Kuckuckseier für den Buchhändler?

Das zurückliegende Weihnachtsgeschäft kann als Indikator für Potenziale und Baustellen im E-Book-Markt gewertet werden, ist doch spätestens seit 2011 die Hardware-Ausstattung vorhanden, sind die E-Books in den Köpfen eines großen Publikums angekommen. buchreport.de hat sich bei einer kleinen Stichprobe von Buchhändlern umgehört. Ein Fazit: Die Produkte leiden unter der mangelnden Marktmacht der Branchenakteure.

Kunden zeigen reges Interesse an E-Books

Positiv überrascht über das hohe Interesse und den Absatz zeigt sich Simone Dalbert (Foto li.) von den Schöningh Buchhandlungen (Haupthaus in Würzburg und 3 Filialen): „Wir haben meist Kunden, die sich bewusst über Alternativen zu Amazon informieren wollen, oder technisch eher unerfahrene Kunden.“ Dennoch: Für eine wirkliche Bilanz sei der Zeitraum eigentlich zu kurz. Bei der Versandbuchhandlung Kohlibri war das E-Reader-Geschäft „um einiges lebhafter als vor einem Jahr“, berichtet Geschäftsführer René Kohl. Die Nachfrage nach E-Readern habe deutlich zugenommen, berichtet auch Thomas Wrensch von der Buchhandlung Graff (Braunschweig), das E-Book werde rasch an Bedeutung gewinnen.

Auch Susanne Martin von der Schiller Buchhandlung in Stuttgart verzeichnet seit der Frankfurter Buchmesse eine deutlich höhere Nachfrage nach E-Readern. 

Für Martina Bergmann (Foto re.) von Bücherland Westfalen (Borgholzhausen) ist das Reader- und E-Book-Geschäft kein relevanter Umsatzfaktor, aber ein wichtiges Instrument der Kundenbindung. Sie kooperiert mit einem benachbarten Handy- und Computerladen, der mit den Kunden das passende Gerät aussucht und ihren Shop www.buecherlaender.de direkt einrichtet. Beschwerden gab es dank dieses Modells nicht.

Viele Probleme beim E-Reader-Verkauf sind hausgemacht
Versandbuchhändler René Kohl (Foto li.) kritisiert, dass die Buchhändler vor dem Kauf der E-Reader nicht ausreichend von den Geräteanbietern informiert und unterstützt werden werden. Mit dem Leseerlebnis seien die Kunden zwar überwiegend zufrieden, viele Kunden hätten aber Probleme mit Bedienkomfort und Technik, beispielsweise mit der Einrichtung der WLAN-Verbindung und der Menüstruktur. 

Seine Kritikpunkte:

  • Keine echten Vorabtests der Geräte möglich.
  • Buchhändler wurden nicht ausreichend über Details der technischen Einbindung und Ausgestaltung der Reader-Shops informiert.
  • Viele Shop-Lösungen seien fragwürdig (bzw. ein „Kuckucksei“ für den Buchhändler).
  • Alle Hersteller hätten zu spät ausgeliefert, es blieb kaum Zeit für eine adäquate Präsentation.
  • Unbefriedigende Lieferzeiten und Lieferfähigkeit.
  • Unzureichendes Bildmaterial.
  • Keine Freiexemplare, keine Testexemplare, sehr teure Selbstschulung.
  • Unbefriedigende Information und digitales Bildmaterial für Accessoires.
  • Teilweise unbefriedigende Liefersituation für Accessoires.
Kohl: „Dann besser einen Reader, der nichts kann, außer Texte ausgeben.“ Die Remissionsquote seiner Versandbuchhandlung liegt geräteabhängig zwischen 0% und 25%. Bei der Buchhandlung Graff wurden mehrere E-Reader von Trekstor zurückgegeben, berichtet Thomas Wrensch (Foto re.). Grund: Die gelieferte Qualität sei mangelhaft, bei mehreren Geräte konnte der Bildschirm nicht kalibriert werden. 

Anforderungen an einen Reader aus Kohls Sicht:
  • Alles, was verkauft wird, muss auch funktionieren.
  • Lieber weniger Features, die funktionieren.
  • Tastaturgesteuerte Geräte sind zu kompliziert.
  • Einfache Shop-Lösungen ohne notwendige Zusatzerklärungen.
  • Wenn WLAN, dann „Plug and Play“.
Mindestanforderungen an Anbieter von Partner-Shops:
  • Minimal-Backend zum Nachvollziehen von eBook-Käufen
  • direkt findbarer, aufrufbarer, sauber vorinstallierter Shop auf dem Reader 
Susanne Martin (Foto li.) verkauft drei Mal mehr E-Reader über das Internet als im Laden. Sie bietet mit dem Liro Color und dem Sony Reader zwei Modelle an, einen Liro hat sie noch nicht verkauft. Bisher habe sich nur ein Kunde beschwert. Dieser habe sich nicht die Updates des Sony Readers heruntergeladen, sich inzwischen aber mit dem Gerät angefreundet.  
Gegenüber Apple oder Amazon gibt es beim Liro Color Punktabzug für Hardware und Einkaufserlebnis, kritisiert Burkhard Schirdewahn (Foto re.) von der Kölner Buchhandlung Bunt

Zwar könnten Kunden, die sich vorab nicht im Internet über die Angebote der Konkurrenz informierten oder solche, die ihrem Buchhändler vertrauen, vielleicht vom Kauf überzeugt werden. Nicht akzeptabel sei das Angebot für anspruchsvolle Kunden, Profi-Leser, Reisende, Digital Natives, Smartphone- oder Tablet-Nutzer oder überzeugte Amazon- bzw. Apple-Kunden. Schirdewahn will den E-Reader der Börsenvereins-Wirtschaftstochter MVB deshalb nicht anbieten.

„Die Branche braucht einen eigenen, konkurrenzfähigen E-Reader“
„Die offensichtlich zu schwache Marktposition aller Vertreiber von E-Book-Readern, die mit dem Buchhandel zusammenarbeiten, führt zu unbefriedigenden Ergebnissen“, fasst Kohl zusammen. „Es scheint so zu sein, dass niemand genug Marktmacht aufbringt, um richtig abgestimmte Produkte, Firmware und Shoplösung anbieten zu können.” Kohl wünscht sich eine „rundere Lösung, die vielleicht auch kooperativ unter den jetzigen (oder künftigen) Anbietern entwickelt wird“. Der Wettbewerb in diesem Jahr habe nur dazu geführt, dass sich die schwächeren unter den Marktteilnehmern noch gegenseitig die Butter vom Brot genommen haben. 

Die Lösung aus Sicht von Susanne Martin: Ein konkurrenzfähiger Reader, der als „Branchenreader“ laufen könnte und der einen wirklichen Gegenpol zum Kindle darstellt – eventuell auch ein einheitliches Branchenportal.

Kritik an Konditionen der Barsortimente
Mit Blick auf die weiteren Baustellen auf dem deutschen E-Book-Markt antworten die Befragten differenziert: 
  • Online-Produkt: Für viele Nutzer sind E-Books ein reines Online-Produkt, berichtet Simone Dalbert (Buchhandlungen Schöningh): „Dass man E-Book-Reader und auch E-Books offline beim Buchhändler seines Vertrauens kaufen kann, sollte dem Leser bewusster werden.“
  • Kopierschutz: Dank der DRM-Probleme bei manchen Geräten scheint den Kunden die Nutzung eines anderen Readers komplizierter als die des Kindles. Dies treibe viele Kunden in die Arme von Amazon.
  • Shop-Qualität: Wrensch betont, dass auch das Herunterladen der E-Books deutlich leichter werden muss: „Sonst treiben wir unsere Kunden zu Amazon, Apple oder großen anderen Marktteilnehmern.“
  • Bundles: Viele Leser wünschen sich eine Kombination aus Print-Buch und E-Book, Bundles werden von den Verlagen aber bisher selten angeboten.  
  • Preisgestaltung: Der Preisunterschied zwischen Print-Buch und E-Book sei momentan so gering, dass er viele abschreckt.
  • Konditionen: „Die Konditionen für E-Book-Downloads bei den Barsortimenten sind eine Zumutung“, moniert Martin von der Schillerbuchhandlung. Hier sollte nachgebessert werden.
  • Geschenke: Dass E-Books auch verschenkt werden wollen, sollte rasch in den Köpfen der Verlagsmenschen ankommen, so Martin. Dafür bräuchte die Branche auch eine haptische Lösung wie z.B. die E-Book-Karten von Epidu. Martin: „Wir hatten mehrere Kunden, die E-Books verschenken wollten und die es wenig charmant fanden, Links zu verschicken oder Internetgutscheine zu verschenken.“
Die Kritik der befragten Buchhändler ist eine mögliche Erklärung, warum sich viele ihrer Kollegen im E-Book-Geschäft nach wie vor zurückhalten. Außerhalb der Filialen der großen Buchketten wollte die Mehrheit der stationären Buchhändler im Weihnachtsgeschäft keine E-Reader anbieten. In einer buchreport-Umfrage im November 2011 (an der 415 Buchhändler teilnahmen) gaben 52% an, keine Lesegeräte zu führen, nur 39% hatten Geräte am Lager (keine Antwort: 9%).

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