Wie in Twitter Poesie entstehen kann

Von Twitter (@Anousch) über einen E-Book-Vertrag bei Frohmann zum Roman bei C.H. Beck: Die Autorin Anousch Mueller (Foto) gehört zur neuen digitalen literarischen Avantgarde, die den Sprung in die traditionelle Verlagswelt geschafft hat. In einem buchreport-Interview im Twitter-Format erklärt sie, wie sich Poesie in 140 Zeichen packen lässt und was den Verlagen auf Twitter entgeht.
Wie schafft man es über Twitter zum Verlagsvertrag?
In dem man beim Jourfitz liest und von einer Agentur entdeckt wird. Der Jourfitz ist übrigens eine Lesereihe von On-und Offlineautoren. Ins Leben gerufen wurde sie von Jan-Uwe Fitz aka. @vergraemer.
Was haben Sie dort vorgelesen?
Einen Prosa-Text. 
Wie packt man Poesie in 140 Zeichen?
Kürze und Poesie passen ja von jeher gut zusammen. Die Reduktion erzwingt eine Konzentration. Und manchmal entsteht dabei Poesie.
Hätte ich mehr Zeit gehabt, hätte ich dir kürzer geschrieben, soll Goethe in einem Brief geschrieben haben. Sind kurze Texte schwieriger?
Sie sind vielleicht oft kunstvoller. Viele kurze Texte waren ja vorher lang. Dann beginnt die Feinarbeit. Und die kann schwierig sein.
Können Sie uns eine Kostprobe von Ihrer Kurzprosa geben?
„Ich möchte von Heinrich von Kleist erschossen werden.“ 
oder 
„Wenn im Leben eine Tür zufällt, kann man dahinter erstmal in Ruhe ein Nickerchen machen.“
oder
„Nach der Winterstarre kommt die Frühjahrsmüdigkeit, gefolgt von der Sommerschwere, die dann in eine Herbstmelancholie übergeht.“
Woher schöpfen Sie Ihre Inspirationen?
Fast ausschließlich aus meinem Innenleben. Ich lebe relativ zurückgezogen. Vieles ist ausgedachte Erinnerung.
Ihr Buch sei Pflichtlektüre für alle, die glauben, E-Books trügen zum kulturellen Verfall bei, schreibt Frohmann. Wie stehen Sie zum E-Book?
Ich bin Technik-Optimistin. Glaube also an Sinn und Zweck von E-Books. Habe allerdings selbst keinen E-Book-Reader und vermisse ihn auch nicht. Aber ich lese ja den ganzen Tag in meinem iPhone.
Am 22. Juli erscheint Ihr erster Roman „Brandstatt“ bei C.H. Beck. Fiel Ihnen der Wechsel von Kurzprosa zum Roman schwer? 
Den Roman gab es lange vor Twitter. Also die Anfänge. Aber durch Twitter lernt man Pointen, Auftakte und vielleicht sogar Humor.
Hat sich für Sie viel verändert, seit Sie bei einem Verlag erscheinen? Stehen Sie mehr im Rampenlicht?
Es ist jetzt jede Menge los. Viele Mails, Telefonate, Interviews, Termine. Eigentlich ein Full-Time-Job. Zum Glück ist mein Baby ein guter Schläfer.
Jetzt sind Sie sogar für den Bachmann-Preis nominiert. Herzlichen Glückwunsch.
Vielen Dank!
Zu Lyrik und Prosa hat sich auf Twitter ein eigener Nebenschauplatz gebildet. Geht die #Twitteratur an den meisten Verlagen vorbei?
Ja. Und das ist sehr bedauerlich. Denn ich lese auf Twitter und in Blogs oft sehr viel bessere Texte als in gedruckter Form.
Wie ist es mit dem Feuilleton? Haben die Feuilletonisten die Twitteratur entdeckt?
Puh! Ich bekomme zurzeit kaum noch was mit. Aber es gibt vereinzelt Interesse und Berichte. Kürzlich erst war ein großes Portrait über @bangpowwww, die ihr Buch selbst herausgebracht hat, in der FAS.
Haben Sie auf Twitter auch mit Urheberrechtsverletzungen zu kämpfen?
Ja, ganz massiv sogar. Oft liest man Tweets anderentags in Überschriften und Texten. Und in Live-Tickern bedient man sich ganz unverholen an fremden Tweets.
Wie reagieren die Urheber?
Sofern sie es überhaupt mitkriegen, machen sie darauf aufmerksam. Mal empört, mal belustigt. Aber vieles geht im digitalen Rauschen unter.
Sie haben sich auf Twitter eine große Fangemeinde aufgebaut. Haben Sie Tipps für die twitternden Verlage und Buchhändler? 
Ich glaube, man muss von Twitter affiziert sein. Ganz ohne Erklärungen. Darin liegt der Reiz, aber das ist auch die Hürde.
… weil es die digital affinen eher in andere Branchen zieht?
Vermutlich. Die digital affinen sind ja nur bedingt vergleichbar mit den Hungerkünstlern vergangener Tage. Die nehmen es halt selbst in die Hand. Es gibt großartige Self-Publishing-Projekte, wie der Gedichtband „Das Grau, die Tage“ von @horsthundbrodt.
Das klingt, als bräuchten digital affine Autoren keine Verlage mehr… Wie können sich die Verlage den Autoren gegenüber profilieren?
Nein, soweit sind wir noch nicht. Ich weiß jetzt selbst, wie toll es ist, einen engagierten Verlag hinter sich zu wissen. Aber alle Verlage sollen wissen, dass wir viele sind. Und gerne lesen. Der Gedichtband von Jost Renner (@eponomasie) „Liebesenden“ ging weg wie warme Semmeln.
Die Frage stellte Lucy Mindnich
Foto: © Marlen Mueller

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