Schiffbruch in München

Der Verlag C.H. Beck zieht den Titel „Große Seeschlachten – Wendepunkte der Weltgeschichte von Salamis bis Skagerrak“ zurück. Damit reagiert er auf die Plagiatsvorwürfe, die seit einer Woche im Raum stehen.

Auf seiner Facebook-Seite hatte Arne Janning den Autoren Arne Karsten und Olaf Rader unterstellt, sich bei Wikipedia-Einträgen bedient zu haben, ohne dies kenntlich zu machen.

Der Verlag stellt nach einer umfassenden Prüfung des Buches mittels zweier Plagiatssuchprogramme nun klar:

  • Die von Karsten verfassten Kapitel enthalten keine ungekennzeichneten Zitate.
  • Rader hat in seinen Texten an zahlreichen Stellen Sätze oder Passagen übernommen, meist aus Wikipedia-Artikeln. Besonders hoch sei die Quote nicht nachgewiesener Zitate im neunten Kapitel: 10% des Textes ähnele stark einem Online-Artikel aus dem Jahr 2003.

Beck-Lektor Ulrich Nolte erklärt gegenüber buchreport, mit diesem Vorgehen habe Rader eine Toleranzgrenze des Verlags überschritten. In der Pressemeldung führt C.H. Beck weiter aus: „Während man darüber streiten kann, wie originell Formulierungen zu technischen Details sind, über die man sich auch in anderen Artikeln und Büchern informieren kann, entspricht die nicht kenntlich gemachte auch darstellerische Orientierung eines Kapitels an dem Artikel eines anderen Autors zum gleichen Thema keinesfalls den Ansprüchen des Verlags an sein Programm.“

Ein weiterer Vorwurf Jannings, Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) seien im Zuge der Recherche veruntreut worden, erwies sich Nolte zufolge allerdings als „absolut haltlos“.

Der Verlag begrüße die Debatte um den Umgang mit digitalen Publikationen wie der Internet-Enzyklopädie Wikipedia. „Das Internet hat den Umgang mit Wissen auf eine neue Grundlage gestellt, und dies auch in praktischer Hinsicht, da es verführerisch leicht ist, Informationen – mit oder ohne die dazugehörige Formulierung – vom Internet in ein eigenes Dokument zu kopieren.“ Diesem Thema werde der Verlag künftig mehr Aufmerksamkeit widmen. „Diskutiert werden sollte aber auch der Stellenwert von Wikipedia in der Wissenschaft. Jeder benutzt sie, keiner zitiert sie – das scheint bisher die Devise zu sein. Wissenschaftler und Verlage sollten ihren Umgang mit der Online-Enzyklopädie klären. C.H.Beck ist gerne bereit, sich an dieser Diskussion zu beteiligen.“

Kommentare

5 Kommentare zu "Schiffbruch in München"

  1. Buchbetreuerin Dr. Klug | 1. Mai 2014 um 15:54 | Antworten

    Ich halte das Vorgehen des Verlags ebenfalls für richtig. Was für mich aber einen schalen Beigeschmack hinterlässt bei der Sache: Ausgelöst wurde das Ganze von Janning, der über Facebook wilde und z.T. falsche Behauptungen über die Autoren in die Welt gesetzt hat, so z.B. dass sie von der DFG gefördert wurden und dass sie quantitativ viel mehr plagiert hätten, als es tatsächlich der Fall war.
    Wie viel Macht hat eigentlich Facebook? Und darf Janning so etwas einfach behaupten? Seine Übertreibungen, Anschuldigungen und Pauschalurteile müssten im Grunde juristisch verfolgt werden. Sie sind nicht minder schlimm als die Nicht-Kenntlichmachung von Zitaten. Im Grunde handelt es sich um „Rufmord“ und Schädigung der Autoren und des Verlags.
    Meine Frage: Warum postet Janning seine Behauptungen bei Facebook, anstatt einfach im Stillen ohne Öffentlichkeit einen Brief an den Verlag und die Autoren zu schreiben und sich erst mal um Klärung der Fakten zu bemühen, anstatt mit falschen, ungeprüften Behauptungen die Öffentlichkeit aufzuscheuchen? Will er sich wichtig tun? Oder war es Gedankenlosigkeit? Oder Neid, weil er selbst als Historiker kein derartiges Werk publiziert hat? Über Arne Janning erfährt man merkwürdigerweise nichts, auch nicht via Google, außer dass er Geschichte studiert hat. Eine Schattenfigur, die auf andere mit dem Finger zeigt, aber von sich selbst nichts preisgibt. Hat er Hintermänner, in deren Auftrag er den Shitstorm losgetreten hat?
    Das sollte bei der ganzen Debatte auch einmal berücksichtigt werden, anstatt immer der Blickrichtung des Zeigefingers auf die angeblich Schuldigen zu folgen. Wer ist es, der den Zeigefinger erhoben hat? Und was verbirgt sich dahinter?

    • Manuel Bonik | 2. Mai 2014 um 12:41 | Antworten

      Man darf in diesem Zusammenhang den Faktor Eitelkeit nicht vergessen. Da suchen Leute Anerkennung als Autoren, selbst wenn sie nicht oder nur eingeschränkt fähig sind, tatsächlich selbst etwas Neues zu schaffen. Manche erschleichen sich durch Plagiate Titel oder akademische Posten (indem sie z. B. durch Selbstplagiate ihre Publikationsliste verlängern). Noch bei der Wikipedia selbst geht es mitunter nicht um den Dienst an der Wahrheit, sondern darum, sich selbst und/oder sein jeweiliges Zitierkartell zu pushen. Und dann wieder ist natürlich kaum etwas vernichtender für die Konkurrenz, als wenn man ihr Plagiate nachweist (oder andichtet). Et cetera – das sind alles schon länger bekannte Probleme (man lese z. B. mal die Einleitung zum 2. Teil des Don Quijote, den Cervantes offensichtlich nur geschrieben hat, um seinem Plagiator mal zu zeigen, wer der Meister ist), und allerdings eskalieren diese Probleme jetzt unter digitalen bzw. Internet-Vorzeichen. Da steht zunehmend Arbeit an.

      Wir z. B. arbeiten gerade an einer neuartigen Plagiatserkennungs-Software, die schon ziemlich gute Ergebnisse bringt, aber freilich in Abhängigkeit von bestimmten Archiven. Gegen die ganze und sich stetig verändernde Wikipedia zu testen, ist auch nicht gerade trivial.

      Denkbar wäre auch eine Schnittstelle bei der Nationalbibliothek, wo man gegen deren Bestände testen kann. Aber das ist natürlich Zukunftsmusik.

  2. Das Vorgehen vom C.H. Beck Verlag finde ich in diesem Fall richtig. In Zukunft wird es besser sein, vom Lektorat des Beck Verlages und anderen Verlagen auch, genau die eingegangenen Texte der Autoren/innen zu prüfen.
    Es muss jetzt in Zukunft eben auch dahingehend alles angesehen werden, ob Quellen überhaupt zitiert werden.
    Zudem sollte ja nicht Wikipedia in der Weise benutzt werden, dass ein Plagiat vorliegt.
    Es geht auch um das Ansehen der Verlage, und Autoren sollten sich in erster Linie sich um selbst verfasste Kapitel bemühen und nicht etwas zitieren oder herbeiholen, was schon da ist.
    Die Initiative vom C.H. Beck Verlag, jetzt auch einen Anstoß zu Überlegungen über Wikipedia zu geben, finde ich gut.
    Man sollte auch vielleicht da in naher Zukunft die Kulturhoheit der einzelnen Bundesländer (die Kultusministerien) etwas einbeziehen oder auf Bundesebene da eine Weisung in die Wege leiten.
    Es geht sicher auch darum: Wie und was sind die Rechte der Autoren an einem Werk und was ist letztendlich ihre eigene Schöpfung, die ja vom Urheberrecht geschützt werden sollte.
    Es wäre auch die Frage einmal einzubeziehen: Sind Texte in Wikipedia geschützt? Oder kann da jeder/jede an diese Veröffentlichungen benutzen und wo sind hier die Grenzen anzusetzen?
    Ich meine, dass nachweislich Texte aus Wikipedia, die ein Autor/Autorin noch nicht einmal in den Nachträgen eines Buches richtig angegeben oder zitiert hat, auch keine eigen geschriebene Schöpfung sind. Und daher auch sicher nicht vom Urheberrecht geschützt sind.
    Es sind also im Fall vom C.H. Beck Verlag noch Fragen nach vorne offen.
    H. Kraft

  3. ICH zitiere Wikipedia in meinen erklärenden Fußnoten immer, sobald ich mehr als nur die Geburts- und Sterbedaten übernehme. Aber meist mache ich mir die Mühe auch aus zeitgenössischen Quellen zu zitieren.

  4. Solche Meldungen wird man vermutlich jetzt immer öfter lesen. Es gibt Verlage, die haben eigene Abteilungen für dieses nicht völlig triviale Problem.

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