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Mit disruptiver Technologie zum klassischen Erlebnis

 

Frank Thelen ist Gründer und Tech-Investor und leitet die Bonner Beteiligungsfirma Freigeist Capital. Seit 2014 ist er Teil der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“. Jetzt erschien bei Murmann seine Autobiografie. (Foto: Eyecatchme Photography)

Der Investor Frank Thelen ist bekannt aus der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ (Vox, dienstags 20.15 Uhr), in der Erfinder und Unternehmensgründer um Risikokapital werben. Bei Murmann hat er jetzt seine Autobiografie „Startup-DNA. Hinfallen, aufstehen, die Welt verändern“ veröffentlicht, die direkt nach Erscheinen auf Platz 9 der SPIEGEL-Bestsellerliste eingestiegen ist.

Darin gibt er Einblicke in sein Leben, er will die Leser aber auch aufrütteln: „In den nächsten zehn Jahren wird sich das Leben aller Menschen so weitreichend verändern wie noch nie. Es ist mir wichtig, dass sich jeder damit befasst, damit er aktiv mitgestalten kann.“ Im Interview spricht er über seine Eindrücke von der Buchbranche und ihr Start-up-Potenzial.

 

Sie haben sich in den vergangenen Monaten durch die Arbeit am eigenen Buch intensiv mit der Buchbranche auseinandergesetzt …

… am Anfang mit den großen Verlagen. Ich habe mir die Ideen angehört und war ein bisschen entsetzt, wie eingefahren die Branche ist. Die Budgets sind sehr eng, selbst für Spitzentitel, wie ich ihn im Sinn hatte. Da bekommt ein Ghostwriter 15.000 bis 20.000 Euro, der das Buch oftmals nachts oder auf Zugfahrten schreibt, weil er noch einen Vollzeitjob hat. Für Design ist schon gar kein Budget da, für teure, aufwendige Fotoarbeiten auch nicht. Das ging unter den Umständen nur als Fließbandarbeit. Wie bei meinen Apps habe ich mir aber gesagt: Egal wie hoch die Kosten sind, ich will das bestmögliche Produkt haben.

Warum haben Sie es nicht gleich in bestem Start-up-Flow auch selbst verlegt?

Weil ich glaube, dass ein Verlag weiß, wie der Buchhandel tickt und was Leser erwarten. Am Ende war es eine Kombination aus unserer wilden Disruption und der Erfahrung eines Verlags, die man für so ein Projekt braucht. Aber einen, der jung und dynamisch ist. Ich kenne Sven Murmann, habe ihn einfach angerufen und gesagt: Die großen Verlage sind mir zu starr, da kann ich meine Ideen nicht umsetzen.

Mit dieser Erfahrung nachgefragt: Haben Start-ups in einer Traditionsbranche eine besondere Perspektive? 

Wenn eine Branche eine lange Tradition hat, ist die Chance immer groß, sie durch neue Ansätze zu verändern. Wenn man die neuen Technologien und neue Ansätze nutzt, entstehen völlig neue Produkte und Vermarktungsplattformen. Der Buchbranche stehen ja Veränderungen ins Haus. Ein Startup mit einem guten Ansatz, der nicht nur cool ist, sondern einen echten Mehrwert hat, der bessere Produkte und eine bessere Vermarktung zu den Konsumenten bringt, hat gute Chancen. Am Ende des Tages entscheidet der Konsument, was er liest und wofür er bereit ist, zu zahlen.

Welche Marktlücken für Branchen-Start-ups sehen Sie?

Ich befasse mich gerade mit künstlicher Intelligenz, die in ganz vielen Bereichen Dinge radikal ändern wird, und mit Quantum-Computing, wo auf einmal Computer anders funktionieren. Auch Blockchain und Robotics sind Dinge, die wir uns anschauen. Es gibt so viele neue disruptive Technologien und so viele Möglichkeiten. Selbst das Internet, das von uns schon als Standard angenommen wird, bietet noch viele neue Dinge, die man als Gründer machen kann. Da ist sicher auch für die Buchbranche etwas dabei, man muss sich nur darauf einlassen und Fantasie entwickeln.

Was müsste ein Buchbranchen-Start-up haben, damit Sie selbst investieren?

Was jedes Startup haben muss, in das ich investiere: Das Erste ist ein starker Gründer, noch besser ein starkes Gründerteam, das sich gut ergänzt. Ich brauche nicht drei Marketingleute, sondern einen Marketingprofi, einen Techniker und vielleicht einen Programmierer oder einen Contentmanager, der mit Inhalten umgehen kann. Und dann braucht es eine Idee, die skaliert. Wenn alles funktioniert und ich mein Geld diesmal nicht verliere, was ich allerdings manchmal auch heute noch tue, muss das Unternehmen perspektivisch eine Größenordnung von 100 Mio Euro erreichen können und natürlich Gewinn versprechen.

Sie schreiben: „Die große Chance der Digitalisierung ist zunächst, dass alles das, was digital werden kann, digital wird.“ Was heißt das auf die Buchbranche bezogen?

Das gilt für alle Arbeitsschritte und alle Kommunikation. Darin stecken enorme Reserven und Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Das gilt letztlich auch fürs Produkt, aber manchmal ist man da auch zu progressiv und da entscheidet der Kunde und seine Emotionen. Ich selbst habe das bedruckte Papier wieder lieben gelernt. Wir gucken den ganzen Tag auf Displays, weil wir damit arbeiten, unsere E-Mails schreiben, SMS bekommen, fernsehen. Deshalb finde ich es wichtig, Bücher auch wieder gedruckt zu lesen, um haptisch Abwechslung zu haben.

Aber alles andere wird digitalisiert?

Es wird deutlich digitaler werden, die Kunden müssen digitaler angesprochen werden. Es ist wichtig, dass man auf den sozialen Kanälen aktiv ist. Heute sind es Twitter, Instagram, Facebook, LinkedIn, Xing, morgen wird es wieder andere geben. Dass man auf den digitalen Kanälen, wo die Leute heutzutage sind, sie wieder zu Büchern führt, sie vor allen Dingen auch in die Buchläden holt, zum Erlebnis, Lesungen macht oder andere attraktive Events, ist eine positive Entwicklung. Weil so vieles digital ist, kann man durchaus vermitteln, warum ein Shoppingerlebnis in den Läden gut ist. Aber noch mal: Die Kommunikation mit den Kunden und die Ansprache wird digitaler werden, bietet aber auch neue Chancen – da sind wir wieder bei den kleinen Budgets – weil man keinen teuren Fernsehspot braucht, sondern auch mit kleinem Geld intelligente lokale Werbemaßnahmen machen kann.

Christina Reinke  reinke@buchreport.de

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