Die Stimmung ist positiver als erwartet

Nach einem miserablen ersten Halbjahr, in dem die Erlöse im gesamten stationären Buchhandel laut buchreport-Umsatztrend um 3,2% unter Vorjahr lagen, richten sich die Blicke auf die traditionell stärkere Jahreszeit im Branchen­kalender. buchreport hat mit einer Umfrage unter Vertriebsleitern die Stimmung sondiert. Ergebnis: Die Branche marschiert mehrheitlich mit Hoffnungen und Optimismus in Richtung Trendwende.

Die komplette Analyse der Umfrage ist im aktuellen buchreport.express 32 zu lesen (hier zu bestellen). Nachfolgend eine Auswahl der Stimmen:

Claudia Reitter (Random House): Erfolg der Paperbacks schwächt Taschenbücher

Welche Stimmung/Herbstperspektive lässt sich aus dem Bestellverhalten des Handels ableiten?
Die positiven Umsatzentwicklungen in den Monaten Juni und Juli zeigen ihre Auswirkungen bei den Aufträgen für die Herbstnovitäten.

Welche Auffälligkeiten gibt es im Bestellverhalten?
Bei allen Kunden zeigt sich eine noch deutlichere Konzentration auf die Spitzentitel der Verlage sowie bekannte und bewährte Autoren.

Welche Themen/Genres tun sich leichter/schwerer?
Ungebrochen stark ist das gesamte Segment Spannung/Thriller. Bedingt durch das große Angebot an Fantasy für die unterschiedlichen Alters- und Zielgruppen tut sich der Handel mit der Einschätzung beim Einkauf etwas schwerer. Populäre und fundierte Sachbücher zu gesellschaftlichen Themen kommen beim Handel gut an.

Wie erklären sich die Händler/Vertreter die über den allgemeinen Trend hinausgehende Taschenbuch-Schwäche?
Ein Teil der Erklärung ist ganz sicher der Erfolg vieler Titel, die als Paperbacks die Hardcover-Bestsellerlisten erobert haben.

Weichen die stationäre und die Online-Nachfrage stark voneinander ab?
Im Weihnachtsgeschäft 2010 war dies eindeutig der Fall. Derzeit beobachten wir keine dramatischen Verschiebungen.

Bettina Schubert (Hanser): „Geschäft fokussiert sich auf Spitzentitel“

Welche Stimmung/Herbstperspektive lässt sich aus dem Bestellverhalten des Handels ableiten?
Grundsätzlich sind wir mit den Vormerkerzahlen sehr zufrieden. Im Vergleich zum Vorjahr waren die Einverkäufe nicht schlechter.

Welche Auffälligkeiten gibt es im Bestellverhalten?
Es gibt weiterhin die Tendenz, dass sich das Geschäft weiter auf die Spitzentitel fokussiert. Bei Hanser wird der neue Roman von Umberto Eco als ein solcher wahrgenommen; entsprechend positiv entwickeln sich die Bestellzahlen. Es gestaltet sich ohne Werbe- oder Presseunterstützung zunehmend schwieriger, Titel von bislang unbekannten Autoren im Handel zu platzieren. Vor allem im Sachbuch-Bereich wird abgewartet, wie sich Themen und Titel in den Medien niederschlagen.

Weichen die stationäre und die Online-Nachfrage stark voneinander ab?
Was die Umsatzverlagerung von stationär nach online anbelangt, ist es bei uns wie in der gesamten Branche: Im Internet-Handel wird in der Regel zeitnah bestellt und nicht bevorratet, was die Auflagenplanung deutlich erschwert.

Jan Wiesemann (Gräfe und Unzer): „Einkaufslaune zunächst verhalten“

Zunächst war die Einkaufslaune aufgrund der mäßigen Abverkäufe im ersten Halbjahr naturgemäß verhalten. Die letzten beiden Monate jedoch haben dem Handel witterungsbedingt sehr gut getan. Das spüren wir deutlich bei der Backlist und auch bei den Novitäten, die mit einigen Spitzentiteln bereits deutlich über dem Vorjahr liegen: So werden der Weltbestseller „Die Dukan-Diät“ (weltweit 8 Mio. verkaufte Expl.), aber auch die neuen Titel „Herdhelden“ von Sarah Wiener und das Yogatagebuch „Der Hund, die Krähe, das Om…“ von Susanne Fröhlich hervorragend bewertet und vorbestellt. Bei der Online-Nachfrage können wir weder konjunkturell noch thematisch Unterschiede feststellen.

Imke Reuter (Schwarzkopf & Schwarzkopf): Tempo wird immer höher

Welche Stimmung lässt sich aus dem Bestellverhalten des Handels ableiten?
Das Sortiment reagiert allgemein verhalten, es wird generell auf Altbewährtes gesetzt. Das Frühjahr war für viele Kunden schwer, dennoch habe ich auch von einigen kleineren und mittleren Sortimentern gehört, dass sie ein sehr gutes Frühjahr hatten. Generell erleben wir zwar eine verhaltene, aber keine schlechte Stimmung im Sortiment.

Welche Auffälligkeiten gibt es im Bestellverhalten?
Die Buchhändler kaufen für immer kürzere Zeiträume ein, Altbewährtes wird gern genommen, auch wenn viele Lager durch das schwache Frühjahr noch relativ voll zu sein scheinen und immer mehr auf Presse und Werbung gesetzt wird. Gute Ideen jedoch, werden begeistert aufgenommen, wie z.B. unsere neuen Jugendbücher aus der Reihe „Herzklopfen und so“, in denen junge Autorinnen verschiedene Themen, die Jugendliche in der Pubertät umtreiben, aufnehmen und sehr nahe an der Zielgruppe verarbeiten, ohne mit einem pädagogischen Zeigefinger daher zu kommen. Ansonsten kann ich sagen: Es wird generell immer schneller remittiert, ein Trend, der sich schon in den letzten Jahren immer deutlicher gezeigt hat.

Welche Themen/Genres tun sich leichter/schwerer?
Nach wie vor sind Bücher rund um das Thema „Lust und Liebe“ gefragt oder auch Special-Interest-Bücher wie z.B. das im Herbst erscheinende Buch „Talking Metal“, in dem aus der Heavy Metal-Szene berichtet wird. Ebenso sind Sachbücher zu aktuellen Themen wie z.B. unsere Novität „Schulfrust. 10 Dinge, die ich an der Schule hasse“, in der eine Abiturientin aufgrund von ihrer eigenen Erfahrung in verschiedenen Schulen und Bundesländern eine mitunter gnadenlose Abrechnung mit unserem Bildungssystem liefert. Solche Themen und Bücher interessieren die Menschen, denn sie spiegeln ihre eigenen Erfahrungen wieder und regen zur Diskussion an.

Wie erklären sich die Händler/Vertreter die über den allgemeinen Trend hinausgehende Taschenbuch-Schwäche?
Wir können von unserer Seite aus nicht von einer Taschenbuch-Schwäche sprechen, jedoch habe ich aus dem Handel und von Vertreterseite immer wieder gehört, dass die in den letzten Jahren immer größere Schwemme von Titeln z.B. im Krimi-Bereich möglicherweise zu einer Übersättigung führt. Unserer Erfahrung nach zählt nicht so sehr das Format und der Preis – Inhalt und Ansprache sind entscheidend. Kunden sind gerne bereit, auch etwas mehr für ein Produkt zu zahlen, das sie persönlich anspricht. Das sehen wir nicht nur an unserer Bud Spencer-Autobiografie, die sich gleich nach Erscheinen auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste platziert hat und mittlerweile seit 16 Wochen in den oberen Plätzen rangiert. Wir sehen es auch bei teuren Fanbüchern wie z.B. den Lindenberg-Titeln in unserem Programm, die sich trotz Krise und genereller Zurückhaltung der Kunden sehr gut verkaufen.


Weichen die stationäre und die Online-Nachfrage stark voneinander ab? Gibt es unterschiedliche Konjunkturen?
Wir erleben nicht generell unterschiedliche Konjunkturen. Jedoch muß der Handel sich den Herausforderungen der immer schneller werdenden Kommunikation und Medienaufmerksamkeit stellen. Das sehen wir täglich, wenn unsere Titel, wie z.B. aktuell unser freches Geschenkbuch „Warten auf Frauen“ durch die Medien gehen. Öffentliche Diskussionen werden viel schneller und auf sehr vielen unterschiedlichen Plattformen geführt, Nachrichten veralten viel schneller, Meinungen setzen sich schneller durch, werden jedoch auch viel schneller wieder irrelevant. Die Nachfrage aufgrund von Medienaufmerksamkeit im Handel immer perfekt bedienen zu können, erfordert daher viel Flexibilität vom Handel, sei es online oder stationär.
Der Online-Handel hat da einen kleinen systemischen Vorteil, den sich aber auch neben den großen Online-Händlern immer mehr Sortimenter, darunter auch mehr und mehr kleinere und mittlere Buchhändler, zunutze machen und zusätzlich zum Service vor Ort einen breiten Kundenservice online anbieten.
Service am Kunden bedeutet für uns daher ganz klar: intensive Pressearbeit, schnelle und klare Kommunikation mit dem Handel, schnelle Belieferung und guter Service im logistischen Bereich gerade auch für das kleinere und mittlere Sortiment. So können wir den Handel, sei er stationär oder online, insbesondere bei großer Nachfrage optimal beliefern und mit den nötigen Informationen versorgen.

Mein Fazit also ist, daß sich interessante und außergewöhnliche Bücher, die die Kunden persönlich ansprechen, durchsetzen, auch wenn die Umsätze in einigen Warengruppen und auch Vertriebswegen zurückgehen.

André Brenner (C.H.Beck): „Longtail-Umsätze schwächeln“

Welche Stimmung lässt sich aus dem Bestellverhalten des Handels ableiten?
Das Herbstgeschäft läuft für uns sehr gut an, und wir haben den Eindruck, dass der Handel sehr optimistisch einkauft. Einige unserer Titel haben wir sehr früh ausgeliefert, z. B. „Bloodlands“ von Timothy Snyder, der sich bereits unter den Top 30 der Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch platziert hat.“

Welche Auffälligkeiten gibt es im Bestellverhalten?
Beim Bestellverhalten zeigt sich die übliche Konzentration auf die Spitzen; dieser Trend ist weiterhin vorhanden, hat sich aber nicht verschärft.

Wie erklären sich die Händler/Vertreter die über den allgemeinen Trend hinausgehende Taschenbuch-Schwäche?
Die zurzeit schwächelnde Buchkonjunktur ist kein spzifisches Problem des Taschenbuch-Formats, sondern ein klassisches Novitäten-Backlist-Phänomen: Während die Spitzentitel weiter gut laufen, gehen die Backlist-Umsätze der Verlage zurück.

Weichen die stationäre und die Online-Nachfrage stark voneinander ab?
Beim Vergleich zwischen den Vertriebswegen stationär und online ist es ein ähnliches Bild: Bestseller laufen generell auf beiden Kanälen, während sich der Longtail-Verkauf eher im Internet abspielt.

Iris Haas (Droemer Knaur): „Remissionen kommen immer schneller“

Welche Stimmung lässt sich aus dem Bestellverhalten des Handels ableiten?

Die Stimmung ist positiver als befürchtet, Hoffnung auf starken Herbst und ein vernünftiges Weihnachtsgeschäft überwiegen. Sorge machen die immer schneller kommenden Remissionen quer durch alle Absatzwege, teilweise forciert durch die monatliche Taktung der Marketingkampagnen bei den Kunden, der aufgrund der schwachen Nachfrage nicht die entsprechenden Abverkäufe gegenüberstehen.

Welche Auffälligkeiten gibt es im Bestellverhalten?

Wie gewohnt vorsichtiger Ersteinkauf/Anfangsdispo. Ausnahme sind nur absolut gesetzte Spitzentitel oder Marketingtitel. Vermehrt wird wieder mit Budgets und Auftragslimits eingekauft. Sachbuch oft verhalten und abwartend nach Nachfrage aufgrund Medien- bzw. Presseaktivitäten.

Welche Themen/Genres tun sich leichter/schwerer?

Keine wirklich neue Entwicklung. Vermehrte Nachfrage nach guter, gefühlt gehobener Frauenunterhaltung. Spannung und historische Roman wie gehabt.

Wie erklären sich die Händler/Vertreter die über den allgemeinen Trend hinausgehende Taschenbuch-Schwäche?
Weitgehend einzige Erklärung ist das Zunehmen der Trade Paperbacks, die zwar in der Warengruppe HC laufen, aber auf den TB-Tischen liegen. Bei uns beispielsweise Karen Rose. Zudem Wegbrechen der Midlist- und Backlist – fehlende Lesezeit, Risikobereitschaft, Neues auszuprobieren, Medienkonkurrenz…

Weichen die stationäre und die Online-Nachfrage stark voneinander ab?
Keine grundlegende Abweichung. Die Nachfrage hat sich auch im Online-Handel etwas abgeschwächt  und somit auch die kompensatorische Wirkung.

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