23. September 2015

Sascha Lobo: Eine neue, vernetzte Zeit des Buchs soll beginnen


Zack! Endlich ist der F.A.Z. Lesesaal online – und um zu verstehen, wohin wir dabei gemeinsam mit dem Feuilleton der F.A.Z. zielen, muss man fünf Schritte zurücktreten und sich die umwälzende Transformation der Kultur ins Digitale anschauen (nein, in kleinerer Münze geht es leider nicht).

lesesaal

Youtube hat ohne Zweifel die digitale Welt des Kulturguts Video verändert. Und ein substanzieller Teil dieser Veränderung beruht auf der Ureigenschaft des Internet – auf der inhaltlichen Vernetzung. Bei Youtube heißt das konkret: Man kann Videos auf anderen Seiten einbetten, mit dieser Vernetzungsfunktion hat Youtube seine heutige Größe erreicht. Bei Soundcloud lässt sich genau das mit Musik und Tonaufnahmen machen. Und Flickr ist als eine der ersten inhaltsgetriebenen Communitys vor zehn Jahren groß geworden, weil es mit einer Vielzahl von Widgets die Einbettung von Bildern quer durch das Netz erlaubte.

Das Zitat als Herzstück des Netzes
Das ist kein Zufall: Das Zitat ist der wichtigste Treiber des Traffic in sozialen Medien, auch und gerade bei Facebook. Ein schneller Blick in den eigenen Facebook-Feed sollte das beweisen, von den letzten zehn Beiträgen dürften mindestens fünf alle möglichen Inhalte quer durchs Internet zitieren und verlinken. Aber ausgerechnet aus dem wirkmächtigsten, zitatsatteste Kulturgut überhaupt lässt sich bisher kaum geschmeidig digital zitieren: aus dem Buch. In den allermeisten Fällen musste man Buchzitate abtippen, sei es vom gedruckten Werk oder aus dem E-Book, das aus einer Reihe von Gründen bisher eine weitgehend vom Netz abgekoppelte, digitale E-Books-Sphäre darstellte. Wir halten diese Abkopplung für verschenktes Potenzial, denn wir sind überzeugt, dass sich das E-Book mit dem Internet vermählen muss.

Für den brandneuen, soeben gestarteten F.A.Z. Lesesaal haben wir deshalb eine neue Technologie entwickelt, die für die Buchwelt das werden soll, was der eingebettete Youtube-Clip für die Videowelt ist:

Jeder Satz aus jedem E-Book lässt sich quer durch das gesamte Internet einbetten. Und mit dem Klick auf das eingebettete Zitat gelangt man im Browser direkt in das E-Book hinein.

Dadurch wird auch sofort der Kontext des Zitats deutlich – und bei Sobooks lässt sich direkt am E-Book diskutieren, am Rand jeder Seite (was aber simpel ein- und ausblendbar ist). Wir glauben, dass die in dieser Form erstmals möglichen, verlinkten E-Book-Zitate die Art und Weise verändern können, wie man im Netz über Bücher schreibt und diskutiert.

E-Books dorthin bringen, wo die Aufmerksamkeit schon ist

Mit simplen Beispielen lässt sich diese mittelnassforsche Behauptung erläutern:

  • Angenommen, soeben kommt ein neues Buch von Thilo Sarrazin heraus – mit der Sobooks-Technologie könnte umgehend ein Artikel erscheinen mit dem Titel: Die fünf schlimmsten Zitate aus dem neuen Sarrazin-Buch. Und jedes Zitat linkt in das E-Books hinein, auf die jeweilige Seite, wo live am Inhalt entlang gestritten werden kann. Man erahnt die Diskussionsintensität. Und nicht nur da.
  • Die 37 schlichtesten Thesen aus dem neuen Buch von Hans-Werner Sinn.
  • Unterhaltsame Geschehnisse aus Charlotte Roches neuem Roman.
  • Die zehn delikatesten Passagen aus „Fifty Shades of Grey“.
  • Karl Marx verstehen in zwölf Buchzitaten aus „Das Kapital“.
  • Alles, was in der Bibel steht über vegane Ernährung.
  • Zehn Passagen aus zehn Büchern, die gegen Liebeskummer helfen.

Und das sind natürlich nur die leicht auf Buzzfeedizität gebürsteten, denkbaren Artikel, die konkreten Möglichkeiten sind noch zu erforschen, im F.A.Z. Lesesaal wird sicher ein eigener Stil des Umgangs mit dieser Technologie gefunden werden. Der Schlüssel zum Verständnis der konzeptionellen Dimension dieser Sobooks-Technologie: Inhalte von Büchern werden bis auf einen einzigen Klick an den Ort herangeführt, wo die Aufmerksamkeit der Nutzer schon ist, hier auf der Seite faz.net. Wir sind sehr froh darüber, dass sich das Feuilleton der F.A.Z. mit der Literaturredaktion auf dieses Experiment eingelassen hat: Bücher, E-Books auf eine neue Weise zu rezensieren und zu diskutieren. Und mit zu prägen, wie das Zusammenrücken oder sogar die Verschmelzung von E-Book-Inhalt und Rezension aussehen kann.

Wir laden alle Interessierten dazu ein, mitzumachen beim F.A.Z. Lesesaal, mitzudiskutieren, direkt im Online-Buch (die Kommentare zu den Artikeln sind vorerst deaktiviert, um den neuen, bisher kaum bekannten Kommentaren im Buch mehr Schwung zu geben). Der erste Beitrag stammt von Felicitas von Lovenberg und handelt vom Roman „Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck. Das Buch ist in der letzten Woche auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gekommen und handelt vom sehr aktuellen Thema Flüchtlinge. Ein Screenshot aus dem ersten Beitrag des F.A.Z. Lesesaals:

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Was genau ist der F.A.Z. Lesesaal?
Der F.A.Z. Lesesaal ist übrigens zu verstehen als virtueller Ort, an dem Gespräche stattfinden, wie ein riesiges Buch, auf dem man in kleinen Grüppchen über dessen Inhalt diskutieren kann. Zum Lesesaal gehören die einzelnen Rezensionen als Ausgangspunkt, die in die Rezensionen eingebundenen Buchzitate, die Möglichkeit, sich auf der Lesesaal-Seite einzuloggen, die Einbindung der letzten Kommentare auf der Lesesaal-Seite – und natürlich die Kommentare am Buchrand jeder Seite selbst (deren Zahl übrigens auch in dem roten Knopf im eingebetteten Zitat angezeigt wird).

Kommentare und Diskussionen

Das oft beschriebene Problem harscher oder grauenvoller Kommentare im Netz kann unserer Meinung nach so übrigens auch gelöst werden – durch die auch räumlich nahe Beziehung zum Text. Auf der Plattform Medium.com funktioniert das hervorragend, die Qualität der Kommentare ist dort (um den Preis von geringerem Kommentaraufkommen) recht hoch, weil man die Inhalte direkt neben und nicht unter dem Text diskutiert. Die ersten Kommentare im Lesesaal sind dann auch ohne Ausnahme fair, auch die eher kritischen.

Natürlich müssen und wollen wir mit der F.A.Z. Schritt für Schritt erproben, wie diese neue Formen von Buchbesprechungen am besten funktionieren und wie sie die entsprechende Resonanz mitbringen. Natürlich ist die ganze Konstruktion durchaus fragil, eine Rechnung mit vielen Unbekannten, deren größte Unsicherheit ist, ob diese substantiell neue Produkt mittelfristig so angenommen wird, wie wir das glauben. Und wenn weiter oben die Rede ist von großen, neuen Ansätzen – von deren Kraft der Vernetzung wir wirklich überzeugt sind – dann heißt das: Wir skizzieren das Potenzial.

Ob es gehoben werden kann, ist eine andere Frage. Aber das ist das Wesen von Experimenten, man muss sie durchführen, um zu erkennen, ob sie funktionieren und wie sie vielleicht noch besser funktionieren. Wir sind, was die technischen Umsetzungen angeht und die Usability und die Features und die allgemeine Geschmeidigkeit der Benutzung – natürlich keineswegs am Ziel. Im Gegenteil müssen wir viele Funktionen, Gestaltungen, technische Abläufe und Kommunikationen des Lesesaals stetig verbessern. Aber wir sind der Meinung, dass das im Stahlbad der Userkritik besser funktionieren kann als wenn wir noch neun Monate länger still im Hintergrund am Lesesaal geschraubt hätten.

Gleichzeitig war (für Fachleute vielleicht nachvollziehbar) nicht nur die technologische Seite eine Herausforderung, sondern auch die rechtliche, weshalb ein guter Teil des Danks den Buchverlagen gebührt, die sich juristisch auf diese neue Form der Beschäftigung mit Büchern eingelassen haben. Das ist im Spannungsfeld zwischen Internet, Urheberrecht und Verwertern alles andere als selbstverständlich.

Wir würden uns freuen, wenn Sie im F.A.Z. Lesesaal mitdiskutieren, im Browser, am Rand jeder einzelnen Buchseite, und wenn man möchte, über jeden einzelnen Satz im Buch. Vielleicht entsteht etwas wirklich Neues dabei.

Sascha Lobo ist Mitgründer der E-Book-Plattform Sobooks (steht für Social Books).

Zweitveröffentlichung eines Beitrags aus dem Sobooks-Blog, mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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