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Dienstag, 18. September 2012 (08:56 Uhr)


Stephan Porombka fordert Flexibilität von Autoren und Verlagen

„Das Lesen und Schreiben wird neu formatiert”

Während Google, Apple und Wikipedia unbemerkt den Literaturbetrieb aus den Angeln heben, seien Verlage und Autoren noch damit beschäftigt, ihre traditionellen Strukturen zu belobhudeln, kritisiert der Literaturprofessor Stephan Porombka (Foto). Die Buchbranche müsse flexibler werden, um im digitalen Wandel nicht den Anschluss zu verlieren. 

© Mike Minehan

Porombka verantwortet gemeinsam mit Guido Graf, Kay Steinke und Thomas Klupp den Berliner Thinktank „LitFlow“. Vom 28. bis 29. September sollen dort elf Experten „radikale Szenarien für die nächste Literatur und ihren Betrieb“ entwickeln. Mit dabei sind u.a. Rita Bollig von Bastei Lübbe, „Libroid“-Erfinder Jürgen Neffe, Hanser Berlin-Verlegerin Elisabeth Ruge und die Schriftstellerin Kathrin Passig (hier mehr). 

Wie verändert der digitale Wandel die Literatur? 

Ich denke, dass die Veränderungen massiv sind. Zugleich sind sie gar nicht richtig sichtbar, weil sie sich jenseits von dem vollziehen, was wir alltäglich wahrnehmen wollen oder wahrnehmen können. Deshalb wird es, wenn jetzt die Frankfurter Buchmesse wieder los geht, sicher wieder heißen: Wow, so viele Verlage, so viele Bücher, so viele Leser, wenn wir das mit dem Urheberrecht in den Griff kriegen, ist alles wunderbar. Dann werden die Großschriftsteller vor das Mikrofon geholt und die werden dann sagen, der im Buch gedruckte Roman sei die beste literarische Form überhaupt, der Mensch brauche Erzählungen, und er brauche deshalb, na was wohl – genau: Großschriftsteller. Und während die das sagen, räumen Google, Apple, Facebook, Wikipedia, Twitter, Youtube, Youporn der alten literarischen Kultur die Bude aus und lassen nichts übrig von dem, was den Bildungsbürgern gut und teuer war. 

Was tun?

Man kann das schlimm finden und die Augen davor verschließen. Nur übersieht man dann die ganzen produktiven Effekte, die diese Entwicklungen mit sich bringen. Dass wir mittlerweile immer und überall ans Netz angeschlossen sind, verändert ja nicht nur die Art und Weise, wie und was die Leute lesen und was sie über Literatur denken. Es verändert längst auch die Arbeit der Autoren und die Arbeit der Verlage. Vor allem verändert es das Beziehungsgefüge, das Leser, Autoren und Verlage verbunden hat. Alles wird in Bewegung gebracht. Alle müssen etwas Neues ausprobieren. Keiner weiß, wie es funktioniert. Und wenn man es dann endlich weiß, dann kommt schon das nächste große Ding und wirft alles wieder über den Haufen. 

Das heißt aber, dass die Unsicherheit gegenüber den neuen Entwicklungen bleibt oder sogar noch zunimmt.

Ja, man wird wohl entwickeln müssen, was der Soziologe Dirk Baecker Unsicherheitskompetenz nennt. Denn das Entscheidende an den kommenden Veränderungen wird sein: Sie stellen keine Stabilität mehr her. Alles wird dauernd anders. Deshalb läßt sich auch die Frage, wie wir zukünftig lesen und schreiben werden, nicht wirklich beantworten. Denn es wird das große „Wir“ nicht mal mehr als Fiktion geben. Und „das“ Lesen und „das“ Schreiben wird es auch nicht mehr geben. Das löst sich auf. Genauer muss man sagen: Es wird ständig neu formiert und neu formatiert.

Die Digitalisierung und das breite Angebot der Selfpublishing-Plattformen stellt das Verhältnis von Autoren und Verlagen in Frage. Wie werden Autoren künftig arbeiten?

Vor fast zwanzig Jahren haben in Deutschland die Literaturagenturen den Betrieb gehörig durcheinander gebracht. Und warum? Weil sie das Selbstverständnis der Autoren verändert haben. Ihre Beziehungen zu den Verlagen sind lockerer geworden. Sie begreifen sich seither viel stärker als kleine Unternehmer, die sich mit einer flexibel zusammengestellten Gruppe von Leuten umgeben müssen, die ihren Output und ihren Erfolg in der Öffentlichkeit mit planen und organisieren. Die aktuellen Veränderungen treiben das voran. Die neuen medialen Bedingungen lockern das Beziehungsgefüge weiter, indem sie mehr Möglichkeiten schaffen. Man kann mit und ohne Verlag publizieren. Man kann in Print und E-Book publizieren. Man kann Geld dafür nehmen oder Texte verschenken. Man kann sogar immer abwechselnd zwei Wochen Geld nehmen und dann wieder zwei Wochen einen Gratis-Download anbieten. Verrückt, nicht wahr? Man kann Spenden einwerben. Man kann dafür eine Marketingkampagne starten, die vielleicht ein Verlag organisiert, vielleicht aber auch der Autor selbst oder ein Freelancer aus dem Bereich Marketing...

Was empfehlen Sie den Autoren?

Es gibt nichts zu empfehlen. Denn für den neuen Markt gibt es gar keine zertifizierten Modelle. Es gibt nicht einmal verlässliche Erfahrungswerte. Wie gesagt: Alle müssen, alle können jetzt was Neues ausprobieren. Vieles wird scheitern. Viele Autoren, die es jetzt auf eigene Faust versuchen wollen, werden bald mit Wehmut an die Verlage denken. Viele Autoren werden aber auch Erfolg haben, weil sie Strategien erfinden, in denen die alten Verlage gar nicht mehr vorkommen. Vielleicht werden sie eine Form des Publizierens erfinden, an die wir jetzt noch gar nicht denken. Wir sollten uns überraschen lassen. Vor allem sollten wir die Art und Weise, wie ein Autor oder eine Autorin ihr Schreiben und Publizieren organisiert unbedingt als Teil des Werks verstehen: als experimentelle Performance, mit der versucht wird, die Literatur den neuen Bedingungen anzupassen.

Wie können sich Verlage auf das neue Rollenverständnis der Autoren einstellen?

Tja, die Verlage. Ihr größtes Problem wird sein, sich möglichst flexibel auf die ständig wechselnden Bedingungen einzustellen. Das ist natürlich wahnsinnig schwer. Vor allem, weil im gesamten Literaturbetrieb die Strukturen alt und die Rollenmodelle extrem festgeschrieben sind. Auch die Vorstellungen von dem, was man eigentlich macht, sind so stabil, dass man gar nicht so recht sagen kann, ob die Verlage wirklich up to date bleiben können und es überhaupt wollen. Im Moment ist ja die mehr oder weniger bewusste Strategie, abzuwarten und sich bis dahin einfach auf den etwas abgegriffenen Allgemeinplatz zu berufen, dass man für die Qualität der Literatur der literarischen Kultur sorgt. Ansonsten macht man hier ein bisschen bei den E-Books mit, man unterhält da vielleicht eine Facebook-Seite und läßt vielleicht noch einen Praktikanten ein bisschen twittern. Wenn es hoch kommt, macht man für eine neue Publikation einen Blog, weil man gehört hat, das Blogs gerade total in sind.

Man könnte auch sagen: Die Verlage experimentieren, so wie Sie es gerade empfohlen haben.

Völlig richtig. Genau so ist es. Deshalb kann man daran auch gut sehen, wie sie ihre Experimente angehen. Nehmen wir mal ein recht eigenartiges Beispiel. Suhrkamp hat zum neuen Roman von Clemens J. Setz einen Blog ins Netz gestellt. Da wird behauptet, hier gebe es bis zur Buchmesse täglich reichlich Zusatzmaterial zum Buch. Aber was passiert auf der Seite? Es tröpfelt nur. Aber keine Literatur, sondern Marketingaktionen: Hey, macht bei unserem Gewinnspiel mit! Kommt zu den Lesungen! Lest einen Auszug aus dem Roman und kauft es dann! 

Was ist daran falsch? 

Es gibt gute Werbung und schlechte Werbung. Es gibt Werbung, die auf der Höhe der Zeit ist und ihr Medium kennt. Und es gibt Werbung, bei der das nicht so ist. Es scheint, als wüsste man bei Suhrkamp nicht darüber Bescheid, wie man ernsthaft, seriös und intellektuell anspruchsvoll Aufmerksamkeit im Netz bekommt. Das Interessanteste daran ist: Suhrkamp ist ausgerechnet der Verlag, der mal das intellektuelle Gegenwartsverständnis der Republik geprägt hat. Weil man da auf der Höhe der Zeit war. Weil man Texte publiziert hat, die die Gegenwart reflektieren und prägen konnten. Und jetzt? An diesem Blog läßt sich gut sehen, dass man nicht in der Liga mitspielen will, in der im Netz längst gespielt wird. Das sollte man aber unbedingt tun, um weiter ein Verlag zu sein, der Anspruch darauf machen kann, die Gegenwartskultur auf hohem ästhetischen und intellektuellen Niveau zu beobachten, zu reflektieren und zu prägen.

Ist das ein Einzelfall?

Nein, der Setz-Blog ist exemplarisch für das, was im Moment in der Branche passiert, genauer: was NICHT passiert. Es darf deshalb vermutet werden, dass es schon kurz- und mittelfristig ganz andere Projekt- und Unternehmensformen sind, die sich schneller und besser, auch intellektueller und niveauvoller auf die neuen medialen Bedingungen einstellen. 

Wie könnte man das Urheberrecht der Zukunft definieren?

Das ist eine schwierige Frage. Denn es bleibt dabei: Man kann sich von der Idee verabschieden, dass sich Formen finden lassen, die über Jahrzehnte Gültigkeit haben. Wer sich mit Medienrecht beschäftigt, weiß ja: Die Experten kommen ganz schön ins Schwitzen angesichts der Tatsache, dass allein der Prozess der Gesetzgebung außerordentlich viel Zeit braucht, während draußen im Netz der Teufel los ist und sich die Neuerungen überschlagen. Ich glaube, wir können uns darauf einstellen, dass wir mit der Urheberrechtsfrage dauerhaft zu tun haben werden. Nicht weil immer nur schlechte Lösungen gefunden werden, sondern weil es nur Zwischenlösungen sein können. Dementsprechend sollte man übrigens nicht nur auf das Urheberrecht schauen. Das lenkt davon ab, dass man sich immer auch die Formatfrage stellen muss. Die lautet: Wie publizieren wir so, dass wir unter den neuesten medialen Bedingungen eine Lösung dafür finden, dass wir für unsere Arbeit bezahlt werden, ohne dass es bereits vorab gesetzlich geregelt ist, was uns zusteht? Das ist natürlich nicht einfach. Das ist vor allem nervig. Aber man sollte sich eben darauf einstellen.

Das Szenario als Technik und Kunstform ist Ihr Thema in Berlin. Was ist darunter zu verstehen? 

Ich werde ja bei Litflow mit Friedrich von Borries sprechen. Das ist ein unglaublich interessanter Denker, Autor, Projektemacher. Nicht nur, weil er aus der Architektur und dem Design kommt, sich aber auch für Computergames, für nachhaltige gesellschaftliche Entwicklungen und als Romanautor nicht zuletzt auch für die Literatur interessiert. Er ist jemand, der grundsätzlich an das Nächste denkt. Und dafür nutzt er die Technik des Szenarios. Also das Ausbuchstabieren von möglichen Entwicklungen. Das soll dabei helfen, Möglichkeitsspielräume für die Gegenwart zu entwickeln und folgenreiche Entscheidungen ein wenig abzusichern. Die Pointe ist nun: Das Szenario ist selbst eine Form der Erzählung. Es ist eine Zukunftsstory, Science Fiction in gewisser Weise. Aber nicht im alten, sondern in einem neuen produktiveren Sinn. Wenn nur im Ansatz stimmt, was ich eben für die Autoren und die Verlage skizziert habe, dann ist klar: Das Szenario ist eine gute Erzähltechnik, mit der man versuchen kann, sich auf die Zukunft einzustellen und sie auch mit zu gestalten.

Die Fragen stellte Lucy Mindnich.

Stephan Porombka
1967 in Salzgitter geboren, ist Professor für Kulturjournalismus und Literaturwissenschaft an der Universität Hildesheim. Nach dem Studium der Germanistik, Politik- und Theaterwissenschaft promovierte er 1999 mit einem Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes. 2003 wurde er Juniorprofessor, ab 2007 Universitätsprofessur für Literatur und Kulturjournalismus. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil leitet er den Studiengang „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“. Seine Forschungsschwerpunkte sind Literatur & Journalismus, Sachbuchforschung und angewandte Literaturwissenschaften.



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