27. Februar 2013

Stephan Bayer: Perspektiven nach dem Kreide-Zeitalter


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Was kommt nach dem Ende des klassischen Lehrbuchs? – Stephan Bayer skizziert eine digitalisierte Bildungslandschaft aus der Perspektive des Online-Nachhilfeanbieters Sofatutor.

Die Digitalisierung verändert nahezu alle Bereiche des Lebens. Auch unsere Schulen spüren diesen Trend und reagieren – langsam. Bevölkert von jenen, die ganz selbstverständlich in diese „neue“ digitalisierte Welt hineinwachsen, scheint der sonst alles zu vereinnahmende Trend ausgerechnet hier im feinen Sand der Tradition zu verlaufen. Auf den Punkt gebracht bezeichnete Medienmogul Rupert Murdoch den gegenwärtigen Bildungsmarkt in einem Essay als „Digital’s next frontier“. Zu Recht?

Ein Blick auf den Lernalltag von Schülern des 21. Jahrhunderts wirft vor allem eine Frage auf: Welchen Nutzen kann die Digitalisierung im Bereich des Lernens und Lehrens schon heute und in Zukunft liefern? Einer der maßgeblichen Katalysatoren im Zuge dieser Entwicklung ist das Internet. Es liefert das Potenzial, trotz schrumpfender Bildungsetats den Traum von individueller Förderung für eine breite soziodemografische Bevölkerungsschicht möglich zu machen, Lehrer zu entlasten und zugleich akademische und schulische Bestleistungen zu erreichen. Dieses Potenzial entfaltet sich auf dem sogenannten Vormittags- und Nachmittagsmarkt.

Flipped Classroom verändert Rollen

Vormittagsmarkt: Die Unterrichtsmethoden an deutschen Schulen haben sich in den vergangenen Jahren in großen Teilen verändert. Nahezu unverändert ist jedoch der Einsatz von neuen Medien im Unterricht geblieben. Noch immer sind Bücher und – seit einigen Jahren in überschaubarem Maße – digitale White­boards neben der klassischen Tafel und Schwarz-Weiß-Kopien die gängigen Tools. Neue Impulse zur Veränderung des klassischen Unterrichts lieferten vor wenigen Jahren die amerikanischen Lehrer Aaron Sams und Jonathan Bergman mit der Entwicklung der so genannten Flipped Classroom-Methode: Schüler bereiten sich zu Hause eigenständig auf die im Unterricht behandelten Themenbereiche vor, indem sie etwa entsprechende Online-Lernvideos ansehen und sich den Stoff auf diese Weise aneignen. Die eigentliche Unterrichtsstunde wird stattdessen zum gemeinsamen Aufarbeiten, Problemlösen und Diskutieren genutzt.

Im Kern steht das Flipped-Classroom-Modell damit dem klassischen Frontalunterricht entgegen und ebnet zugleich den Weg eines digitalisierten Vormittagsmarktes, welcher zunehmend ohne schwere Bücher und Zettelwirtschaft auskommt.

Lernmanagementsysteme verbinden

Gegen die an deutschen Schulen bestehende Zettelwirtschaft aus Lehr- und Klassenbuch, Hausaufgabenheft und Aktenordner sprechen vor allem auch die an deutschen Hochschulen bereits fest etablierten Lernmanagementsysteme (LMS) wie Moodle, CLIX oder Blackboard. Professoren veröffentlichen dort ihre Präsentationsfolien online. Darüber hinaus ist der Reader digital im nichtöffentlichen Bereich des Seminars verfügbar, Studenten können in internen Threads relevante Themen diskutieren und ihre Essays hochladen. In Schulen finden sich vergleichbare Anwendungen bisher nicht. Dabei lassen sich solche Systeme genauso gut in den Vormittagsmarkt der Schule integrieren und haben damit das Potenzial, auch den Schulalltag für Lehrer und Schüler effizienter zu gestalten. Hausaufgaben, Stundenplan, Klassenarbeitstermine, Notendurchschnitt oder Vortragsthemen könnten online eingesehen und koordiniert werden. Zusatzinformationen zum Unterrichtsstoff würden digital verschickt werden und Eltern könnten eingebunden werden, um regelmäßig über den aktuellen Stand auf dem Laufenden zu bleiben und somit mehr von ihren Kindern zu erfahren, als im jährlichen Elterngespräch mit dem Klassenlehrer.

Hürden der digitalen Wende

Wer das Klassenzimmer verändern möchte, muss allerdings einige Hürden nehmen und die Zustimmung von den für die Freigabe von Unterrichtsmaterialien zuständigen Kultusministerien, Schuldirektoren, Lehrern und nicht zuletzt auch Eltern einholen, um mit seinem Produkt den Vormittagsmarkt betreten zu können. Im direkten Verkauf gibt es jedoch Hemmnisse. So stehen die Entscheidungsträger in den Schulen aktuell noch vor dem Problem, dass der Kauf von digitalen Produkten zunehmend mit Software-as-a-Service-Modellen verknüpft ist, für deren Service regelmäßig eine nutzungsabhängige Gebühr fällig wird, ein Kostenfaktor, für den noch keine festen Budgets in öffentlichen Schulen zur Verfügung stehen. Aus diesem Grund warten eine Handvoll Unternehmen, welche mit ihren Lernmanagementsystemen bereits im Hochschulmarkt und teilweise auch im Ausland etabliert sind, inzwischen seit einigen Jahren darauf, dass der Markt sich weiterentwickelt.

E-Book-Reader und Classmate-PCs

In den USA gestalten manche Schulen ihren Unterricht bereits ausschließlich mit Tablets; laut Apple verwenden ca. 1,5 Mio Schüler in den USA ein iPad. Auch Südkorea hat bereits 2011 die Digitalisierung ausgerufen und plant bis 2015 sämtliche Schulbücher durch Smartphones und Tablet-PCs zu ersetzen. So weit ist die Entwicklung in Deutschland (noch) nicht. Ursache dafür sind vor allem auch begrenzte oder fehlende finanzielle Mittel der Schulträger, denn in keinem Bundesland gibt es derzeit eigene Budgets nur für digitale Bildungsmedien. Hinzu kommt die schwierige Situation auf dem Schulbuchmarkt: Aufgrund der demografisch bedingten sinkenden Schülerzahlen sowie den zum Teil reduzierten öffentlichen Ausgaben für Lehrmittel sind die Umsätze seit Jahren rückläufig. Das digitale Lehrbuch ist zwar ein Thema, mit dem sich derzeit alle Bildungsmedienverlage auseinandersetzen, aber die bestehende Lehrbuchindustrie hat im Grunde wenig Anreiz, diese Situation zu ändern, denn mit der Umstellung von Print auf E-Book schrumpft der Umsatz pro verkaufte Einheit. Dieses Problem können die Verlage lösen, indem die digitalen Versionen ihrer Bücher so aufgewertet werden, dass den Kunden ein Mehrwert entsteht, für den sie mehr zu zahlen bereit sind, als für das einfache PDF-ähnliche E-Book. Das zweite Problem für die Verlage besteht darin, dass Lehrbücher meist auf ein bis zwei Jahrgänge und ein Schulfach beschränkt sind und die Produktion mitunter auf Jahre festgelegt und dementsprechend unflexibel ist. Schulbücher ähneln daher in gewisser Weise Telefonbüchern. Sie sind ein völlig überholter Versuch dafür, eine Vielzahl von Informationen zusammenzufassen und zu organisieren.

Die aktuelle Entwicklung wird langfristig gesehen das klassische Schulbuch in Millionen digitale Teilchen sprengen, denn stärker als bisher werden Schüler in den nächsten Jahren themenübergreifend lernen, sodass Lehrbücher, die ausschließlich auf einen Jahrgangs-, Fach- und Stoffbereich angelegt sind, langfristig unrentabel werden, während E-Books letztendlich nur die digitale Version eines an sich inhaltlich stark eingegrenzten Lehrbuchs darstellen. Einen Schritt weiter gedacht sind jahrgangsübergreifende Online- Lernplattformen: Der gesamte Lernstoff eines „Schülerlebens“ wird auf einer einzigen Plattform zur Verfügung gestellt und interaktiv verknüpft.

Nachmittagsmarkt als digitaler Einstieg

Anders als im Vormittagsmarkt hat die digitale Revolution im Bildungsbereich den Nachmittagsmarkt bereits ordentlich aufgewirbelt. Mit mehr als 2 Mio deutschen Schülern, die privat Nachhilfe in Anspruch nehmen, boomt dieser Markt bereits seit Jahren. Über 1,5 Mrd Euro geben Eltern im Jahr für den zusätzlichen Unterricht ihrer Kinder aus, was sich in dem wenig regulierten Nachmittagsmarkt dank schneller Entscheidungswege besonders dynamisch niederschlägt.

Mit Online-Produkten lassen sich Preis-modelle entwickeln, die das zentrale Bedürfnis der Kunden nach besseren Noten befriedigen und dabei so günstig sind, dass dadurch neue Käufergruppen und -schichten erschlossen werden. Der oft kritisierten Chancenungleichheit kann damit gegengesteuert werden. Der Nachmittagsmarkt wird zum Sprungbrett der digitalisierten Bildung werden.

Ähnlich wie beim E-Book können mit der Inanspruchnahme digitaler Vermittlungskanäle die Kosten diverser Ressourcen eingespart werden, ohne dass sich dies qualitätsmindernd auswirkt. Während beim E-Book die Kosten für Papier, Druck, Buchbindung und Vertrieb entfallen, profitieren Online-Nachhilfe-Angebote je nach Konzept vor allem davon, auf Anfahrtswege- und Kosten verzichten zu können und dem Kunden dafür einen flexiblen, selbstbestimmten Lernrhythmus zu ermöglichen.

Noch profitabler ist es, die Nachhilfe auf Grundlage aussagekräftiger, online stets abrufbarer Lernvideos aufzubauen. Deutsche Innovatoren wie sofatutor.com fördern mit einer systematischen Kuratierung der Inhalte, zusätzlichen Services wie Lehrer-Chat und interaktiven Kontrollen durch Tests nach qualitativ hochwertigen Videos die dynamische Entwicklung des Nachmittagsmarktes.

Online-Plattformen sind die Zukunft

Von der steigenden Konkurrenz digitaler Produkte auf dem Nachmittagsmarkt profitieren wiederum die Kunden, die Zugang zu einer bezahlbaren und zugleich erfolgsorientierten Nachhilfe erhalten. Die Nachfrage nach digitalen Bildungsangeboten auf dem Nachmittagsmarkt wird dementsprechend auch in Zukunft steigen und diesen erheblich vergrößern. Der maßgebliche Schlüssel liegt beim hochwertigen Content.

Die Art, wie Bildung bisher funktioniert, wird durch die „digitale Revolution“ nachhaltig verändert, sowohl auf dem Vormittags- als auch auf dem Nachmittagsmarkt. Murdochs wenig schmeichelhafte Aussage über den der Digitalisierung vermeintlich vorenthaltenden Bildungsmarkt könnte damit in Zukunft phänomenal entkräftet werden: Ein beruhigender Gedanke, dem entsprechend viele Taten folgen sollten.

Stephan Bayer (30) ist Geschäftsführer von sofa­tutor.com. Die Online-Nachhilfe-Plattform für Schüler und Studenten ist seit April 2009 online. Zum Portfolio gehören Lernvideos, interaktive Tests und Chats mit  Lehrern. Im August 2012 verzeichnete das Portal 30.000 Nutzer.