationen nur Basisfunktionen im Hinblick auf die Typografie abgedeckt haben. Gleichzeitig ist ein rasanter Preisverfall bei den Endgeräten zu beobachten. Der Markt wird folglich zunehmend nur noch für Player interessant, die die geringe (bis nicht vorhandene) Marge beim Verkauf der Reader durch Folgegeschäft mit Inhalten ausgleichen können. Keine optimalen Voraussetzungen für umfangreiche Entwicklungsinvestitionen. Auch aus Sicht der Verlage ist es nachvollziehbar, dass das E-Book-Geschäft mit zunächst geringem Erlös bei gleichzeitig hohem Initialaufwand, z.B. bei der Rechtebeschaffung und Konvertierung der Backliste, geprägt war. Der Gestaltung der E-Books wurde vor diesem Hintergrund nur eine geringere Priorität beigemessen. Dies wird sich mit zunehmend positiver Absatzentwicklung sicher ändern. 
Kompetenz: Grundlage für die Gestaltung von E-Books, egal ob im Epub- oder Amazon KF8-Format, sind die Technologien HTML/CSS. Jedoch schränken die aktuellen E-Book Standards den Funktionsbereich von HTML/CSS zum Teil stark ein, da diese nur Teilmengen des jeweiligen Standards unterstützen. Gerade in diesem Bereich galt und gilt es, Spezial-Knowhow aufzubauen. Gleichzeitig zeichnen sich nun klare Tendenzen bei den Absatzkanälen und den damit verbundenen Formaten und Endgeräten ab, sodass eine priorisierte Optimierung der Gestaltung für bestimmte Endgeräte erst sinnvoll möglich ist. 
Erwarten Sie durch Epub3 wesentliche Fortschritte?

Ganz eindeutig ja. Epub3 bringt erweiterte Formatierungsfunktionen, da das Format CSS2 vollständig und CSS3 inkl. der Technologie Media Queries teilweise unterstützt. Diese Technologie ermöglicht die Abfrage von Geräteeigenschaften wie z.B. Farbigkeit oder Displaygröße, um anschließend eine darauf optimierte Gestaltung ausliefern. Die Möglichkeit zur Schrifteneinbettung ist mit Epub3 um das Format WOFF erweitert, gleichzeitig wurde die bisher nur optionale, geräteseitige Unterstützung gestrichen. All das ist aber aus heutiger Sicht noch nicht relevant, da nach wie vor nur ein geringer Teil der Neugeräte bzw. Geräte im Markt Epub3 unterstützen. Abgesehen von diesen Entwicklungen hat Amazon im letzten Jahr mit der Markteinführung des Kindle Fire auf das KF8-Format umgestellt und damit die Formatierungsmöglichkeiten signifikant ausgeweitet. Inzwischen sind für fast alle Kindle-Geräte Updates bereitgestellt, jedoch scheinen die Verlage diese neuen Gestaltungsmöglichkeiten nicht zu nutzen. Also: Potential für Luft nach oben.

Hier melden Sie sich zum buchreport-Webinar zur E-Book-Typografie an.

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