Ehrhardt F. Heinold: Verlage müssen sich mehr um Nachwuchskräfte bemühen

Ehrhardt F. Heinold: Verlage müssen sich mehr um Nachwuchskräfte bemühen

Nachwuchsprobleme gehörten für Verlage lange nicht zu den drängenden Problemen: Verlage haben ein gutes Image, vor allem Geisteswissenschaftler drängten in Redaktionen und Lektorate. Doch mit der Veränderung der Verlage verändern sich auch die Berufsbilder. Verlage müssen plötzlich um gute Nachwuchskräfte werben – die meisten sind darauf nicht vorbereitet.

Dass der Buchhandel Probleme hat, genügend gute Auszubildende zu finden, ist in der Branche ein breites Diskussionsthema. Verlage dagegen kannten diese Probleme nicht: Medien und vor allem Printmedien hatten bzw. haben ein hohes Ansehen. Verlage waren stets ein attraktiver Arbeitgeber vor allem auch für Hochschulabsolventen.

Doch diese komfortable Situation scheint sich seit einiger Zeit zu ändern. Zwei aktuelle Indizien:

  1. Katrin Siems, Leitung Business Development bei DeGruyter, hat auf dem Kongress der Deutschen Fachpresse im Mai in einem sehr klugen Vortrag die Herausforderungen für Verlage benannt. Als eine zentrales Problem benannte Katrin Siems: „Sehr ungleichgewichtige Attraktivität als Arbeitgeber“. Ungleichgewichtig ist hier in Bezug auf andere Unternehmen gemeint, die eine größere Anziehungskraft auf junge Menschen ausüben.
  2. Der Anruf eines Verlagsleiters auf der Suche nach einem modern denkenden Redakteur, der nicht konventionell arbeitet, sondern marktorientiert, mehrmedial, kundennah, machte schnell klar: Solche Führungskräfte sind sehr rar in unserer Branche…

Fachverlage kennen das Problem schon länger: Egal, ob ein Lehrer oder ein Arzt gesucht wird – immer steht der Verlag in Konkurrenz zu anderen Branchen. Bei Publikumsverlagen war (und ist) dies anders, weil sie eine der wenigen klaren Berufsperspektiven für Geistes- und Sozialwissenschaftler bieten. Doch dies trifft genau besehen auch nur noch auf das Lektorat zu – in allen anderen Bereichen (Herstellung, Marketing / Vertrieb, Controlling, Electronic Business) konkurrieren diese wie alle anderen Verlage auch um eine knapper werdende Ressource: innovative Führungsnachwuchskräfte.

Verlagsbranche: Viele hausgemachte Probleme

Bei Lichte betrachtet kann man es Berufseinsteigern nicht verübeln, wenn sie sich gegen die Verlagsbranche entscheiden und zwar aus mehreren Gründen:

– Kaum eine Branche hat in jüngster Zeit so an der eigenen Zukunft gezweifelt wie Verlage. Google, das den Alltag aller jungen Menschen begleitet, wurde zum Gegner hochstilisiert, E-Books und anderen Innovationen wurde eher mit Abwehr als mit Optimismus begegnet.
– Innovationsfreude, Freiräume für neues Denken – das strahlen viele Verlage nicht aus, im Gegenteil: Tradition spielt eine große Rolle, Neulinge haben sich einzufügen und das ganz „andere“ an Verlagen zu verstehen.
– Innovative Berufsbilder werden kaum entwickelt und angeboten: Wie viele Verlage haben einen „Business Development Manager“ oder einen „Community Manager“? So werden eher traditionell denkende Berufseinsteiger angezogen.
– Die Ausstattung der Arbeitsplätze und die Verfügbarkeit von innovativer Technik ist in vielen Verlagen … nun, sagen wir: verbesserungsfähig. „Wir haben ein iPad bestellt, das liegt beim Chef“, „wir brauchen iPhones für die Produktmanager, aber aus Kostengründen wurden nur wenige genehmigt“ – diese Aussagen habe ich nicht nur einmal gehört…
– Das Lohnniveau kann, da Verlage kleine Unternehmen sind, oft nicht mit anderen Branchen mithalten. Wenn das Image diesen Unterschied nicht mehr ausgleichen kann – welche Anziehungspunkte können Verlage dann entwickeln?
– Weiterbildung wird in vielen Verlagen noch immer nach „Gutsherrenart“, also auf Anfrage, genehmigt – und nicht auf Basis eines Personalentwicklungskonzeptes. In Krisenzeiten, das haben die Jahre seit 2008 deutlich gezeigt, wurden Weiterbildungsetats zusammengestrichen.
– Personalentwicklung und Laufbahnplanung sind in vielen Verlage ein Fremdwort. Eine Ursache ist sicher, dass Verlage klein sind und wenig Aufstiegschancen bieten. Aber dies ist kein Grund, das Thema zu meiden und dem Nachwuchs zu signalisieren: Wir wissen auch nicht, was wir ihnen in drei Jahren bieten können…

    Gesucht der Wunschbewerber

    Zu diesen Problemen kommt ein weiteres hinzu, das wir immer wieder bei Personalsuchanfragen oder Stellenausschreibungen beobachten. Verlage halten sich (1) für einzigartig und suchen (2) „eierlegende Wollmilchsäue“, also Bewerber, die genau einem oft sehr komplexen Wunschprofil entsprechen. Die Konsequenz kann jeder Branchenkenner in den Personalrubriken der Fachpresse verfolgen: Einer wirbt vom anderen ab, das Karussell der ewig gleichen Namen dreht und dreht sich.

    Wie oft sind wir schon gescheitert mit dem Vorschlag, das Suchprofil auf ein oder zwei zentrale Anforderungen zu reduzieren – oder gar außerhalb der Verlagsbranche zu suchen. Dabei, das zeigen viele Beispiele vor allem aus Fachverlagen, können Mitarbeiter aus anderen Branchen ganz neue Sichtweisen eröffnen. Dabei steht fest: Je enger das Suchprofil, desto weniger Bewerber – und oft auch: desto geringer die Chance auf innovative Befruchtungen durch Quereinsteiger.

    Attraktivität als Arbeitgeber zum Thema machen

    Dabei werden gerade jetzt innovative junge Nachwuchskräfte dringender denn je gebraucht. Die große Veränderung von Verlagen hat gerade erst begonnen, das traditionelle Business wird sich stärker, als viele Verleger glauben, ändern, auch wenn das Geschäft noch immer auf den klassischen Printprodukten basiert. Jetzt ist die Zeit, neue Aufgabenbereiche zu schaffen bzw. die alten Arbeitsbereiche neu zu beschreiben. Und das trifft nicht nur den Bereich der E-Medien, der zukünftig gar nicht mehr sinnvoll getrennt gedacht werden kann – alle Verlagsbereiche werden sowohl gedruckte als auch elektronische Angebote managen, das dazu notwendige Know how muss überall verfügbar sein.

    Als Fazit lässt sich sagen: Verlage sollten diesen zunehmenden Engpass ernst nehmen und sich fragen, wie sie attraktiv für jene Bewerber werden können, die sie für ihre Zukunftssicherung benötigen. Aus den genannten Probleme lassen sich dafür folgende Empfehlungen ableiten:

    – Moderne, zukunftsorientierte und vor allem auch erfüllbare Stellenprofile laden zu Bewerbungen ein.
    – Die Personalabteilung sollte sich auch mit Personalentwicklung beschäftigen.
    – Weiterbildung, eine gute Arbeitsatmosphäre und ein modern ausgestatteter Arbeitsplatz sind förderlich.
    – Eine Suche auch außerhalb der Verlagsbranche kann neue Chancen.
    – Der Kontakt zu Hochschulen ist eine sehr gute Chance, junge Talente kennenzulernen

      Kommentare

      5 Kommentare zu "Ehrhardt F. Heinold: Verlage müssen sich mehr um Nachwuchskräfte bemühen"

      1. Sehr geehrter Autor,

        leider betrifft die Schwierigkeit Fachkräfte angeblich oder tatsächlich nicht nur Verlage oder Buchhandlungen.
        Meist sind die Fehler hausgemacht. Viele Angewohnheiten stammen aus der Zeit als der demographische Wandel nur als Theorie am Himmel erschien – mittlerweile ist er greifbar, wird aber m.E. geleugnet.

        Heutzutage sollten Personaler auch vermehrt ältere Mitarbeiter halten, weiterbilden und einstellen und junge Arbeitnehmer nicht mit befristeten Jobs oder als Zeitkraft über Personalleasing mit mangelnder Loyalität einkauft werden.
        Der Mitarbeiter hat auch das Recht zufrieden gestellt zu werden nicht nur Kapitalgeber und Kunden.

        An Altem festhalten, wie Buchpreisbindung, Buch als Kulturgut und Mehrwertsteuerprivileg ist verständlich wird vermutlich aber auf Dauer nicht zu halten sein.

        Der Wandel ist konstant und verläßlich, es sollten also Windmühlen statt Zäune von der Buchbranche gebaut werden, wenn der Wind sich dreht im Sinne eines alten Zitats.

      2. Exzellente Analyse! Kleine und mittlere Verlage bieten den großen Vorteil, dass sie mit ihren vergleichsweise kleinen Teams spannende, diversifizierte Betätigungsfelder mit breitem Entscheidungsspielraum bieten können – gerade für Berufseinsteiger eine Riesenchance…. Wenn man sie denn lassen würde.

      3. Ein starkes Symbol für die risikoscheue Grundhaltung vieler Verlage lässt sich auch aus den Stellenausschriebungen der letzten Monate finden. Gesucht wird nicht nur die eierlegende Wollmilchsau, sondern die eierlegende Wollmilchsau, die exakt die ausgeschriebene Funktion schon einige Jahre in einem anderen Verlag ausgefüllt hat. Frische Ideen und Ehrgeiz auf gemeinsame Entwicklung – kein Thema. Die Lust, gemeinsam etwas neues, Großes zu schaffen – irrelevant.
        Besonders traurig ist diese Haltung, weil die Branche mitnichten in der Krise ist. Statt Digitalisierung wegen möglicher Urheberrechtsverletzungen argwöhnisch zu beäugen sollte sich das Augenmerk auf die neuen Chancen richten. Denn welche andere Branche hat so viel Erfahrung darin, anspruchsvollen „Content“ für die Unterhaltung zu liefern. Und wer kann ähnlich gut komplexe Informationen verständlich aufbereiten wie ein guter Sachbuchverlag.
        Doch statt dafür zu sorgen, dass ihre Inhalte bei noch mehr Gelegenheiten zu Geld werden, wird lamentiert. Anscheinend wird die goldene bildungsbürgerliche Blütezeit des Buches zurückgewünscht, als wir noch nicht viel anderes hatten. Dabei wäre heute die Zeit, neue Märkte zu erschließen.

      4. Prima Beitrag – habe ich gleich mal hier verlinkt und die Resonanz war entsprechend:

        http://www.facebook.com/wasmitbuechern?v=wall&story_fbid=140592165982449&ref=mf

      5. Eine sehr gute Zusammenfassung! Die oft sehr eng zugeschnittenen Stellenausschreibungen schrecken dabei gar so manchen potenziellen Bewerber aus der Verlagswelt ab. Auch eine ensprechende zukunftsträchtige Weiterbildung des bereits vorhandenen Personals wird ein wichtiges Thema sein.

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