90 Prozent sind Mist, der Rest sind Schätze

Bernd Sommerfeld, Buchhändler bei Lehmanns in Berlin und einer der Pionier-Blogger der Buchbranche (2005 gestartet), hat den US-Autor Paul McFedries (Foto) anlässlich des Erscheinens von McFedries Buch „Twitter Tips, Tricks, and Tweets“ (Wiley 2009, 17,90 Euro) über das Potenzial des Microbloggings interviewt. buchreport.de bringt einen Auszug.

Sie haben über Twitter ein Buch geschrieben. Warum ein Buch? – Aus einer im vergangenen Jahr in den USA veröffentlichten Studie geht hervor, dass 70 % der erwachsenen Amerikaner in den letzten fünf Jahren in keinem Buchladen mehr waren…
Ich schreibe Bücher, weil ich damit meinen Lebensunterhalt verdiene – so einfach ist das. Ich möchte dennoch etwas näher darauf eingehen. Wie Sie richtig bemerken, haben 70 % der erwachsenen Amerikaner seit geraumer Zeit keinen Fuß in einen Buchladen gesetzt. Dennoch hat die Branche im Jahr 2008 mehr als drei Milliarden Bücher in den USA verkauft – etwas weniger als in 2007 (3,13 Mrd.), aber immer noch eine große Menge. Die Verlagsbranche ist noch immer ganz schön „lebendig“.

Wie erlebt die Öffentlichkeit in USA das Phänomen Twitter?
Mein tagtägliche Erfahrung mit dem Phänomen Twitter hat zwei Seiten: Die Medien machen einen Hype um Twitter, andere lehnen Twitter kategorisch ab. Der Medien-Hype ist allgegenwärtig. Es scheint, als gebe es keine Zeitung oder Zeitschrift, die nicht über Twitter berichtet. Ich persönlich kann es nicht erwarten, bis dieser Hype vorüber ist und man wieder ganz normal Twitter nutzen kann. Eine feindliche Einstellung zu Twitter findet sich auch überall: Leute, die Twitter noch nie genutzt haben, sind der Meinung, die Sache sei nur große Zeitverschwendung und ein typisches Beispiel für unsere Gesellschaft, die sich über alle Maße mitteilen möchte. Ich halte mich da an das Gesetz von Sturgeon: „Neunzig Prozent von allem ist Mist.“ Das stimmt: 90 Prozent der Beiträge auf Twitter sind ohne Sinn und geprägt von einem überbordenden Mitteilungsbedürfnis. Bei den restlichen zehn Prozent findet man aber wahre Schätze, und der aufmerksame Twitter-Nutzer versucht, diese Schätze zu finden.

Der Erfolg von Twitter ist seine Einfachheit. In welche Richtung wird sich Twitter in Zukunft bewegen?
Twitter hat zwei große Stärken: Kommunikation und Informationsaustausch. Ich glaube, Twitter wird sich in Zukunft auf diese Stärken konzentrieren und noch mehr Möglichkeiten bieten, damit die Leute miteinander kommunizieren und in Verbindung treten können, mehr Optionen zur Verfügung stellen, um die unterschiedlichsten Daten gemeinsam zu nutzen (Links, Bilder, Videos, Dokumente usw.), und – ein ganz wesentlicher Aspekt – noch mehr Funktionen bereitstellen, mit denen die Twitter-Datenbank nach Informationen durchsucht werden kann.

Twitter sucht immer noch ein Geschäftsmodell. Andere suchen vielleicht mit Hilfe von Twitter einen Weg aus der Krise. Was könnte z.B. ein Buchhandlung wie Lehmanns tun?
Die Menschen lieben Wettbewerbe. Wie wäre es beispielsweise mit einem Wettbewerb zu dem besten oder kreativsten Tweet zu einem bestimmten Thema (oder ganz konkret zu dem Inhalt eines Buches), bei dem als Preis ein vom Autor signiertes Exemplar eines kürzlich erschienenen Buches winkt?

Wie sehen Sie das Potenzial von Twitter? Mit aktuell rund 60.000 aktiven Teilnehmern ist es in Deutschland noch keine große Zielgruppe.
Twitter hat, insbesondere aufgrund seiner Offenheit, unbegrenztes Potenzial. Der Einfluss von Twitter geht über die Zahl der Nutzer mit einem eigenen Konto hinaus, denn jeder kann die Tweets eines anderen anzeigen und Tweets können beispielsweise über Google gefunden werden.

Twitter eröffnet durch den Echtzeitcharakter und die sehr persönliche Kommunikation eine neue und sehr direkte Form der Kommunikation mit unterschiedlichen wichtigen Zielgruppen. Wie nutzen Sie Twitter?
Für mich ist Twitter eine Lernplattform. Ich folge interessanten Leuten – Wissenschaftlern, Technikern, Journalisten, Professoren, Leuten aus der Verlagsbranche – und lerne durch sie jeden Tag neue und erstaunliche Dinge. Im Gegenzug versuche ich, etwas zurückzugeben und Tweets über Dinge, die ich interessant finde, einzustellen. Und ich nutze Twitter letztendlich auch für die Vermarktung meiner Bücher, versuche aber hier, nicht zu viel des Guten zu tun.

Wie sehen Sie die Zukunft der Kommunikation: Ist der reale Kontakt von Mensch zu Mensch ein aussterbendes Modell?
Ich denke nicht, dass Twitter den persönlichen Kontakt ersetzt. Twitter verstärkt ihn eher noch. Twitter-Nutzer organisieren z. B. ständig Offline-Treffen (Tweetups). Oftmals treffen sich dann Leute, die weder miteinander befreundet noch bekannt sind. Ich persönlich habe alle meine Freunde in der realen Welt, freue mich aber auch, neue Freunde in der virtuellen Welt zu finden. Durch Twitter habe ich eine Reihe toller neuer Freunde kennengelernt.

Zur Person: Paul McFedries

McFedries ist technischer Redakteur und schreibt seit 1991 Computerfachbücher. Er hat seitdem mehr als 60 Bücher veröffentlicht, die weltweit mehr als drei Millionen Mal verkauft wurden. Seine persönliche Website finden Sie hier.

Bernd Sommerfeld twittert hier.

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