Johannes Haupt: Wie Adobe sein eigenes DRM tötete

Johannes Haupt: Wie Adobe sein eigenes DRM tötete

Außerhalb von Kindle- und iBooks-Universum ist das Adobe-DRM für kommerzielle eBooks allgegenwärtig. Das wird sich auch so schnell nicht ändern, und doch wurde der Kopierschutz in dieser Woche ein stückweit Richtung Grabe getragen – von Adobe selbst.

Adobe DRM ein zahnloser Tiger

Seit 2010 ist der alte Adobe-Kopierschutz geknackt, die Entfernung des DRM geschieht mittels eines Plugins für die populäre kostenlose eBook-Verwaltungssoftware Calibre. Die DRM-Entfernung ist damit längst nicht mehr einigen wenigen technisch verisierten Lesefreunden vorbehalten, auch Laien können den harten Kopierschutz entfernen. Und sie machen das auch, zur einfacheren Übertragung auf eigene eBook Reader oder Tablets und ja, sicherlich auch zur unrechtmäßigen Weitergabe im Freundeskreis, wie sie das auch bei gedruckter Literatur tun.

Geschäftskunden von Adobe fragten das Unternehmen in den letzten Jahren zurecht immer wieder, warum sie eigentlich viel Geld für einen wirkungslosen Kopierschutz bezahlen sollten. Hinter verschlossenen Türen arbeitete Adobe lange an einem neuen, vermeintlich unknackbaren DRM. Vor zwei Wochen war es dann soweit, mit Adobe Digital Editions 3 und Adobe Content Server 5 wurden die Plattformen eingeführt für einen neuen, dynamisch veränderbaren Kopierschutz.

Holprige Produkteinführung

Damit begannen allerdings die Probleme. Digital Editions 3 wurde von Adobe zum Sicherheitsupdate deklariert, weil eine schwerwiegende Sicherheitslücke der Vorversion geschlossen wurde – sogar staatliche Stellen empfohlen infolge dessen die Aktualisierung. Mit Adobe Digital Editions 3 autorisierte eBooks ließen sich anfänglich aber in vielen Fällen nicht auf eBook Reader oder Lese-Apps übertragen. Diesen Bug räumte Adobe innerhalb kurzer Zeit aus, sorgte dann aber schnell für die nächste Aufregung.

In der Telefonkonferenz eines Adobe-Dienstleisters wurde eine Roadmap offengelegt, nach der der neue Kopierschutz ab Juli alternativlos sein solle. Innerhalb dieser kurzen Übergangsphase sollten eBook Reader und Lese-Apps mittels Firmware Updates kompatibel gemacht werden, gegenwärtig unterstützt kein einziges Endgerät das neue DRM. Damit war absehbar, dass zahlreiche ältere eBook Reader und ihre Nutzer ausgesperrt würden. Denn für viele seit Jahren eingestellte, aber immer noch millionenfach genutzte eBook Reader wird es wohl keine Aktualisierungen mehr geben.

Kein Grund zur Umstellung

„Infolge der Rückmeldungen von Kunden“ ruderte Adobe dann aber zurück: Die Roadmap wird komplett über den Haufen geworfen, die alten Schnittstellen und Content-Server-Versionen weiterhin unterstützt. Damit gibt es jetzt aber keinen Druck mehr für die Hersteller, kostspielige Updates ihrer eBook-Reader-Firmwares voranzutreiben – womit Verlage und Händler wiederum keine Veranlassung haben, auf den neuen Kopierschutz umzusteigen, weil die entsprechende Gerätebasis fehlt.

Scheinbar ist jetzt also wieder alles auf Null, in den nächste Monaten wird es eher wenig Bewegung an der DRM-Front geben. Gut möglich aber, dass Adobe mit der Rücknahme der Zwangseinführung seine einzige Chance verspielt hat, den Kopierschutz auf breiter Basis durchzusetzen. Die Handelskunden von Adobe werden vorerst beim alten DRM bleiben, die beträchtlichen Lizenzkosten aber früher oder später zur Disposition stellen. Denkbar ist einzig die Einführung des neuen Kopierschutzes innerhalb eines Gerätekosmos, also etwa durch die Tolino-Allianz für Tolino Shine und Lese-Apps. Mit der vielpostulierten Offenheit im Vergleich zu Amazon wäre es dann aber endgültig dahin.

Johannes Haupt ist Gründer und Chefredakteur bei lesen.net

Kommentare

2 Kommentare zu "Johannes Haupt: Wie Adobe sein eigenes DRM tötete"

  1. Einmal mehr bestätigt sich die Regel, dass die Buchbranche alle Fehler der Musikbranche nochmal selbst machen muss. Einerseits befremdend, wie lange diese Lernprozesse dauern. Andererseits erfreulich, dass die Kohle offensichtlich weiterhin so locker sitzt. Und allerdings sollte man darauf achten, dass, wenn man sich die Zigarren so gerne mit Geldscheinen anzündet, diese keinen zu kleinen Nominalwert haben. Ein- und zweistellige doch bitte gleich zum Fenster raus oder dem Recycling zuführen.

  2. Wie lange wird es noch dauern, bis auch die Verlage begreifen, dass DRM ein Geschäftshemmnis ist? Es geht nur ohne. Und die Welt wird nicht zusammenbrechen deswegen, auch nicht der Geschäftsplan.

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