Kein lukratives Leben im falschen

Als das Goethe Institut kürzlich mit großen Worten den eigenen Einzug in die virtuelle Welt von Second Life (SL) ankündigte, dürfte die Botschaft in so manchen Ohren als „Geschichte aus der Gruft“ angekommen sein. Denn eineinhalb Jahre, nachdem der Hype um den Internet-Treffpunkt auf dem Höhepunkt war, haben nicht nur große Unternehmen wie Adidas, Daimler und die Deutsche Post ihre Zelte in Second Life abgebrochen.

Auch in der Buchbranche hat sich nach anfänglicher Hochstimmung inzwischen Ernüchterung breit gemacht: Sowohl buch.de als auch der Audio Verlag haben der virtuellen Welt den Rücken gekehrt (mehr dazu im buchreport.express 34, der am Donnerstag erscheint). Im Interview erklärt Wolfgang Tischer (Foto), Online-Experte und Chef im literaturcafe.de, warum SL an Attraktivität verloren hat.

Sie haben schon vor einem Jahr vor der Euphorie um Second Life gewarnt. Inwiefern war diese Entwicklung absehbar?
Das Gerede der Agenturen und Berater von den ökonomischen Potenzialen diente nur dazu, den Kunden dort eine unnötige Präsenz zu verkaufen. Doch der finanzielle Aufwand stand nicht mehr im Verhältnis zum Ergebnis. Das war vielleicht zu Beginn des Hypes der Fall, als der Marketingeffekt zählte. Insofern hat es sich für Verlage ausgezahlt, die dort gleich am Anfang Geld investiert haben – sie hatten gute PR bekommen. Wer gezögert hat, hat nichts falsch gemacht. Pech hatten allerdings die, deren Projekte erst nach dem Hype online gingen.

Sie selbst haben sich mit literaturcafe.de in Second Life mit Lesungen und Diskussionen engagiert.
Ja. Das Land Baden-Württemberg hat uns auf seiner Insel einen Bereich zur Verfügung gestellt, den wir gerne genutzt haben. Die positive Resonanz und die guten Besucherzahlen haben mich damals selbst erstaunt. Unsere virtuelle Lesebühne stellen wir auf Nachfrage auch heute gerne noch zur Verfügung. Es fragt jedoch keiner mehr.

Warum ist Second Life tot?
Second Life war ein klassisches von den Medien hochgeschriebenes Hype-Thema, das aus dem Nichts entstanden ist, wie zuletzt die „Kindle“-Meldung der „FAZ“, die oft zitiert wurde, aber auf Spekulationen von vor einem Jahr beruht. Second Life ist ein Nischenthema wie im Spielebereich „World of Warcraft“, aber kein Produkt für eine große Masse. Die Technik war von vornherein zu kompliziert für den normalen Nutzer.

Wem nutzt Second Life in der Buchbranche?
Vielleicht kleineren Verlagen oder Buchprojekten mit klar definierter und affiner Zielgruppe – die sind allerdings möglicherweise mit einer Seite bei Myspace besser aufgehoben. Für größere Verlage lohnt sich das Engagement nicht.

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