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Montag, 14. Januar 2013 (10:14 Uhr)


Amazon-Rezensionen unter Manipulationsverdacht

Wenn die Crowd mithilft

Erneut erhält Andreas Adlon für sein bei Amazon selbst verlegtes Buch „Ausradiert – Nicht ohne meine Tochter“ die Höchstwertung von fünf Sternen: „Von der ersten bis zur letzten Seite spannend geschrieben, habe das Buch in einem ‚Rutsch‘ durchgelesen. Sehr ergreifend und fesselnd. Nichts für Leser mit allzu schwachen Nerven.“ 

– Echt oder nicht? Die Frage nach der Authentizität von Leser-Kommentaren zu Büchern in Online-Shops ist nicht neu, gewinnt aber mit dem Siegeszug von digitalen Büchern auch hierzulande an Brisanz. Manipuliert wird offenbar sowohl von Selfpublishern als auch herkömmlichen Print-Autoren bzw. deren Verlagen. Und allmählich wird deutlich, wie Rezensionen frisiert und Bucherfolge so lanciert werden können.

Das Prinzip ist hierzulande ähnlich wie in den USA, wie Insider gegenüber buchreport am Beispiel von Selfpublishing-Titeln berichten: 

  • Kurz nach der Veröffentlichung eines Buchs werden gute Bewertungen lanciert, mit Anschubhilfe durch Freunde, gekaufte Rezensionen oder mithilfe von unter Pseudonym angelegten Nutzerkonten.
  • Kombiniert mit einer Gratisaktion, die für Selfpublisher bei Teilnahme an „Kindle Direct Publishing Select“ fünf Tage möglich ist, ziehen die Downloads an. 
  • Ist der Sprung in die Bestsellerliste geschafft, potenzieren sich die Verkäufe.

Negative Kommentare ausradiert?

Zu den Autoren, die aktuell unter Verdacht stehen, gehört der in der Selfpublishing-Szene bekannte Andreas Adlon, dessen Thriller „Ausgehandelt“ und „Ausradiert“ über Amazons „Kindle Direct Publishing“ veröffentlicht wurden. Adlon ist einer der Überflieger aus der Selfpublishing-Szene, im Weihnachtsgeschäft lag „Ausradiert“ auf Platz 5 der E-Book-Bestseller von Amazon (buchreport.de berichtete).

Ob Adlons Erfolg allerdings ohne Manipulation erfolgte, darüber wird viel diskutiert. In einem Amazon-Forum sind „Gefälligkeitsrezensionen“ seit Dezember ein großes Thema, hier speziell auf „Ausradiert“ bezogen („Ein so eigenartiges Rezensionsverhalten wie bei diesem Buch habe ich selten erlebt...“). Von einer „Rezensentenmafia“ ist in den Foren inzwischen die Rede.

Was an Rezensionen wie zu Adlons Buch „Ausradiert“ auffällt:

  • Die ersten Rezensionen des Buches sind ausnahmslos positiv.
  • Erst nach einer Reihe guter Bewertungen fällt erstmals eine Rezension schlecht aus. Zu diesem Zeitpunkt könnten die echten Leser ins Spiel gekommen sein, die ihre ehrliche Meinung kundtun.
  • Negative Meinungen werden überwiegend als „nicht hilfreich“ bewertet. Ein Nutzer berichtet, dass er für eine kritische Bewertung innerhalb weniger Minuten fast zehn „Nicht-hilfreich-Klicks“ erhalten habe. Durch die Klicks rutschen diese negativen Rezensionen auf der Internetseite nach unten.
  • Umgekehrt erhalten positive Rezensionen zügig viele „Hilfreich-Klicks“ und wandern in der Liste nach oben.
  • Negative Rezensionen werden häufig kommentiert. Die Verfasser werden etwa persönlich angegriffen, sodass manche ihre Bewertung nachträglich ändern.
  • Eine negative Bewertung wird häufig schnell mit mehreren Vier- oder Fünf-Sterne-Rezensionen gekontert.
  • Viele der positiven Bewertungen sind nichtssagende Zweizeiler, die auf jedes beliebige Buch passen können. Autoren solcher Zeilen haben häufig nur wenige weitere Produkte rezensiert.

Sowohl Adlon als auch Amazon wollten sich bislang gegenüber buchreport nicht zum Manipulationsverdacht äußern. 

Gesäuberte Jahresbestseller?

Amazon hat offenbar kürzlich die Kriterien für die Aufnahme von Titeln in die Bestsellerlisten verändert. Im Sommer 2012 waren unter den Top-10 der E-Book-Bestseller noch sieben Selfpublisher. Im neuen Gesamtranking des vergangenen Jahres schrumpfte die Anzahl der selbst verlegten Titel in den Top 10 auf einen: Nur Nika Lubitsch behauptet sich mit „Der 7. Tag“ auf Platz 2 (mehr dazu auf literaturcafe.de).

Schon im vergangenen Jahr gab es einige Berichte darüber, dass Rezensionen auf Online-Portalen manipuliert werden:

  • Im September 2012 gaben Autoren wie der Amerikaner John Locke und die Briten Stephen Leather sowie R.J. Ellory reumütig zu, ihre eigenen Bücher unter fremdem Namen schöngeredet und/oder die Titel von schreibenden Kollegen verrissen zu haben (hier mehr). 
  • Die „New York Times“ berichtete, dass Kunden-Rezensionen inzwischen der wichtigste Verkaufs-Motor im E-Commerce seien, ein Drittel der Rezensionen könnten jedoch gefälscht sein (hier mehr).
  • Vor einem Jahr verabschiedete sich Thorsten Wiedau, einst der beliebteste Bücher-Rezensent bei amazon.de, nach zehn Jahren vom Bücherbesprechen. Im Interview mit buchreport.de erklärte Wiedau, viele Rezensionen seien ganz klar manipuliert, suggerierten zugleich aber Unabhängigkeit. Ein Teil des Problems seien die Regeln in Amazons Ranking-System (hier mehr). 


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