Schweizer Schlagabtausch

Der „Tages-Anzeiger“ (26. April 2008) versteht die Aufregung um die Buchpreisbindung nicht: „Weder wurden Bücher generell stark teurer, noch wurde der Konsument im Angebot eingeschränkt noch hat ein Massensterben stattgefunden.“ SBVV-Geschäftsführer Dani Landolf, selbst bis 2007 Journalist („Der Bund“), hat eine Gegenrede verfasst, den der „Tages-Anzeiger“ aber nicht bringen will.

Landolf schreibt:

„Jetzt werden Bücher billiger!“ So jubelten die Gegner einer Buchpreisbindung, und das stellte auch der Bundesrat in Aussicht, als er vor einem Jahr, am 2. Mai 2007, feste Ladenpreise für Bücher verbot. Als tags darauf die ersten Werbeinserate das grosse Preispurzeln ankündigten, schien sich die Behauptung zu bestätigen. Heute wissen wir, dass sie falsch war: Die Konsumenten müssen für Bücher tiefer in die Tasche greifen. Denn abgesehen von wenigen Bestsellern sind die meisten Titel teurer geworden.

Verständlich, dass diese Entwicklung ungern eingestanden wird von jenen, die jahrelang den Aldi-Effekt herbeisehnten und die im freien Spiel des Marktes nur eine einzige Auswirkung – diejenige auf den Preis – erkennen können. So soll nun an der faktischen Verteuerung bloss der starke Euro Schuld sein (Tages-Anzeiger). Doch wer die Entwicklungen in Regionen und Ländern, welche die Buchpreisbindung schon früher aufgehoben haben, verfolgt, könnte es besser wissen. In der Westschweiz, wo seit den 90er-Jahren keine festen Preise mehr gelten, sind die Bücher bis zu 40 Prozent teurer als im benachbarten Frankreich, das feste Buchpreise gesetzlich verankert hat. Und in Grossbritannien sind die Bücher im Vergleich zu andern Konsumprodukten in den letzten Jahren sogar überdurchschnittlich gestiegen – im Gegensatz zu Deutschland, wo die Buchpreise ebenfalls gebunden sind.

Ausserdem, so geht die Botschaft der Preisbindungsgegner weiter, seien ja noch kaum Buchhandlungen eingegangen. Diese Feststellung ist, wenn auch nur aus Kurzsichtigkeit, zynisch. Buchhandlungen sterben des Preiswettkampfs wegen nicht von heute auf morgen, sondern schleichend. Dass dieser Prozess länger dauert als ein Jahr, macht ihn nicht weniger absehbar. Wer das Buchhandelssterben bedauerlich, aber notwendig findet, der möge bitte auch dafür einstehen, dass in nächster Instanz die heimischen Verlage in Gefahr sind, denen Präsentationsfläche für ihre Bücher verloren geht, und der möge auch gut finden, dass die Autoren zu den Verlierern dieses Preisdominos zählen. Und der soll schliesslich auch billigend in Kauf nehmen, dass die Öffentlichkeit in erster Linie mit Kommerzprodukten versorgt wird – in einem Bereich, der zentral ist für die Bildung, die Ausbildung und den Wissenshorizont unserer Gesellschaft.

Diese Zusammenhänge geraten für gewöhnlich den Predigern freier Preise aus dem Blick – der Praxistest ist eben komplexer als das Wirtschaftshandbuch, und ein Jahr für die Verdeutlichung der Konsequenzen ist zu kurz. Die gute Konjunktur hat dem gesamten Detailhandel gute Geschäfte beschert, und die Schweiz profitiert vom Inseldasein, stammen doch 90 Prozent der in der Schweiz verkauften Bücher aus Deutschland – all das verführt dazu, die Oberfläche für die ganze Sache zu halten.

Die Befürworter einer Preisbindung fordern keine Subventionen und keine Almosen. Wir wollen ein freies Unternehmertum bewahren, das aufgrund der kulturellen Sonderstellung seines Produkts, des Buches, einzig eine Schutzregelung für sich reklamiert – weil sie sich über Jahrzehnte bewährt hat, weil sie niemandem schadet und weil sie auch dem Konsumenten in Form preisgünstiger Angebote zugute kommt. Das widerspricht zwar dem Glaubensbekenntnis des absolut freien Marktes. Aber Glaubensbekenntnisse waren noch immer dann am besten, wenn sie Unterschiede zuliessen – und nicht dann, wenn sie Gleichschaltung forderten.

Im August wird die Kommission für Wirtschaft und Abgaben WAK über ein Preisbindungsgesetz für Bücher beraten. Wir hoffen, dass sie im Sinn des Kulturguts Buch, aber auch im Sinn der Konsumenten entscheiden wird: für eine langfristige, kostengünstige Sicherung eines unserer wichtigsten Erzeugnisse. Und dann werden die Bücher auch wieder billiger. Selbst mit einem starken Euro.

Kommentare

1 Kommentar zu "Schweizer Schlagabtausch"

  1. Rüdiger Gollwitzer | 1. Mai 2008 um 0:54 | Antworten

    Ein nettes Blatt, dieser Tages-Anzeiger. Muss man in der Schweiz für die gedruckten Blätter eigentlich etwas bezahlen? Wenn ja, wovon würden denn die Redakteure leben, wenn man nur noch die Hälfte für diesen Quell steter Weisheit löhnen müsste? Mir fällt da dieses Zitat eines Unbekannten ein, der sagte, dass ihm der Benzinpreis völlig wurscht ist, denn er tankt immer für 20,- Euro!
    Natürlich ist das Buch auch Ware und natürlich sind Verlage und Buchhandlungen auch Wirtschaftsunternehmen. Aber ein Buch wird doch nicht so gefertigt, wie ein Stuhl oder ein Auto. Gab da mal ’ne Werbung: „Der Inhalt zählt.“ Und meist ist das, was in Büchern steht in langer Denkarbeit entstanden. Kann man diese nicht mehr bezahlen, oder davon leben, dürfte es bald weniger Vielfalt geben.
    Ein schönen Gruß in die Schweiz.

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