Der Beginn eines gewaltigen Umverteilungskampfes

Das Internet hat in den vergangenen Jahren viele Lebensbereiche verändert. Welchen Einfluss es auf das Geschichtenerzählen hat, hat die „New York Times“ verschiedene englischsprachige Autoren gefragt. buchreport hat sich unter deutschen Schriftstellern umgehört und stellt die Antworten zu den Einflüssen der Digitalisierung in den kommenden Wochen vor. Den Anfang macht Rebecca Gablé (Foto: Oliver Favre):

Inwiefern hat sich Ihr Arbeitsalltag in den vergangenen Jahren durch die Digitalisierung verändert?

Die größte Veränderung betrifft die Recherche. Um mir das für meine historischen Romanstoffe notwendige Wissen anzueignen, war ich früher fast ausschließlich auf Bücher angewiesen, die ich mir oft mühsam per Fernleihe besorgen musste oder zu denen ich in manchen Fällen sogar hinreisen musste, vor allem auch ins Ausland. Das passiert manchmal immer noch, aber den Löwenanteil des Materials finde ich heute im Internet. Meine Informationsquellen sind also zahlreicher und leichter zugänglich geworden. Und die zweite große Veränderung sind die sozialen Netzwerke, die einen schnellen Austausch mit meiner Leserschaft, aber auch mit Kolleginnen und Kollegen ermöglichen. Beides empfinde ich als enormen Gewinn.

Was sind Ihre größten Hoffnungen und Sorgen in Bezug auf die Digitalisierung?

Obwohl ich ein Fan von Digitalisierung und Internet bin, überwiegen beim Blick in die Zukunft des Buchmarktes offen gestanden meine Sorgen. Derzeit erregen wir uns darüber, dass ein einzelner Internet-Buchhandelsriese klassische Verlage erpresst und gleichzeitig massiv selber ins Verlagsgeschäft drängt. Wir erregen uns zu Recht, aber viel gefährlicher ist es, dass andere Internet-Giganten am Urheberrecht sägen und seit Jahren in Washington und Brüssel massive Lobbyarbeit für dessen Abschaffung betreiben. Dass ihr steter Tropfen den Stein höhlt, erkennt man, wenn man sich anschaut, was auch etablierte Parteien in Deutschland inzwischen zum Thema Urheberrecht in ihren Programmen stehen haben. Aber nach der lebhaften Debatte vor zwei Jahren – man erinnere sich an Sven Regeners grandiose Wutrede – ist das Problem derzeit wieder ein wenig aus dem Fokus gerutscht, scheint mir, und derweil sägt die Gegenseite in aller Stille weiter. Ich glaube, wir stehen am Beginn eines gewaltigen Umverteilungskampfes zwischen klassischen Verlagen und dem stationären Buchhandel einerseits und deren Online-Konkurrenten andererseits. Wo wir Autorinnen und Autoren auf diesem Schlachtfeld stehen, um bei dem martialischen Bild zu bleiben, ist noch unklar. Aber eine Zukunft, da ich meine Romane kostenlos ins Netz stellen und vor jedem Kapitelanfang ein Schuh-Werbebanner einfügen muss, um meine Brötchen zu verdienen, finde ich nicht sonderlich erstrebenswert.

Wie schätzen Sie den E-Book-Markt ein?

Es läuft ganz ordentlich, aber ich glaube, der Boom fängt gerade erst an.

Ist der wachsende Selfpublishing-Markt Chance oder Bedrohung für Autoren, die vom Schreiben leben wollen?

Er kann eine Chance sein für die jungen Kolleginnen und Kollegen, die gerade am Anfang stehen. Es gibt ja nicht nur die spektakulären Erfolgsgeschichten à la Hocking, sondern eine zunehmende Zahl von Selfpublishern, die mit ihren E-Books über die Runden kommen. Aber ihre Preispolitik finde ich schon besorgniserregend. Wie bedrohlich das nun ist, also wie viele E-Book-Verkäufe uns „ordentlich Verlegten“ durch die Lappen gehen, weil unsere E-Books 8,99 Euro kosten und die der selbstverlegten Nachwuchskollegen 99 Cent weiß ich nicht, aber sie tun sich ja selbst überhaupt keinen Gefallen, wenn sie ihre Werke für (fast) kein Geld anbieten und damit die „alles umsonst“-Mentalität im Netz befeuern, die uns so zu schaffen macht (womit wir wieder beim Urheberrecht wären). Ich glaube, die Selfpublisher-Kollegen müssen aufpassen, dass es ihnen nicht ergeht wie den Musikern, die ihre Videos auf kommerziellen Plattformen einstellen: Sie ziehen die Klicks an, aber die Werbemilliarden scheffelt der Inhaber der Plattform und weigert sich, den Künstlern etwas abzugeben.

Wie groß ist die Gefahr, die von E-Book-Piraterie ausgeht?

Groß. 50% aller heruntergeladenen E-Books sind illegale Downloads, sagte mir mal jemand, der es eigentlich wissen muss. Das ist, als würden von den 10 Büchern, die an eine Buchhandlung ausgeliefert werden, fünf geklaut. Man kann nun sagen: Wunderbar, wenn die Sucht nach Büchern so groß ist, dass es zu Fällen von Beschaffungskriminalität kommt. Aber bei solch einem Ausmaß ist es eben doch bitter für die vielen Parteien, die sich den Verkaufserlös teilen und von ihrem Anteil ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen.

Sind die Buchverlage schon fit fürs digitale Zeitalter? Was wünschen Sie sich von ihnen?

Da gibt es nach meiner Wahrnehmung große Unterschiede. Aber viele sind doch inzwischen gut aufgestellt, denke ich, haben z.B. eigene Communitys aufgebaut, um sich als Marke zu stärken, oder Konzepte entwickelt, um dem lesenden Publikum zu veranschaulichen, warum Verlage wichtig sind und was sie leisten. Was ich mir wünsche, und was ich zunehmend vermisse, wenn ich mit Kolleginnen und Kollegen spreche und von ihren Erfahrungen höre, sind die alten Verlegertugenden. Klar, die Zeiten sind hart, aber wenn Verlage sich nicht mehrt trauen, unbekannte Nachwuchsschriftsteller zu veröffentlichen oder einen jungen Autor fallen lassen, wenn sein erstes Buch nicht gleich funktioniert hat, dann wird die klassische Buchlandschaft bald ganz schön öde aussehen, und alles, was neu und spannend ist, nur noch im Netz sein.

Rebecca Gablé arbeitete nach einer Lehre als Bankkauffrau bei der Royal Air Force. Anschließend studierte sie in Düsseldorf Literaturwissenschaft und Mediävistik. Ihre schriftstellerische Karriere begann sie als Krimiautorin. Der Durchbruch kam mit ihrem ersten historischen Roman „Das Lächeln der Fortuna“. Hierzulande erscheinen die Bücher der Autorin bei Bastei Lübbe.

Kommentare

1 Kommentar zu "Der Beginn eines gewaltigen Umverteilungskampfes"

  1. „50% aller heruntergeladenen E-Books sind illegale Downloads, sagte
    mir mal jemand, der es eigentlich wissen muss. Das ist, als würden von
    den 10 Büchern, die an eine Buchhandlung ausgeliefert werden, fünf
    geklaut.“ – 50% ist optimistisch. Angesichts der mir vorliegenden Zahlen schätze ich den Anteil eher auf 90%. Hängt aber natürlich sehr vom jeweiligen Segment/Genre ab, und so stimmt 50% vielleicht doch – für Historicals. Piraterie von z. B. Schulbüchern steckt hier ja noch in den Kinderschuhen und wartet auf die Einführung von Schüler-Tablets. Wörterbücher sind da schon weiter. Comics kommen. Bei Fachbüchern sieht es zum Teil (Fälle von 100%) düster aus. Etc.

    Apropos düster: Wäre schön, wenn mal jemand meine Aussagen falsifizieren oder wenigstens (wie ich) präzisieren könnte. Es wird ja jeder Verlag inzwischen seine Hausaufgaben gemacht haben und in der Lage sein, mir eigene Statistiken um die Ohren zu hauen. Oder etwa nicht?

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