Kein Grund, Bücher elitär zu vermarkten

Pricing ist entscheidend und Handelsmarketing Trumpf. Christiane Frohmann und Sascha Lazimbat vom Berliner Digitalverlag Eriginals Berlin beschreiben ihre digitale Tugenden.
Nach Ihrer Einschätzung hat die Musikindustrie in zehn Jahren 30% der Umsätze eingebüßt. Ist das in der Buchbranche im Zuge der Digitalisierung auch zu erwarten?

Lazimbat: Das hängt von vielen Faktoren ab. Wird es gelingen, die Piraterie mit guten legalen Angeboten in die Schranken zu weisen? – in diesem Punkt bin ich optimistisch. Daneben ist entscheidend, wie viele Flächen im stationären Handel geschlossen werden. Zwar ist die Entwicklung hierzulande wegen der Buchpreisbindung weniger kritisch, dennoch sind die Umwälzungen immens.
Während es bei den Inhalten erste Experimente gibt, sind die Geschäftsmodelle noch meist die konventionellen. Wird sich das ändern?
Frohmann: Die klassischen Verlage werden sich weiterhin in der Regel am Printprodukt orientieren, das gestützt werden soll. Und wenn das gedruckte Buch 29,99 Euro kostet, kann das E-Book nicht für 3,99 Euro angeboten werden, weil die Relationen nicht mehr stimmen. Bei Eriginals haben wir die Bindung an das gedruckte Buch nicht, also fallen hohe Kosten z.B. für Druck, Lager und physischen Versand weg. Und es gibt keinen Grund, diese Ersparnis nicht an den Leser weiterzureichen. Wir sehen die von vielen Verlagen angesetzte Grenze von 9,99 Euro für E-Books eher bei 4,99 Euro. 

„Wir leisten uns im Einzelfall Nischenliteratur“

Was sagen Ihre Autoren dazu?
Frohmann: Die gehen diesen Weg mit, weil der Anteil, der bei ihnen bleibt, genauso hoch ist wie beim Printprodukt. Der Maler Jim Avignon hat einmal gesagt, dass er lieber 1000 Bilder für einen Euro als ein Bild für 1000 Euro verkauft. Das ist auch unsere Ideologie. Es gibt keinen Grund, Bücher elitär zu vermarkten. 
Das verpflichtet Sie aber, hohe Stückzahlen abzusetzen.
Frohmann: In der Regel schon, aber wir leisten uns im Einzelfall Nischenliteratur; auch bei einem rein digitalen Verlag wie unserem gibt es Quersubventionierung.
Wie hoch sind die Deckungsauflagen im digitalen Bereich?
Frohmann: Wir fahren auf kleiner Flamme bislang und haben gerade einmal 20 Titel auf den Markt gebracht, insofern ist unser Erfahrungsschatz noch nicht groß genug. Es zeigt sich aber, dass E-Book-Bestseller durchaus kostendeckend sind. Das ist uns bei zwei Titeln gelungen.
Bestseller heißt, in den iTunes-Charts …
Frohmann: Auf Platz 1 oder 2 zu landen und sich möglichst lange oben in den Charts zu halten. 
„Die neue Lady Gaga aus dem Internet gibt es noch nicht“
Das gelingt per Handelsmarketing?
Lazimbat: Durchaus. Meine Hauptmotivation, bei Eriginals unterstützend zu agieren, besteht genau darin, diese Prozesse kennenzulernen und die Verlagskunden von Zebralution damit vertraut zu machen. Social Media kann beispielsweise einen großen Einfluss auf den Erfolg eines E-Books haben. Gelingt es, die Leser über Twitter und Facebook zu mobilisieren, hat dies direkte Effekte bei iTunes oder Amazon. So sind auch die Erfolge der Selfpublishing-Autoren zu erklären, von denen inzwischen drei in den Club der Kindle-Millionäre eingezogen sind. Interessanterweise gibt es dieses Phänomen im Musikbereich kaum. Einzelne Künstler haben kleine digitale Labels gegründet, aber die Erfolgsgeschichte „Gestern noch unbekannt, heute per Internet die neue Lady Gaga“ gibt es noch nicht. Ich schließe daraus, dass die Empfehlung durch eine Community im Buchbereich einen höheren Stellenwert hat. 
Die Fragen stellte Daniel Lenz
Das komplette Interview ist im buchreport-Spezial „Herstellung und Management“ zu lesen (hier zu bestellen).

Kommentare

1 Kommentar zu "Kein Grund, Bücher elitär zu vermarkten"

  1. Jürgen Schulze | 25. April 2012 um 14:59 | Antworten

    Ich habe vor wenigen Wochen im stationären Buchhandel eine gebundene Dünndruck-Ausgabe von Jane Eyre für fast 27 Euro gesehen.
    Meine Ausgabe von Jane Eyre kostet für Kindle, iTunes und als PDF nur 99 Cent.
    Für einen Klassiker solche Preise zu verlangen ist deutlich unverschämt… aber auch ambitioniert.
    Ich habe von meiner Version bereits tausende verkauft.

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