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Online
Montag, 05. November 2012 (07:43 Uhr)


Plattform für freie, digitale Schulbücher geplant

„Das Schulbuch ist nicht auf der Höhe der Zeit“

Das durchschnittliche Schulbuch im Dienst ist leicht bis schwer in die Jahre gekommen, kann weder vom Lehrer noch von den Schülern ergänzt werden – und verzichtet auf Interaktion. Zu den Unzufriedenen gehören ein Lehrer und ein Medienfachmann aus Berlin, die ein Portal für freie digitale Schulbücher aufbauen wollen. Im Interview schildert Hans Hellfried Wedenig die Hintergründe und Ziele.

Über die Crowdfunding-Community Startnext möchten der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Wedenig (Foto: rechts) und der Biologie- und Sportlehrer Heiko Przyhodnik (links) das erste deutschsprachige Online-Portal für freie und offene Schulbücher aufbauen: „Schulbuch-O-Mat“. Als Pilotprojekt soll ein Biologiebuch für die Klassenstufe 7/8 konzipiert werden, das im Schuljahr 2013/2014 vorliegt. 10.000 Euro sollen für den Anfang über Startnext eingeworben werden.

Warum sind Sie mit den Schulbüchern nicht zufrieden?

Das Schulbuch ist als Medium nicht auf der Höhe der Zeit. Es ist in erster Linie ein gedrucktes Medium, das maximal mit Bildern arbeitet, aber die Möglichkeiten ausblendet, mit denen Kinder und Jugendliche tagtäglich konfrontiert werden. Es gibt beispielsweise keine Interaktion mit dem Leser. Hinzu kommt, dass die Inhalte oft veraltet sind und Lehrer nichts aktualisieren oder ergänzen können.

Dies könnten Sie aber mit Hilfe von Apple, mit „iBooks Author“, der Software zur Konzeption von Fachbüchern.

Damit hat Apple zum Anfang des Jahres die Diskussion neu ins Rollen gebracht. Und es scheint ja auch so, als ob dieses Werkzeug für den US-amerikanischen Markt ein Traum ist. Aber man darf nicht vergessen, dass dies ein proprietäres System ist und Apple selbst über die Aufnahme von Titeln entscheidet. Uns stört, dass ein privatwirtschaftliches Unternehmen definieren kann, was in einem Schulbuch steht, wer es veröffentlicht und was es kostet – zumindest die Preisobergrenze festlegt.

In Kürze startet digitalesschulbuch.de, die Initiative von 27 Schulbuchverlagen.

Auch die Verlage setzen auf eine verschlüsselte und proprietäre Lösung – ich kann diese Bücher nur mit einem digitalen Schlüssel lesen und erhalte mit diesem Schlüssel nur bestimmte Rechte. Ich gehe nicht davon aus, dass der Nutzer aus den Büchern etwas kopieren und weiterschicken kann. Diese Lösung ist also auch sehr weit weg von einem offenen Ansatz, der in anderen Ländern gepflegt wird.

Warum sind die USA weiter?

Ich muss etwas ausholen: Vor eigenen Jahren erklärte Arnold Schwarzenegger, damals als Gouverneur des klammen Bundesstaates Kalifornien, dass Schulbücher frei werden müssten. Daraufhin wurde die CK12-Foundation gegründet, die dafür sorgen sollte, dass kostenlose Open-Source-Bildungsinhalte publiziert werden. Hinter der Initiative stehen Persönlichkeiten wie Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. Das von CK12 erarbeitete Buchformat heißt „Flexbook“, ein freies und veränderbares Format. Die Autoren verlangen teilweise Geld dafür, dass ihr Buch ausgedruckt oder um zusätzliche Arbeitsmaterialien ergänzt wird. Auf der Plattform werden inzwischen alleine über 100 Grundschulbücher angeboten, teilweise mit multimedialen Inhalten – die deutschen Verlage werden in erster Linie ihre PDF-Bücher als Epub herausbringen.

Nur wenige deutsche Schulen sind mit Tablets oder E-Readern ausgestattet. Ein Henne-Ei-Problem?

Nein, weil zumindest außerhalb der Schulen viele Kinder und Jugendliche mit portablen Geräten ausgestattet sind. Mein Sohn hat im Urlaub zwei Bücher auf seinem Smartphone gelesen. Die Hardware wird immer günstiger. Es soll bald ein Google-Tablet für 100 Dollar geben; in Indien kostet ein Tablet in der Herstellung 60 Dollar, und der Staat gibt 30 Dollar dazu – die Eltern können das Gerät also für 30 Dollar erwerben. So viel kostet heute auch fast ein Schulbuch.

Das Beispiel Wikipedia zeigt, dass kollaboratives Arbeiten zwar funktioniert, aber die Zahl der Beiträger überschaubar ist. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass bei Ihrem Projekt Lehrer und andere Autoren mitziehen werden?

„Zuversichtlich“ ist der richtige Begriff – denn sicher sind wir nicht, dass es funktioniert. Es wird nicht leicht, Autoren zu gewinnen und bei der Stange zu halten. Ich nenne aber ein Beispiel: In dieser Nacht schrieb eine Chemielehrerin aus der Nähe von Kaiserslautern, die unsere Initiative lobte und berichtete, dass sie ein digitales Chemie-Arbeitsbuch auf einer Wiki-Seite konzipiert habe. Sie schrieb: „Leider bin ich noch sehr einsam dort. Aber ich nutze es für meinen Unterricht. Neben der Einbindung aller möglichen Medien versuche ich auch, interaktive Tests zu verwenden“. Von solchen Initiativen gibt es Hunderte, wenn nicht Tausende, auf unterschiedlichsten Plattformen und teilweise sogar nicht-öffentlichen Servern geparkt. Wir möchten Lehrern und Autoren ermutigen, Autoren- oder Co-Autorenschaften verantwortlich zu übernehmen und sich gegenseitig ihre Materialien zur Verfügung zu stellen.

Wie werden die Schulbehörden reagieren?

Wir tangieren die Schulbehörden nicht. Es gibt zwar eine Schulbuchzulassung, die über die Kultusministerien der Länder läuft. Aber unser Ziel besteht nicht darin, mit einem E-Schulbuch diese Zulassung zu erhalten. In der Praxis arbeiten viele Lehrer ohnehin mit ihrem eigenen Material, egal ob dieses zugelassen ist oder nicht. Worauf die Lehrer jedoch alle achten und wonach sich auch die offenen Bücher richten sollen, ist der Rahmenlehrplan. Darin steht alles drin, was die Schüler in diesem Fach in zwei Jahren lernen sollten.

Die Fragen stellte Daniel Lenz



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