Hartwig Schulte-Loh: Reumütige Rückkehr zum rPaper

Hartwig Schulte-Loh: Reumütige Rückkehr zum rPaper

Es readert im deutschen Bücherwald, und wer vor lauter Papier die Zukunft nicht sieht, gilt als Innovationsmuffel. Aber wie ist das eigentlich, einen E-Reader zu besitzen und darauf zu lesen? Ich, Zielgruppenmitglied, 50+,Vielleser und technikaffin, habe zwei Monate gereadert.
Noch ist dieser neue Leser eine seltene und scheue Spezies. Kaum je gesehen, treiben sie ihr Wesen im Verborgenen.

Schon die Beschaffung im lebenden Handel ist nicht ganz ohne. Nach Überwindung innerer Proteste – Diktatur des Bildschirms, Entfremdung vom Realen – machte ich mich auf die Suche. Ich wollte ein Gerät, das mir die Exklusivität des Lesens erhält, also keines, in das ich hineinspreche, in dem ich Urlaubsfotos sortiere oder das mich mit anderen Anforderungen stört.

Das Angebot ist überschaubar und die Beratung schlecht. In fast allen Buchhandlungen konnte man mir den Unterschied zwischen WLAN und UMTS nicht erklären. Keiner wusste, ob ich E-Books auch verleihen kann. Meistens war der Kollege, der davon etwas versteht, gerade nicht da. Überwiegend hat man mir den Sony-Reader empfohlen, weil er dem Bucheindruck am nächsten käme. Das Geheimnis: E-Paper. Ausnahme: eine große Filialkette aus bekannten Gründen. Fazit ist jedoch, dass die technischen Kenntnisse im Buchhandel dringend verbessert werden sollten. Ich habe dann den Sony Reader, schwarz mit Aluminiumgehäuse und Touchscreen, zufällig in einem Elektronikmarkt gekauft. Die wussten allerdings überhaupt nicht, was ein Reader ist, dafür aber wo er liegt.

Die Installation ist einfach und der PC verwaltet zentral eine eBibliothek. Geschenkt gibt es etwa 100 Titel klassischer Literatur in englischer Sprache. Das macht einen richtig stolz, und sofort beginnt man mit dem Auffrischen der verstaubten Englischkenntnisse, unterstützt durch ein Wörterbuch, das die Übersetzung eines Wortes, durch Berührung in einer Fußnote anzeigt. In der Theorie. Es mag an meinen bäuerlichen Fingern liegen, aber diese nette Idee funktioniert nur selten und führte bei mir erst zu wütendem Begrabschen des Bildschirms und dann zur Aufgabe.

An das Lesen von Büchern gewöhnt man sich schnell. Als jedoch der schon vorhandene Vorrat an deutschsprachigen Büchern aufgebraucht war, ging es ans Kaufen. Technisch ist das kein Problem. Allerdings sind, neben dem bekannt bescheidenen Angebot, die großen Buchplattformen wenig effizient organisiert. Langatmige Anmeldeprozeduren und unübersichtliche, e-unfreundliche Suchfunktionen machen das Finden zu einer Mühsal. Bei einer Plattform wurde gar Vorkasse verlangt. Nun ja, ich habe mich dann für einen Spezialisten entschieden, und das klappte gut. Meiner Ansicht nach liegt mittelfristig da die Zukunft des E-Handels.
Ich lese zur Zeit den neuen Ken Follett. Ab und an lässt mich der Reader nicht weiterlesen und zeigt mir an, dass dieses Buch urheberrechtlich geschützt sei. Keine Ahnung warum.

Was wirklich stört, ist, dass man mit der Zeit das Gefühl bekommt, immer das gleiche Buch zu lesen. Plötzlich wird einem die gestalterische Vielfalt der deutschen Buchwelt lieb und teuer, und man versteht, warum die Reader in gestaltungsverarmten Ländern so populär sind.

Dieser gleichbleibende Wahrnehmungsbrei kann den Spaß an Büchern auf Dauer verleiden.

Vergleich: McDonalds ist für die meisten Franzosen nicht akzeptabel.
So kehre ich reumütig zum rPaper (reales Papier) zurück. Nur in den Urlaub werde ich ihn mitnehmen. Da hatte ich früher (fast) immer die falschen Bücher dabei und jetzt eine kleine Bibliothek.


Hartwig Schulte-Loh war Geschäftsführer beim Berliner Kulturkaufhaus Dussmann und zuletzt Berater der Edel AG im Musikgeschäft. Aktuell lässt er sich zum Coach ausbilden und berät Firmen mit seinem Unternehmen Buchnet.

Kommentare

3 Kommentare zu "Hartwig Schulte-Loh: Reumütige Rückkehr zum rPaper"

  1. Ina Fuchshuber | 3. Januar 2011 um 14:22 | Antworten

    Neben dem fehlenden techn. Know-How bei der Beratung (und wohl auch bei den Lesern), finde ich v.a. diesen Satz charakteristisch für die Nutzung von E-Readern: „Ab und an lässt mich der Reader nicht weiterlesen und zeigt mir an, dass dieses Buch urheberrechtlich geschützt sei. Keine Ahnung warum.“

    … und dennoch ist für McDo Frankreich der zweitgrößte Markt (Platz 2 hinter den USA) 😉
    Ob der Vergleich Fast Food und E-Book hinkt, wird sich in diesem Jahr zeigen. Danke für den interessanten Artikel!

  2. Drum prüfe wer sich ewig bindet,
    ob sich noch was besseres findet!

  3. Danke. Ehrliche Beiträge zum Thema sind leider selten. Zuviel PR überall. Und sehr richtig:
    „dass die technischen Kenntnisse im Buchhandel dringend verbessert werden sollten.“
    Mein (alter) Beitrag kann immer noch hilfreich sein:
    http://upload-magazin.de/buch-zukunft/gratis-download-25/

    Bernhard, der Buchhändler in Berlin

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