16. Juni 2011

Wolfgang Tischer: Von Schwätzern, Spammern und Gehirnzerstörern


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Während Verleger auf Kongressen etwas über das „soziale Lesen“ erzählt bekommen, nachdem man ihnen kurz davor noch berichtet hat, dass die Zukunft des E-Books „enriched“ oder „enhanced“ sei und selbsternannte „Social-Media-Berater“ verkünden, dass ohne Twitter und Facebook künftig kein Buch mehr an Frau oder Mann zu bringen sei, sind die wirklich interessanten Dinge an ganz anderer Stelle abzulesen: auf der Top100-Liste der Kindle-E-Books bei Amazon.

Ich hatte im letzten Beitrag bereits erläutert, warum „selbstgemachte“ E-Books für 99 Cent für Verlage zum Problem werden können. Die Dominanz der Billigtitel führt jedoch zu merkwürdigen Einschätzungen in der Buchbrache.

Verleger Chad W. Post stellt sogar in den Publishing Perspectives die These auf, dass der Verkauf von 99-Cent-Büchern das Gehirn zerstöre. Gerade erst habe er selbst die ersten E-Books für 4,99 Dollar auf den Markt gebracht, da erschrecke ihn die große Anzahl von 99-Cent-Titeln auf der Amazon-Bestsellerliste für den Kindle.

Wie ich in meinem letzten Blogbeitrag muss auch er feststellen, dass man mit einem 99-Cent-Buch genau so gut unterhalten werden kann wie mit einem 12,99-Dollar-Werk.

Posts Angst besteht jedoch darin, dass „E-Books das Buch zur Wegwerfunterhaltung verkommen lassen“.

Chad W. Post schreibt (Übersetzung von mir):

Und das ist schon immer mein Problem mit E-Books gewesen: Sie setzen den Wert sofortiger Unterhaltung – und dessen Erfüllung – über den des echten „Lesens“, das mehr Hingabe, Geduld, Aufmerksamkeit und Zeit erfordert.

Post hat, wie er selbst schreibt, die Hosen gestrichen voll („scares the crap out of me“) und Angst vor den E-Book-Selbstverlegern, die „das Spiel dominieren“ und für ihn Buch, Verlegen und Lesen entwerten.

Auch Bloggerin und Kindle-Besitzerin Pia Ziefle nimmt sich in einem Beitrag den Thesen von Chad W. Post an, stellt ihren Artikel jedoch unter die verwirrende Überschrift „Goethe für 99 Cent?“. Sie meint damit eigentlich „Hochkultur für lau?“, greift aber mit dem Goethe-Beispiel unfreiwillig ein weiteres Problemfeld auf.

Denn man sollte davor warnen, 99 Cent für den kompletten Goethe auszugeben. Das ist zu teuer! E-Book-Spam, denn das sind billig aus Quellen wie Project Gutenberg zusammengeschusterte Texte, die man fürs Kindle genausogut kostenlos bekommt. Für ein Goethe-E-Book dieser Qualität sind 99 Cent zu viel – was das Paradoxon der günstigen E-Books noch vergrößert.

Amazon muss daher zunächst den Spam unter den gelisteten Bestsellern in den Griff bekommen, so wie auch Google seine Suchalgorithmen ständig anpasst. Schon jetzt blendet Amazon die Erotik-Rubrik aus, sonst wären auf den Top100 diese Titel in der Mehrzahl.

Aber lohnt das Lamentieren? Die breite Masse bevorzugt nun mal Müll und Schund und will (mit einem 99 Cent-Goethe) betrogen werden.

Warum sollte der ungeregelte E-Book-Markt anders aussehen wie der Schrott im Privatfernsehen? Wir blicken plötzlich auf etwas, das uns Feuilletonbesprechungen, TV-Büchersendungen und die durch den Handel gefilterte SPIEGEL-Bestsellerliste verschwiegen haben: Es gibt auch bei Büchern unglaublich viel Schrott, der jetzt im E-Book-Bereich ohne den „Verlegerfilter“ auf den Markt drängt. Das ist vergleichbar mit der Einführung des Privatfernsehens in den 1980ern. Und wie dort die Öffentlich-Rechtlichen plötzlich auch viel Schrott statt Hochkultur produzieren, wird dieser Trend auch bei den Verlagen weiter zunehmen.

Aber es wäre falsch, dies zu bejammern oder gar eine Zensur im Namen der Qualität zu fordern. Jeder muss sich „seine“ neuen Filter und Tippgeber suchen. Schon jetzt ist klar, dass es Facebook und Twitter nur bedingt sein werden und sein können, da dort erneut der Massengeschmack vorherrscht. Facebook blendet die „Freunde“, die wenig zu sagen haben, standardmäßig aus und lässt den Schwätzern den Vortritt.

Wolfgang Tischer ist Gründer und Herausgeber des literaturcafe.de, das in diesem Monat sein 15-jähriges Bestehen feiert. Tischer ist Autor des E-Books »Amazon Kindle: Eigene E-Books erstellen und verkaufen«, das sich bei Amazon in den Top100 befindet und dessen Preis er gerade von 99 Cent auf 2,99 Euro angehoben hat.

  • http://www.fiktorie.de JeAndré

    Lieber Wolfgang Tischer,
    Sie bringen’s genau auf den Punkt. Der Massengeschmack ist nun mal recht wenig anspruchsvoll. Dies gilt, wie Sie schreiben, nicht nur fürs Fernsehen, sondern auch für die Printmedien und die Musik. Was Chad W. Post postet, stimmt im Prinzip zwar, trifft jedoch nicht nur fürs „echte Lesen“ zu. Kaum jemand mehr nimmt sich die Zeit für mehr Hingabe, Geduld und Aufmerksamkeit. Danke, dass Sie es in Ihren sorgfältig analysierten Beiträgen besser machen.
    http://www.fiktorie.de
    …. weil Zeit nicht nur vergeht!

  • http://blog.bedeson.com Thomas Kress

    Viele ”Branchenkenner” und Buchliebhaber beklagen die Entwicklungen im Literaturbetrieb als würde irgendetwas wichtiges unwiederbringlich verloren gehen. Dabei lösen sich nur veraltete Produktions-, Vertriebs- und Distributionsstrukturen auf. Es werden weiterhin Texte geschrieben und gelesen. Gedruckte Bücher werden weniger verkauft werden und E-Books werden sich immer besser verkaufen. Der Leser interessiert sich für die Inhalte und vielleicht noch für den Autor aber nicht für Herstellungsprozesse, Barsortimenter, Händler etc. Ein hoher Preis und Papier als Informationsträger sind kein Qualitätsgarant. Vielleicht hätte man digitale Publikationen nicht E-Books nennen dürfen sonder einfach nur E-Text, dann gäbe es möglicherweise die nervigen Vergleiche zur vergilbenden Platzbedarfsunterhaltung nicht. Jedem sein Lieblingsmedium.

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