
Liebe E-Book-Piraten, ich bin Autorin eines der E-Books, die Ihr gratis zum Download anbietet und ich fühle mich von Euch bestohlen und ausgebeutet.
Ich bin entsetzt, was Ihr tut. Ich habe jahrelang an diesem Roman geschrieben und finanziere mir mühsam durch den Verkauf mein Studium und mein Leben – das ist nicht besonders luxuriös, aber dafür kann ich an meinem nächsten Roman arbeiten. Ich bin auf diese Buchverkäufe angewiesen, und indem Ihr mein Buch für jedermann zur unbeschränkten kostenlosen Weiterverbreitung anbietet, nutzt Ihr mich aus. Ihr denkt Euch jetzt vielleicht, es ist ja nicht anders als borgen. Nunja: Es ist ein Unterschied, ob ich einem Freund ein Buch borge, oder Kopien für die ganze Stadt anfertige und sie am Marktplatz zur freien Entnahme aufstelle. Oder glaubt Ihr, wir Autoren würden ohnehin alle so gut verdienen, dass es egal ist, ob Ihr für unsere Arbeit bezahlt oder nicht? Ken Follett wird es vielleicht nicht kratzen, aber junge Autoren, innovative Stimmen sind von jedem verdammten Buch abhängig.
Was Ihr hier macht, ist nichts Anderes als Diebstahl. Und was ich so schlimm finde, Ihr schämt Euch nicht einmal, sondern animiert Euch gegenseitig weiterzustehlen. Ihr nennt das „Bücher befreien“ – ist Euch bewusst, dass Ihr damit die Autoren versklavt? Ihr zwingt Autoren, gratis für Euch zu arbeiten, Ihr anerkennt unsere Leistung nicht, laut Euch steht uns NICHTS zu. Jahrelange Arbeit, nur damit Ihr kostenloses Lesevergnügen habt? Das ist Sklaverei.
Wären alle Leser so wie Ihr, dann gäbe es keine Bücher mehr, denn wir Autoren hätten nicht die Möglichkeit zu schreiben. Warum ich Euch das sage? Weil ich im Herzen daran glaube, dass Leser gute Menschen sind und Bücher, sowie deren Autoren, schätzen. Zumindest schreibe ich für Leser, die die Arbeit eines Autors auch zu schätzen wissen, und bereit sind, dafür zu zahlen. Denn sind wir uns ehrlich: 10 bis 20 Euro für ein Buch ist verdammt wenig. Zwei Kinokarten, 4 Packerl Zigaretten, 1/4 Tankfüllung. Das rechnet nie die jahrelange Arbeit, und wir Autoren tun’s trotzdem. Wenn Ihr aber so weitermacht, zerstört Ihr die Vielfalt.
Klar, Bücher wird es immer geben. Aber überlegt mal, ob Ihr noch lesen wollt, wenn es nur noch Megaseller wie Shades of Grey gibt, weil sich anderes nicht mehr rentiert, weil junge Autoren keine Chance haben, weil innovative Ideen nicht mehr möglich sind. Ach, und dann habt Ihr ja Euer Argument, Ihr wollt doch nur die „Content-Mafia“ umgehen, legitimiert Ihr Euer Treiben damit, dass Ihr meint, es bräuchte keine Verlage? Nur dass Ihr wisst: Verlage entdecken neue Autoren, verwirklichen mutige Bücher und helfen dem, was Ihr nachher gut findet, aus dem Ei.
Das sind keine üblen Verwertungsmaschinen, die einen Autor ausquetschen, sondern Menschen mit Herz, die einem Projekt ins Leben helfen. Ohne deren Mut, Expertise und stützende Strukturen gäbe es einen ziemlichen Einheitsbrei, denn das Durchsetzen von Neuem in diesem gewaltigen Markt überfordert die Möglichkeiten eines einzelnen Menschen. Wenn Ihr das wollt: dann macht weiter so. Wenn nicht, überlegt doch mal, ob Ihr dem Buchhändler um die Ecke nicht einen Besuch abstatten wollt. Dort gibt es übrigens auch persönliche Beratung, Hilfe, Lektüre zu finden, die Ihr sonst nicht gefunden hättet, oder Lesungen, die Möglichkeit, Autoren mal kennenzulernen. Geht doch mal zu einer Lesung und schaut Euch den Menschen an, der das Buch geschrieben hat, und erklärt mir dann bitte, wieso dieser Mensch Euer Sklave sein soll.
Vea Kaiser, geboren 1988, studiert klassische und deutsche Philologie in Wien. Für ihre belletristischen Arbeiten erhielt sie u.a. das Hans-Weigel-Literaturstipendium und den Theodor-Körner-Preis. Bei Kiepenheuer & Witsch ist im Juli 2012 „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ erschienen.
Den Text postete Vea Kaiser als offenen Brief auf ihrer Facebookseite, nachdem sie ihren Roman „Blasmusikpop” als kostenloses E-Book im Internet fand.
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin.









