Mischung aus Hallervorden und Ekel Alfred

Der gerne auf und abseits der deutschen Podien zündelnde Ex-Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin (Foto: Tanja  Schnitzler, c/o Bildschön) ist wieder da: Ab heute dürfen die Medien über das bei der DVA erschienene Buch „Europa braucht den Euro nicht“ berichten – und sie tun es quasi lückenlos. buchreport.de gibt einen Überblick über Stimmen zum neuen Sarrazin-Buch – die von „widerlich“ bis „harmlos“ reichen.

„Seinen Argumenten ist nur schwer beizukommen. Deswegen stürzen sich die Kritiker auf seine Holocaust-Vergleiche“, schreibt das „Handelsblatt“. Sarrazin werde das alles wenig stören. Die Empörungswelle komme ihm eher gelegen. „Es ist wohl nur eine Frage der Zeit bis mit seinem Anti-Euro-Buch wieder die Bestseller-Listen anführen wird.“
Das „Handelsblatt“ hat auch Sarrazins Auftritt bei der Talkshow von Günter Jauch analysiert: „Wann immer Teilzeit-Autor und Vollzeit-Provokateur Thilo Sarrazin neue Thesen verbreitet, beginnt in Deutschland eine Diskussion, die eher an ein Theaterstück mit festen dramaturgischen Regeln erinnert als an eine gesunde Debatte. Im Politbetrieb setzt kollektive Schnappatmung ein, im Hintergrund warnt der Chor des intellektuellen Establishments, der Begriff ,geistiger Brandstifter‘ fällt, es gibt Proteste – und in den Internetforen tönt es: ,Endlich traut sich einer zu sagen, wie es ist‘.“
Die „Frankfurter Rundschau“ findet das Buch „widerlich, mit falschen Argumenten behaftet und irreführend.“ Wieder sei der „hässliche“ nationalistische Ton zu lesen, der das Buch einrahme. Dieses sei keine rationale Abwägung der wirtschaftlichen Vor- und Nachteile des Euro, sondern ein ganz klar auf die These „Zurück zur D-Mark“ hingeschriebenes Buch. „Dafür ist Sarrazin alles recht: Auslassen, weglassen, umdeuten, bewusst falsch interpretieren.“
Die „Bild“-Zeitung listet die wichtigsten Thesen Sarrazins auf und legt diese Wirtschafts-Experten vor. Ergebnis: Vier von sieben Thesen seien falsch, darunter die Behauptung, die Bereitschaft, immer weiter Geld zur Rettung des Euro zu geben, sei ein „deutscher Reflex“ als Buße für Holocaust und Weltkriege.
In der „Welt“ gewinnt Henryk M. Broder dem Buch viel Positives ab. Anders als die restlichen Deutschen, die Schutz unter dem europäischen Dach suchten und lieber absurde Anweisungen aus Brüssel exekutierten, leiste sich Sarrazin den „Luxus eigener Gedanken“. Man könne ihn zwar dafür kritisieren, dass er möglicherweise gelegentlich spinne, „ihm aber das Wort verbieten zu wollen, zeugt von einer totalitären Gesinnung seiner Kritiker, die ansonsten bei jeder Gelegenheit für den ,Dialog der Kulturen‘ ohne Vorbedingungen plädieren.“ In jedem Fall habe Sarrazin wieder einmal einen sehr deutschen Nerv getroffen.
Die Berliner „taz“ lobt die „vielfach treffenden ökonomischen Analysen“ Buch, zeigt andererseits die Ressentiments im Buch. Auseinandersetzen müsse man sich damit so oder so, denn die Darstellung sei „auf absehbare Zeit die solideste Begründung einer euroskeptischen bis rechtspopulistischen, ja nationalistischen Agenda“.
Zum Aufreger tauge das Buch noch weniger als „Deutschland schafft sich ab“, lautet das Fazit der „Financial Times Deutschland“. Die These, dass die Deutschen aus schlechtem Gewissen wegen Weltkrieg und Holocaust bereit seien, sogar ihr Geld in europäische Hände zu legen, habe Sarrazin nicht exklusiv. Gleiches gelte für Sarrazins Forderung, Griechenland in die Insolvenz zu schicken.
Auf SPIEGEL ONLINE versichert Jakob Augstein, dass man vor Sarrazin keine Angst haben müsse –  es gebe gefährlichere Populisten in Europa. Als öffentliche Figur erinnert Sarrazin den Verleger der Wochenzeitung „Der Freitag“ an eine „Mischung aus Dieter Hallervorden und Ekel Alfred“. Aber er entlarve in schroffem Ton die Lügen der deutschen und europäischen Wirtschaftspolitik. 

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