Daniel Lenz: Falsche Feinde

Daniel Lenz: Falsche Feinde

Viel Feind, viel Ehr“ – dieser noch aus der Ritterzeit stammende Wahlspruch ist offenbar seit vielen Jahren ein beliebtes Leitbild in der Branche. Die ist darin geübt, sich an Feindbildern abzuarbeiten: Rund um die Jahrtausendwende stänkerte der Verleger André Schiffrin mit seinem Buch „Verlag ohne Verleger“ gegen die Manager ohne Eigenschaften bei Bertelsmann & Co. Später waren es die alles plattmachenden Filialisten, die an den Pranger gestellt wurden, gefolgt vom Filialisten-Schreck Amazon. Und immer mal wieder und zuletzt gehäuft fungiert das Internet als digitales Grundübel. Allen diesen Feindbildern gemein: Sie sind trügerisch und mitunter gefährlich.

Signal der Stärke kommt als Schwäche an

Rund um die Leipziger Buchmesse häuften sich Anti-Internet-Einlassungen: Da geißelte der scheidende Chef der Kurt- Wolff-Stiftung Stefan Weidle den „gemeinsamen Feind des Internethandels und den gemeinsamen Feind der Buchhandelsketten“. Da bezeichnete der Wolff-Preisträger Heinrich von Berenberg das Internet als Ursache, warum gedruckte Bücher bald nur noch eine Randexistenz führten. Und da brüstete sich die Kulturstaatsministerin Monika Grütters damit, dass sie in ihrem Leben noch niemals Bücher im Netz oder in einem Buchkaufhaus eingekauft habe.

„Bei allem Respekt, in welcher Zeit leben Sie eigentlich?“, möchte man Weidle & Co. zurufen und dies als Einzelstimmen einer alten Schule verbuchen. Fügten sich diese Positionsbestimungen nicht in ein größeres Bild ein, wären sie nicht anschlussfähig in einem Verband, der immer wieder seine – nicht nur klammheimliche – Freude darüber zum Ausdruck bringt, dass die Umsatzentwicklung im Onlinebuchhandel ebenso wie das E-Book-Geschäft an Fahrt verloren hat.

Zwar beeilte sich Weidle nach der Messe zu betonen, er sei nicht gegen das Internet, sondern nur gegen Amazon – was auch für den Börsenverein gelten dürfte. Doch das ändert nichts daran, dass solche undifferenzierten Äußerungen sowohl in ihrer Innen- als auch besonders ihrer Außenwirkung fatal sein können.

Für die meisten Buchhändler gehört der E-Commerce zum Tagesgeschäft, Händler wie René Kohl (Kohlibri) leben davon seit Jahrzehnten. Neben der Spaltung der eigene Reihen ignoriert die Online-Schelte Bedürfnisse vieler, vieler Kunden – der Internetbuchhandel sei „nicht das Problem des stationären Sortiments, sondern die Lösung für viele Buchkäufer in Deutschland (vielleicht 20% oder mehr)“, erklärte der Versandhändler Kohl nach der Leipziger Buchmesse zu Recht. Hinzu kommt, dass die vorgezeigte Rückwärtsgewandtheit gerade in einer Branche, die bei jungen Menschen mit Imageproblemen zu kämpfen hat, fahrlässig wirkt. Die Grenzziehungen, die als Signal der Stärke verstanden werden sollen, drohen letztlich beim Publikum als Zeichen von Schwäche gedeutet zu werden.

Produktiver als der Versuch, sich hinter einem gemeinsamen Feindbild zusammenzukuscheln, wäre die gemeinsame Suche nach Mitteln und Wegen, die Leser von morgen, die weniger zu Print und Ereadern als zu Games und Smartphones eine Affinität haben, an sich zu binden. Eine Mission, die ehrbarer ist als die ewig neue Suche nach Feinden.

Daniel Lenz ist stellvertretender Chefredakteur bei buchreport und leitet die Produktentwicklung im Verlag.

aus: buchreport.magazin 4/2015

Kommentare

2 Kommentare zu "Daniel Lenz: Falsche Feinde"

  1. Dem kann man nur zustimmen! Statt die Möglichkeiten und Chancen zu sehen und auszuprobieren und entsprechend Zeit und Engagement zu investieren, werden stattdessen nur Nachteile und Risiken gelistet und die „Feinde“ bekämpft.

  2. Joachim Leser | 8. April 2015 um 14:03 | Antworten

    Ich kann dem nur zustimmen. Die Gefahr dieser branchenweiten Internetschelte liegt auch darin, dass der Transfer von Wissen, das der stationäre Handel erworben hat und laufend erwirbt, nicht stattfindet. Der E-Commerce im Buchhandel hat sich bislang einer Weiterentwicklung weitgehend verweigert, der Buchhandel sucht auch keine eigenen Wege, keine eigenen Sortierkriterien und -werkzeuge, um Bücher sinnvoll aufzulisten. Den Buchhändler als Sortimenter gibt es im Onlinebuchhandel kaum und das hat auch mit der Abwertung des Onlinehandels zu tun. Der Snobismus des stationären Sortimenters schlägt sich dann auch in Webseiten wie geniallokal.de nieder, die die Auslieferung über einen stationären Händler bereits genial findet und im Gegenzug auf jeden Ansatz einer sinnvollen Produktpräsentation und die Herstellung von Kontexten zwischen unterschiedlichen Produkten verzichtet. Es gibt nicht mal ansatzweise den Versuch, das Wissen des Kollektivs im gemeinsamen Internetauftritt abzubilden. Echter Handel, so die Botschaft, gibt es nur im stationären Sortiment.

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