Arbeiten mit offener Tür

Der Schreibtisch von Bestseller-Autor Rainer M. Schießler (Foto: Astrid Schmidhuber)

Pfarrer Rainer M. Schießler führt mit „Jessas, Maria und Josef“ aktuell die Themenbestsellerliste Religion an. Hier gewährt er einen Blick auf seinen Schreibtisch und erklärt, warum offene Türen symbolisch für seine Arbeit stehen.

Rainer M. Schießler über seinen Schreibtisch

Der vorgesehene Arbeitsraum für einen Pfarrer ist das Büro. Das heißt aber nicht, dass hier alles entsteht und gemacht wird, was für seine Arbeit wichtig ist. Selbstverständlich ist hier die gesamte Pfarrverwaltung zu bewältigen. Dazu gehören aber nicht die Ideen und geistlichen Werke. Sie sind Ergebnisse der Kreativität und der Leidenschaft des Priesters.

Immer montags beginnt an diesem Schreibtisch meine Arbeit für den nächsten Sonntag: Texte lesen, Bibelstellen erforschen … Dann gehe ich eine Woche „schwanger“, immer bereit, neue Impulse zu empfangen, und es entsteht ein geistliches Kunstwerk für den nächsten Sonntagsgottesdienst, das zuerst einmal mir als Priester gefallen muss. Nur so hat es Chancen, auch die Menschen anzusprechen und zu berühren. Diese Arbeiten aber spielen sich nicht nur an meinem Schreibtisch ab. Sehr oft – vor allem im Sommer – suche ich regelrecht das Weite, sitze mit dem MacBook im Hof, möchte die Luft spüren. Wer sich im Bücherschreiben auskennt, weiß: mit Hinsetzen und drauflos schreiben geht da oft gar nichts. Aber wenn die Idee da ist, der Impuls zündet, der Flow beginnt zu fließen, dann musst du alles stehen und liegen lassen und sofort schreiben.

Dementsprechend ist dieser Schreibtisch auch nicht „aufgeräumt“. Er lebt wie „sein Arbeiter“ von der Intuition. Ich würde ihn auch nicht als unaufgeräumt bezeichnen. Er besitzt seine eigene Ordnung, die natürlich zuerst dem Besitzer bekannt ist. Ich breite keine großen Dinge auf diesem Tisch aus, er ist kein Verwaltungstisch. Ein Platz für MacBook, Telefon und persönliche Gegenstände genügt vollkommen. Gerade Letztere haben alle ihre Geschichte und Bedeutung, sind teilweise schon Jahrzehnte alt, übergeben von lieben Menschen, die damit gegenständlich in meiner Nähe sind. Immer wenn der Blick auf diese „Devotionalien“ der Freundschaft fällt, wird dieser Mensch für einen Moment ganz gegenwärtig und präsent. Nähe wird spürbar.

Die beste Zeit in meinem Arbeitszimmer ist immer vor und nach den offiziellen Öffnungszeiten, wenn die Haustür und das Telefon nicht ständig ablenken und neue Situationen herausfordern. Die Zeit morgens zwischen 6 und 9 Uhr sowie abends ab 17 Uhr ist die kreativste für mich. Ich brauche absolute Stille beim Arbeiten. Sicher auch ein Relikt aus meiner Schulzeit: Wir durften nie bei laufendem Radio Hausaufgaben machen! Ich danke Gott für den Durchsetzungswillen meiner lieben Eltern, der sich heute ganz besonders bezahlt macht.

Ganz wichtig für mich ist auch das: Meine (beiden) Türen zum Büro sind – außer es finden vertrauliche Gespräche statt – immer sperrangelweit offen! Nicht weil ich neugierig wäre. Irgendwie ist es wie beim Singen: Nicht falsch zu singen ist schlimm, sondern fast richtig zu singen! So geht es mir bei geschlossenen Türen: Nicht nichts mitzubekommen ist das Problem, sondern nur die Hälfte bruchstückhaft zu verstehen, was da gerade draußen gesprochen wird!

So sind die offenen Türen für mich zum Symbol für meine Kirche und meine ganze Arbeit geworden, die bei den Menschen fruchtlos bleibt, wenn sie sich verbarrikadiert! Die offenen Türen sollen sowohl für meine Mitarbeiter wie für Besucher immer einladen, kurz zu mir hereinzuschauen, „Grüß Gott“ zu sagen, einen kurzen Ratsch zu halten. Anklopfen ist nicht notwendig! Nur so haben die oben erwähnten Impulse und Ideen auch die Chance, mich zu erreichen.

Rainer M. Schießler (Foto: Astrid Schmidhuber)

Rainer M. Schießler

Zu einer Faschingspredigt im Münchner Kirchenfernsehen setzt sich Pfarrer Rainer Maria Schießler einen Karnevalshut auf, nimmt in einem Witz den eigenen Berufsstand aufs Korn und fragt, warum es in der Kirche denn immer so ernst zugehen müsse. Mit dieser lockeren Art scheint der gebürtige Münchener einen Nerv zu treffen. Die Pfarrei St. Maximilian, die er seit 1993 führt, verzeichnet pro Jahr 40 bis 60 Eintritte und liegt damit bundesweit vorn. Jahrelang arbeitete Schießler im Schottenhamel-Zelt des Münchner Oktoberfestes als Bedienung oder fuhr in seiner Zeit als Priesterseminarist nachts Taxi, um den Kontakt zur Basis zu suchen. Mit seinem leidenschaftlichen Eintreten für eine lebhafte, engagierte Kirche und medienwirksamen Auftritten ist dem Pfarrer die Aufmerksamkeit Deutschlands sicher: Seine Bücher belegen Platz 1 und 3 der Religionsbestseller 2018. Darin behandelt Schießler Fragen des Zusammenlebens, des Zweifelns und Glaubens.

 

Bestseller

Titel bester PlatzWochen
Himmel, Herrgott, Sakrament (Kösel)464
Jessas, Maria und Josef (Kösel)817
Quelle: buchreport

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