Ein Preis mit Signalwirkung

Die Pressewelt ist begeistert. Die Auszeichnung Jaron Laniers mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird in den Feuilletons angescihts des digitalen Wandels als ebenso politisches wie wichtiges Signal gefeiert. Dochnicht alle wollen auf der Euphoriewelle mitschwimmen.

Mit seinem kürzlich auf Deutsch veröffentlichten Buch „Wem gehört die Zukunft“ präsentierte Lanier eine umfassende Kritik an den ökonomischen Strukturen unserer digitalen Kultur. Dabei bezog er sich auf das Geschäftsmodell von Google, Facebook und anderer Netzkonzerne – die er in Anlehnung an die griechische Mythologie „Sirenenserver“ nennt: kostenlose Dienste im Tausch gegen Nutzerdaten anbieten.

Stimmen aus den Feuilletons:

„FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher erkennt in der Auszeichnung für den 54-Jährigen vor allem ein politisches Signal: „Man muss die letzten zwölf Monate auf einem anderen Planeten gelebt haben, wenn man nicht erkennt, dass der Friedenspreis für Jaron Lanier im Zeitalter nach Snowden ein eminent politischer Preis ist.“ Eine besondere Leistung Laniers sei es, nicht müde zu werden, darauf hinzuweisen, dass man nicht von Geheimdiensten reden und von der Überwachungs-Ökonomie der Industrie-Giganten schweigen könne.

In der Welt“ sieht man in der Preisvergabe an Lanier, „eine wirkliche Sensation“ und bescheinigt dem Börsenverein als „Dachverband der oft als konservativ gescholtenen Branche“ eine innovative Entscheidung: „Im 21. Jahrhundert gilt es, über Fragen unserer persönlichen, kommerziellen und zwischenstaatlichen Datensicherheit nachzudenken. Darin liegt das Wegweisende dieses Preises für Jaron Lanier.“

Die „Süddeutsche“ bezeichnet Lanier als „Gewissen der digitalen Welt“, das durch „die Konzentration von Reichtum und Macht in den Händen der Herrscher über die Netzwerke“ beunruhigt wird. Ihm wird das Verdienst zugeschrieben, der einzige zu sein, der „versucht, die völlig neuen ökonomischen Strukturen hinter den freundlichen Fassaden der „Sirenenserver“ aufzudecken.“

Als „längst überfällig“, „ungewöhnlich“ und „überraschend“ betrachtet der „Tagesspiegel“ den Preis für den Internetkritiker, der „trotz digitaler Revolution den Menschen nicht vergessen“ habe. Setze man den Preis jedoch in den Kontext der Snowden-Enthüllungen und des NSA-Skandals, erscheine die Auszeichnung „logisch und voller gesellschafts- und globalpolitischer Strahlkraft“.

Auch „Zeit Online“ erkennt in der Auszeichnung ein „deutliches politisches Signal“ und in Lanier einen „Wortführer im Kampf für digitalen Humanismus“. Zudem schreibt Autor David Hugendick, dass der Buchhandel Laniers jüngste Kritik an der Macht von Amazon und Google ebenso begrüßen dürfte, wie Laniers Sorgen über die sogenannte Gratiskultur.

Noch viel größere Überschneidungen erkennt Jürgen Geuter auf SPIEGEL ONLINE zwischen dem Buchhandel und Lanier, der hier als „Netzverächter“ bezeichnet wird. Er sei „eines der sichtbarsten Beispiele für die Figur des gefallenen und enttäuschten Internet-Optimisten. Und genau seinen Weg vom […] Digitalguru zum Internetverächter ist es, was der Buchhandel auszeichnet und hervorheben will.“ Demnach stehen vor allem die Ablehnung von Open Source und Crowdsourcing sowie die „Rückbesinnung auf traditionelle Macht- und Produktionstrukturen“ bei den Interessen von Lanier und Buchhandel im Vordergrund.

Kritisch äußert sich auch perlentaucher.de zur Wahl der Jury. Mit Jaron Lanier erhalte einer den Friedenspreis, der die dunklen Seiten des Netzes ausmale. „Hätte man nicht erst mal das Helle am Netz feiern können?“ Eshätte zwei Kandidaten für den Friedenspreis gegeben, die vor Lanier den Preis verdient hätten: „Tim Berners-Lee, der der Welt das Internet erst schenkte, denn vorher war es nur Geeks und Nerds nutzbar, oder eben doch Jimmy Wales für seine Idee der Wikipedia, trotz des absurden Maoismus-Vorwurfs Laniers.“

Kommentare

3 Kommentare zu "Ein Preis mit Signalwirkung"

  1. Ganz hübsch auch der Beitrag „Der Pixibuchfriedenspreisträger“ von Falk Steiner im Deutschlandfunk:

    http://www.deutschlandfunk.de/

  2. Diese Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2014 an Jaron Lanier kann sehr wohl ale eine ,Signalwirkung` und auch als eine Art von Warnung an diese übermediale Zeit gesehen werden.
    Ist da eigentlich das Buch in seiner haptischen Form (in den
    Händen halten) noch zu sehen? Oder geht es jetzt nur um eine schnelle Digitalisierung von Werken?
    Sieht man da noch überhaupt einen Weg nach vorne offen?
    Auch eine weltweite Digitalisierung wird einmal an ihre Grenzen
    kommen.
    Und manche Fragen, die das Urheberrecht betreffen, sind bisher noch nicht gelöst worden.
    Es ist höchst bedauerlich, dass man schon vor der eigentlichen Verleihung dieses Preises den Preisträger etwas bereits schon jetzt in einem gewissen Sinne aushebeln möchte.
    Es war doch bisher immer festzustellen, dass jeder Träger/in des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in seiner Zeit diesem Preis eine eigene Prägung gab.
    Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels gehört zu unserer Buchkultur und in erster Linie zum literarischen Betrieb dazu.
    Es wäre sehr negativ zu sehen, wenn diese Preisverleihung an Jaron Lanier diesen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels etwa in Frage stellen würde.
    Kritik und freie Meinungsäußerung in unserer Demokratie ja.
    Aber ein gewisser Rahmen sollte auch hier gegeben sein.
    Und dies gilt sicher auch zuerst den vielen Medien bei uns.

    H. Kraft

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