Dinosaurier auf Werbetour?

In Internetmedien ist von dem vom Börsenverein geplanten Urheberrechts-Aktionstag bisher kaum was zu lesen. Auch bei den Verlagen scheint der Funke noch nicht übergesprungen, zeigt die bisher spärliche Teilnehmerliste.
buchreport.de hat deshalb gezielt nachgefragt, wie führende Köpfe der Urheberrechtsdebatte und Internetexperten den Aktionstag bewerten. Zwischenfazit: Zwar wird der Dialogversuch durchaus gelobt. Doch werfen Kritiker auch die Frage auf, ob die „Dinosaurier“ der Buchbranche nicht nur ihr Image aufpolieren wollen. 
Hintergrund: Am 13. September 2012 sollen Verlage, wie berichtet, ausgewählte Politiker, Piraten, Medienvertreter, Bibliothekare, Universitäts- und Hochschulvertreter und Bürger zu sich einladen, um über das Urheberrecht zu diskutieren und die Verlagsarbeit zu präsentieren. Der Börsenverein hat die Aktion „Zum Dialog bereit?“ initiiert und unterstützt die Veranstalter mit Papieren zum Urheberrecht, zentraler Öffentlichkeitsarbeit und der Vermittlung von politischen Ansprechpartnern. Reaktionen auf die Aktion auf Nachfrage von buchreport.de:

Angela Eßer und Nina George: Autoren hoffen auf „konstruktiven Dialog“

Der Aktionstag könnte dazu beitragen, die kreativen, professionellen und wirtschaftlichen Zusammenhänge zu klären und den Rechtekreislauf vom Urheber- bis zum Nutzungsrecht begreiflicher zu machen, hoffen Nina George (Foto re., © malzkornfoto) und Angela Eßer (Foto li.), stellvertretend für die in der Vereinigung „Das Syndikat“  und der Initiative „JA zum Urheberrecht“ zusammengeschlossenen Krimiautoren. Zudem könne gezeigt werden, wie viele Arbeitsplätze mittel- und unmittelbar vom Urheberrecht und seiner Folgerechte betroffen sind.
Das Problem aus Sicht des Syndikats (das sich zuletzt mit Anonymous angelegt hatte): Viele Netzpolitiker und Urheberrechtsgegner wüssten nur sehr wenig über den langwierigen Entstehungsprozess eines professionellen Werkes. Die „Hardliner gegen das Urheberrecht“ hätten aus Unverständnis heraus „ungenügende und in unseren Augen sogar destruktive Geschäftsmodelle“ entwickelt, was wiederum die Kreativen empörte, so Eßer und George. Das Resultat: Es stehen sich zwei Lager gegenüber, „die womöglich nur zu wenig voneinander wissen“. Nun sei zu hoffen, „dass mit dieser Geste der Verlage, endlich ein konstruktiver Dialog zwischen Kultur, Kulturschaffenden, und ihren Kritikern entstehen kann“.

Enno Lenze: „Nur der Dialog kann die verhärteten Fronten aufweichen“

Auch Enno Lenze (Foto: © Vinzent Eppelt), Verlagsgeschäftsführer des Berlin Story Verlags und Mitglied der Piratenpartei, befürwortet die Aktion. Denn: 90% der diskutierten Probleme beruhten auf Unwissenheit: „Die ‚Content-Mafia’ meint, dass illegale Downloads entstehen, weil Leute für die Werke nicht zahlen wollen und bösartig sind, die ‚Raubkopierer’ meinen, dass Verwerter eh nichts tun und damit Geld verdienen. Der Mythos, die Piratenpartei wolle das Urheberrecht abschaffen stirbt auch nicht aus. Ich stelle beide Weltbilder fast täglich richtig. Und ernte viel Verständnis auf der jeweils anderen Seite.“ Daher helfe nur der Dialog, die verhärteten Fronten aufzuweichen.

Dirk von Gehlen: „Nicht allein durch Gespräche zu lösen“

„Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte“, zitiert der Journalist Dirk von Gehlen (Foto: © Daniel Hofer (SZ)) und Autor von „Mashup – Lob der Kopie“ (Suhrkamp) den Philosophen Hans-Georg Gadamer. Wenn der angekündigte Dialog in diesem Sinne in ein Gespräch mündet, sei er in jedem Fall zu begrüßen. Dennoch sollte man solche Treffen nicht überschätzen, so von Gehlen. Denn die Herausforderungen, die die digitale Kopie mich sich brächten, seien nicht durch Gespräche allein zu lösen. Auch der Gesetzgeber als unabhängiger Dritter sei gefragt. Er müsse Regeln schaffen, die die unterschiedlichen Interessen in einen guten und sinnvollen Ausgleich bringen. 

Matthias Spielkamp: „Eine Werbeveranstaltung der Verlage“

„Dass der Börsenverein und einige Verlage mehr Öffentlichkeit für die Debatte ums Urheberrecht schaffen wollen, freut mich – vor allem, dass sie dabei zum Dialog aufrufen“, lobt auch Matthias Spielkamp (Foto: republica, www.flickr.com/photos/re-publica/ , Foto lizensiert unter der Lizenz CC BY 2.0), Journalist und Blogger des Urheberrechtsportals iRights.info (hier im Interview mit buchreport.de).
Doch Spielkamp zeigt sich skeptisch, ob der gewählte Ansatz angemessen ist. Schließlich sei in der Aktionsbeschreibung des Börsenvereins zu lesen: „Gemeinsam kann gleichzeitig Öffentlichkeit geschaffen werden für die Qualität dessen, was langsam entsteht, und für die zentrale Bedeutung und Aufgabe der Verlage für Netzpublikationen. Im Gepäck haben die Veranstalter das Thema Urheberrecht. Sie sollen dafür werben und dessen Relevanz für den Umgang mit Inhalten, Kultur und Wissensmanagement herausstellen.“ 
Spielkamp dazu: „Man muss nicht böswillig sein, um anzunehmen, dass es sich in erster Linie um eineWerbeveranstaltung handeln soll.“ Werbung könne bei den Teilnehmern der Debatte angebracht sein, die tatsächlich keine Ahnung davon hätten, wie das Buchgeschäft funktioniert. Aber: „Zum einen gibt es davon nicht allzu viele, die man ernst nehmen müsste, zum anderen gibt es sehr wohl viele, die sich gut auskennen und gerade deshalb daran zweifeln, dass das bestehende Urheberrecht eine Welt mit Digitalisierung und Internet angemessen reguliert.“ Es bleibe abzuwarten, ob die Verlage diese Kritiker zu den Veranstaltungen einladen. Erst dann könne man wirklich von Dialog sprechen.
Wolfgang Tischer: Geringes Interesse wünschenswert?
Aus Sicht von Wolfgang Tischer (literaturcafe.de) hätten die Verlage auch gewonnen, wenn die Veranstaltungsreihe auf wenig Gegeninteresse stößt. Dann könne man wenigstens offiziell sagen, dass die Gegenseite keine Dialogbereitschaft zeige. 
Und fügt ironisch hinzu: „Ich hätte selbst gerne am 13. September vorbeigeschaut, aber leider habe ich an diesem Tag bereits mit einer jungen Autorengruppe einen Ausflug ins Naturhistorische Museum geplant, um die gewaltigen Skelette der Dinosaurier anzusehen. Für mich ist es unvorstellbar, wie diese großen Tiere aussterben konnten. Ich wollte dazu in meiner Buchhandlung einen Brockhaus bestellen, um den Eintrag über diese Urzeittiere nachzulesen, aber als ich dort war, gab es die Buchhandlung nicht mehr. Und gerade erreicht mich aus zuverlässiger Quelle die Nachricht, dass es offenbar auch den Brockhaus nicht mehr gibt. Ich muss also erst mal in der Wikipedia nachschauen, was da passiert ist. Daher habe ich keine Zeit, an Umfragen teilzunehmen.“

Die Ergebnisse einer Kurzumfrage unter buchreport-Lesern sind hier nachzulesen.

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