Service statt Sheriff

Es gehört zu den Mysterien des Internetzeitalters, dass die Anbieter von Internetanschlüssen wegen ihres Boykotts aller Warnhinweismodelle als Interessenvertreter ihrer Kunden wahrgenommen werden, wie jetzt wieder nach der Anhörung im Bundestag über das Modell der FH Köln (buchreport berichtete).

Da sind in den Medien die immer gleichen Argumente zu lesen, die bei Lichte besehen allesamt nicht überzeugen, weder die „datenschutzrechtlichen Bedenken“ noch, dass die Provider „keine Hilfssheriffs der Rechteinhaber sein wollen“. Sie sollten ihre Kunden mal direkt fragen „Was finden Sie schlimmer:
Eine 1200 Euro teure anwaltliche Abmahnung zu bekommen, weil Ihr Sohn über Ihren Anschluss Musik heruntergeladen hat, oder dass wir Ihre Verbindungsdaten vier Wochen lang speichern?“ Das Ergebnis dürfte eindeutig sein.

Deshalb gehört es zu den lächerlichsten Argumenten ever heard, dass es gegen die Warnungen „keinen Rechtsschutz gäbe“. Der Kunden würde es als Service begrüßen, vom Provider kostenlos gewarnt zu werden, bevor der Abmahnhammer auf ihn niedersaust. Dann wäre im Gegenteil dem Ärgernis die Spitze genommen, dass es bei der Zuordnung von IP-Adressen zu den Nutzern häufig zu Fehlern kommt, denn die Anschlussinhaber könnten reagieren, bevor es teuer wird. Und Rechtsschutz stünde immer noch zur Verfügung, wenn nach mehreren Warnungen doch die Abmahnung käme.

Vorher müssten die Provider auch gar keine Daten an Rechteinhaber herausgeben, würden also gerade keine „Hilfssheriffs“. Warum man trotz alledem in den Medien immer wieder liest, Warnhinweismodelle wären eine „Verschärfung“ des Urheberrechts? Das ist auch so ein Mysterium des Internetzeitalters

Kommentare

3 Kommentare zu "Service statt Sheriff"

  1. Manuel Bonik | 5. Juni 2012 um 20:19 | Antworten

    Das mysteriöseste aller Mysterien ist die Behauptung, dass bei Büchern überhaupt Abmahnanwälte ins Spiel kommen. Die treten bei Torrents (P2P, sogenannte Tauschbörsen im engeren Sinn) auf den Plan, bei großen Dateien wie z. B. Filmen, aber nicht bei Büchern, die in aller Regel über Direct Downloads (DDLs) geklaut werden. Ausnahme ist vielleicht mal Harry Potter, weil der es auch auf Torrents schafft.

    Da verwechselt Herr Wengenroth ebenso was wie Herr Schirrmacher. Der Kommentar stünde auf einer Filmseite richtig, aber auf buchreport ist er zu 99,9 Prozent sinnlos. Erstaunlich, dass es Mitte 2012 in der Buchbranche immer noch am grundlegendsten Verständnis des Pirateriewesens mangelt.

    Ich vermisse den Titel „Ebook-Piraterie for Dummies“. Da scheint höchster Bedarf zu herrschen.

  2. Martin Jenne | 5. Juni 2012 um 18:15 | Antworten

    Volle Zustimmung zum Vorschlag von Herrn Stahl. Dennoch greift der Artikel viel zu kurz: Wie wäre es mit Service seitens der Verlage, Musik oder Texte einfach und legal und bezahlbar zum Download zur Verfügung zu stellen, und zwar ohne DRM, das Kunden doch wieder knebelt und unter Generalverdacht stellt?
    Und warum sollten meine Verbindungsdaten überhaupt gespeichert werden? Würden Sie denn wollen, daß beispielsweise die Post speichert, wem Sie einen Brief geschickt haben? Und weils der Gefahrenabwehr dient, auch gleich noch das Gewicht, den Abgabeort (Briefkasten) und, wenn wir schon dabei sind, den Inhalt ebenfalls? Denn wenn Verbindungsdaten gespeichert werden, werden alle Daten gespeichert, nicht nur die den illegalen Download betreffend. Dies mit einem lapidaren „nicht überzeugende datenschutzrechtlichen Bedenken“ abzutun halte ich für unredlich und ebenfalls nicht überzeugend: die Alternativen sind nicht Abmahnung oder Speicherung, sondern Speicherung oder das Recht auf unbeobachtete Bewegungsfreiheit im Netz! Ich möchte gerne (im Netz) unterwegs sein können, ohne daß mir jemand über die Schulter schaut und alles notiert – genau wie im richtigen Leben!

  3. Ich denke ein Gesetz, dass Abmahnanwälte bei Unverhältnismäßigkeit zu einem Bußgeld in Höhe der abgemahnten Summe verurteilt, würde den Abmahnwahn viel effektiver und effizienter bekämpfen, als es alle Services oder Hilfssheriffs je könnten.
    Durch die zusätzlichen Einnahmen von den bestimmt nicht Armen könnten dann wirklich sinnvolle Dinge realisiert werden.

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