14. November 2012

Jochen Krisch: Kein Mucks von den Mitarbeitern


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Im Fall Douglas wird es spannend. Denn wenn alles nach Plan läuft, dann übernehmen in Kürze die aus der Heuschreckendebatte bekannten Finanzinvestoren von Advent International das Ruder bei der Douglas-Gruppe. Die Mitarbeiter bleiben still. Dabei wäre jetzt der Zeitpunkt, sich zu Wort zu melden.

Man ahnt schon, was nach der Übernahme folgt: wie in spätestens zwei, zweieinhalb Jahren Betriebsräte und Gewerkschaften die Mitarbeiter von Douglas und Thalia auf die Straße scheuchen werden, weil in der Douglas-Gruppe kein Stein auf dem anderen bleibt und in großem Stil Personal eingespart und (Thalia-)Filialen geschlossen werden sollen.

Noch gibt sich Advent handzahm, hält aber auch nicht hinterm Berg, dass es mit ein bisschen Kosmetik nicht getan sein wird („Advent pokers for Douglas“). Die Lebensmittelzeitung spekuliert also schon mal („Horse-trading at Douglas“), ob eine Fusion der Kosmetiksparte mit Sephora oder Marionnaud Sinn machen würde. Das Schicksal der Buchsparte dürfte ohnehin besiegelt sein.

Mit Thalia nach Antalya – wohin soll die Reise gehen?

Interessant ist, wie wenig aktuell von den Mitarbeitern kommt, die, wenn das Kind im Brunnen liegt, wieder die ersten sein werden, die über die „bösen US-Investoren“ herziehen werden. Jetzt wäre der Zeitpunkt, aktiv zu werden und auf die erheblichen Defizite in der bisherigen und in der angekündigten Strategie hinzuweisen.

Wo ist management- und investorenseitig ein Verständnis für die Online-Entwicklungen und eine Antwort auf die strukturellen Umbrüche im Markt? Warum ist Douglas im Grundverständnis und in der Herangehensweise nicht annähernd soweit wie eine Hawesko-Gruppe („So sieht eine vernünftige Online-Strategie aus!“)?

Reiseangebote à la „Mit Thalia nach Antalya“ dürften kaum die Lösung sein. Dies und vieles mehr könnte man als zukunftsorientierter Betriebsrat heute anprangern, auf Antworten drängen und hätte so zumindest den Hauch einer Chance, mit einer soliden Strategie dem drohenden Ausverkauf zu entgehen.

Verständlicherweise werden in der aktuellen Phase investorenseitig jede Menge Beruhigungspillen verabreicht, die offenbar auch schön brav geschluckt werden. Nur sollte man, wenn man jetzt, wo die Weichen gestellt werden, nicht den Mund aufmacht, sich dann später auch nicht wundern, wenn man dem vorgezeichneten Schicksal kaum noch entrinnen kann.

Noch ist die Übernahme nicht in den trockenen Tüchern. Offen ist, ob sich die verbleibenden Aktionäre so billig abspeisen lassen. Denn klammert man den Sanierungsfall Thalia einmal aus, dann sind die gebotenen knapp 1,5 Mrd. Euro für die anderen Douglas-Sparten durchaus als Schnäppchen zu werten. Für Advent International also in jedem Fall ein gutes Geschäft.

Das Schicksal von Douglas, Thalia, Christ & Co. entscheidet sich am 4. Dezember, wenn die Verkaufsfrist für die Aktionäre endet.

Jochen Krisch ist Herausgeber des Weblogs Exciting Commerce, das die wichtigsten Entwicklungen im E-Commerce verfolgt.

  • Michael Nardelli

    Wen wundert’s? Die Thalia-Belegschaft ist ein pars pro toto, steht sinnbildlich für den deutschen Schlaf-Michel: Man lässt sich Beruhigungspillen verabreichen (“Die deutsche Lebensversicherung ist sicher”), zahlt und glaubt einfach, was die Obrigkeit sagt. Ansonsten herrscht die Angststrategie: Man lässt sich noch ein bisschen mehr auspressen (weniger Geld bei mehr Arbeit) und hat von klein auf gelernt, zu wollen, was man soll. Nein, auf den Schlafmichel braucht man nicht zu hoffen. Oder aus der Sicht der Heuschschrecken: Mitarbeiter in Deutschland lassen es ja mit sich machen. Ein bisschen murren – und ansonsten Realität vedrängen oder verweigern. Standardsprüche: “So schlimm wird es schon nicht kommen!” Oder: “Das können die (!!!) nicht machen.” Wetten, dass doch? Und dann erübrigt sich der Antalya-Flug ohnehin.