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Mit Buch-Retrodigitalisierung die Backlist wiederbeleben

Julia Schülli, Holtzbrinck Electronic Publishing. Foto: privat.

Julia Schülli, Holtzbrinck Electronic Publishing. Foto: privat.

Seit 2014 realisieren die Holtzbrinck Buchverlage zusammen mit C.H. Beck Media Solutions ein Projekt zur Digitalisierung von Backlist-Titeln. Inzwischen wurden über 2000 Titel produziert. In der Durchführung eines solchen Projektes braucht man klare Zielvorstellungen und einen langen Atem, um die auftretenden Herausforderungen zu meistern.

Am Anfang war das gedruckte Buch

Die Ausgangssituation für die Verlage zu Beginn des Projektes stellte sich wie folgt dar: Es gab eine große Backlist mit vielen vergriffenen Titeln, bei denen sich eine Neuauflage, verbunden mit den zu kalkulierenden Lagerkosten, nicht wirtschaftlich darstellen ließ. Dadurch fielen die Rechte an den Büchern zurück an die ursprünglichen Rechteinhaber. Hinzu kam, dass andere, zum Teil branchenfremde Anbieter damit begannen, sich solche Rechte zu sichern und die Titel zu digitalisieren, mit dem Ziel, im E-Book-Segment eine kritische Masse an Backlist-Titeln anzubieten.

Für die Publikumsverlage ergab sich daraus die Frage, wie eine dauerhafte Lieferbarkeit erreicht und damit eine der Kernaufgaben eines Verlags wahrgenommen werden könnte.  Im Ergebnis wurde entschieden, selbst die Wiederbelebung der Backlist zu realisieren. Damit verfolgten die Verlage mehrere Ziele:

  1. Sicherung der eigenen Rechte
  2. Aufbau einer Longtail-Backlist – im Idealfall „für alle Zeiten“
  3. Abbildung der jeweiligen Verlagshistorie in ihrer Vielfalt
  4. Autorenpflege durch die Wiederauflage vergriffener Titel
  5. Vergrößerung des Angebots für Leserinnen und Leser in den Formaten PtO (Print to Order) und E-Book

Auf dem Weg zur Realisierung zeigte sich bald, wie vielschichtig die Aufgabe war. Schon früh mussten diverse Weichenstellungen vorgenommen werden. Eine der wichtigsten war, dass die Daten am Ende in denselben Formaten verfügbar sein sollten wie die der Bücher aus der Novitätenproduktion. Insbesondere bedeutete dies, dass die Basis für die Produktion der elektronischen Titel XML-strukturierte Daten in der von den Verlagen verwendeten zentralen Struktur sein sollten. Damit wurde sichergestellt, dass man für zukünftige Entwicklungen bestens gewappnet ist. Sollte es in der Zukunft notwendig sein, neue Formate zu bedienen, so sind hierfür dieselben Workflows einsetzbar wie in der Novitätenproduktion.

Bei der Überlegung, welche Daten als Quelldaten in Frage kommen, zeigte es sich schnell, dass das gedruckte Buch eine verlässlichere Basis bietet als zum Beispiel Daten aus alten Satz- oder Textverarbeitungsprogrammen. Schwierig zu entscheiden war die Frage, wie die Daten für eine potenzielle Nachproduktion im Print erzeugt werden sollten. Hier stand die Variante im Raum, auch diese Daten über einen automatisierten Satz aus den XML-Daten zu erzeugen. Dies hätte auch die Möglichkeit eröffnet, Format und Satzspiegel der Bücher komplett zu vereinheitlichen und damit eine perfekte Ausgangssituation für eine optimierte Printproduktion auch für Kleinmengen zu schaffen. Diese Variante wurde aus Qualitätsüberlegungen heraus aufgegeben zugunsten der Produktion mit hochaufgelösten Scans.

Retrodigitalisierung wird per Onlinetool gesteuert. Grafik: Beck.Media.Solutions

Retrodigitalisierung wird per Onlinetool gesteuert. Grafik: Beck.Media.Solutions

Die technische Herausforderung lag darin, einen möglichst effizienten Digitalisierungs- und Strukturierungsprozess aufzustellen. Dabei musste die komplette XML-Struktur aus der Typographie der Bücher abgeleitet werden. Da diese aber nicht einheitlich war, weil die Bücher aus unterschiedlichen Verlagen und aus unterschiedlichen Epochen stammten, wurde festgelegt, dass die typographischen Auszeichnungen und die daraus resultierenden Strukturen auf ein Standardset vereinheitlicht werden. So werden z.B. Einschubtypen je nach Größe und Art des Einzugs in Klassen zusammengefasst. Damit war es möglich, über einen mehrstufigen Prozess zuerst die typographischen Auszeichnungen in einer Vorstrukturierung zu erfassen und dann die korrekten XML-Strukturen auf dieser Basis automatisiert einzubringen.

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Durch die Standardisierung war eine hohe Automatisierung des Strukturierungsprozesses möglich. Dies bewirkte, dass der Prozess gut skalierbar war, da lediglich der Digitalisierungs- und Vorstrukturierungsvorgang parallelisiert werden musste. Heute wird dieser Schritt über zwei Dienstleister parallel abgewickelt.

Und wie läuft es nun?

Nach Klärung all dieser Fragen und der Lösung von vielen weiteren Detailproblemen ist nun ein Ablauf etabliert, der sich grob in folgende Schritte untergliedern lässt:

  1. Zu Beginn werden die Titel unter Vermarktungsgesichtspunkten zu Paketen zusammengestellt. Damit ist sichergestellt, dass die Produktion der Titel durch sinnvolle Marketingmaßnahmen flankiert wird und der E-Book-Absatz gefördert werden kann.
  2. Im zweiten Schritt werden die Rechteinhaber kontaktiert. Hinzu kommen oft noch die Rechteinhaber an der Übersetzung, sofern es sich um Werke handelt, die aus fremdsprachigen Quellen übersetzt wurden. Sollten Rechte nicht sicherzustellen sein, so wird das jeweilige Werk aus dem Workflow herausgenommen.
  3. Nach der Klärung der Rechtefragen werden die Metadaten ergänzt, die für die Produktion der Titel notwendig sind. Weiterhin werden drei Exemplare des gedruckten Buches besorgt: Eines der Bücher bleibt beim Verlag, das zweite geht an den Dienstleister und dient dort zur Qualitätskontrolle. Das dritte Exemplar bildet die Basis für die Digitalisierung.
  4. Bei der Digitalisierung werden die Bücher gescannt, die Seiten geradegerichtet und eventuell skaliert. Weiterhin wird per OCR-Erkennung auch eine Textversion der Daten hergestellt, die bereits mit Kennungen für Überschriften und typographische Auszeichnungen versehen ist.
  5. Auf dieser Basis wird dann in einem weiteren Schritt die vollständige XML-Struktur des Buches erstellt. Diese folgt den Vorgaben der Verlage und somit im vorliegenden Projekt der parsX-DTD. Aus den so strukturierten Texten kann mittels der Automatismen des parsX-Frameworks unmittelbar eine Epub-Datei sowie eine Leseprobe erstellt werden, die dann bei der Qualitätskontrolle geprüft werden.
  6. Somit entstehen in dem Prozess Scan-PDF, PtO-Daten, XML-Daten, Epub-Dateien und Leseproben. Alle diese Daten werden in die Standarddistributionskanäle der Verlage zurückgeliefert.
Retrodigitalisierung bei Holtzbrinck. Grafik: Beck.Media.Solutions

Retrodigitalisierung bei Holtzbrinck. Grafik: Beck.Media.Solutions

Der gesamte Ablauf ist aufgrund der vielen parallel laufenden Produktionsprozesse und der großen Anzahl sich in unterschiedlichen Arbeitsstadien befindlichen Werken äußerst komplex und deshalb nur mit entsprechender Systemunterstützung beherrschbar. Aus diesem Grund wurde ein webbasiertes Workflowsystem entwickelt, über das der Gesamtprozess gesteuert wird. In dem Tool haben alle beteiligen Parteien einen umfassenden Überblick über den Stand der Produktion, es wird aber gleichermaßen auch eine Sicht auf die anstehenden Einzelaufgaben geboten, sodass für jeden Prozessbeteiligten klar ist, was er gerade zu tun hat.

Durch die Workflowunterstützung werden auch weitere technische Lösungen mit eingebunden, die im Laufe des Projektes hinzugefügt wurden, wie zum Beispiel eine automatisierte Erstellung von graphischen Covern über InDesign Server. Diese wurde implementiert, da einerseits die Original-Cover der Bücher heutigen ästhetischen Ansprüchen oft nicht genügen und andererseits der Aufwand für die Klärung der Rechte an den Coverbildern vermieden werden sollte. Die Cover werden nun auf Basis von diversen Reihenvorlagen und gemäß den Gestaltungsvorgaben der Verlage automatisch erzeugt.

Dadurch erhält man eine Einheitlichkeit in der Gestaltung, eine Reihenoptik und somit einen größeren Wiedererkennungseffekt beim Kunden.

Tatsächlich hat sich im Laufe des Projektes gezeigt, dass die Klärung der Rechte ein sehr aufwändiger Teil des Gesamtprojektes ist. Hier ist oftmals echte Detektivarbeit notwendig, die sich über Monate hinziehen kann. Die Rechteklärung gehört zu den Schwerpunkten des von Holtzbrinck E-Publishing unter der Leitung von Julia Schülli zusammengestellten Expertenteams. Zu den weiteren Aufgaben des Teams zählen die Entwicklung des Workflows, das Contentmanagement und die herstellerische Qualitätssicherung. Bis zum Ende des Projekts werden 3.500 Backlisttitel wieder lieferbar sein. Dabei wurde und wird so mancher literarische Schatz gehoben und zurück ans Licht der Öffentlichkeit gebracht.

 

parsX ist ein Produkt der Pagina GmbH. InDesign ist ein Produkt der Firma Adobe.

Foto Schülli:privat.

Grafiken: Beck.Media.Solutions.

 

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