Unsere Systeme werden radikal umgebaut

Der frühere Ullstein Heyne List-Verleger Christian Strasser will mit seinem Europa-Verlag (hier mehr) aktuelle Debattenimpulse setzen. Im Interview beschreibt der 66-Jährige seine Motivation, kritisiert den Lähmungszustand der Deutschen und erklärt, warum Bücher mit spirituellem Einschlag wichtig sind.
Sie haben sich in den vergangenen Jahren wiederholt verabschiedet und sind zurückgekehrt. Können Sie nicht loslassen?
Ich muss ein bisschen ausholen: Mein erster Abschied nach der Zerschlagung der Verlagsgruppe Ullstein Heyne List war eine Reaktion auf meine tiefe Enttäuschung und tiefen Frust. Ich fühlte mich missbraucht vom Axel Springer Verlag, dem ich meine Verlage anvertraut hatte, der aber das Versprechen, viel zu investieren und groß ins Buchgeschäft einzusteigen, nicht wahr machte – vielleicht auch nicht wahr machen konnte, weil der neue junge Vorstand nach der Pleite von Leo Kirch und dem Zusammenbruch der New Economy Angst bekam. Das zweite Mal, nach dem Verkauf von Pendo, war der Rückzug durchaus ernst gemeint, aber dann crashte Lehman Brothers und die Finanzkrise kam über die Welt. Als Verleger, der immer inhaltlich etwas bei den Lesern und Medien bewegen wollte, konnte ich mich nicht zurückziehen. 

Auch aus finanziellen Gründen?
Nein, ich habe niemals aus finanziellen Gründen gearbeitet. Als ich damals eine Verlagsgruppe aufgebaut habe, die auf Augenhöhe mit den Bertelsmann-Buchverlagen agiert, ging es mir darum, eine andere Unternehmenskultur zu pflegen, die Menschen ins Zentrum zu rücken – in zwölf Jahren bei Time Life hatte ich zuvor erlebt, wie unbarmherzig die Jagd nach steigenden Gewinnen sein kann. 

Sie kontrollieren jetzt mit der Übernahme des Europa Verlags drei Verlage. Wohin geht die Reise?
Ich möchte mich neu engagieren und mit dem Europa Verlag an die bisherige Arbeit meiner beiden Verlage Scorpio und Trinity anknüpfen. Bei Trinity geht es um Energie, Heilung und Lebensintelligenz. Bei Scorpio habe ich von Anfang an Transformations-Bücher gemacht, über ein ganzheitliches Bewusstsein und vernetztes Denken, indem ich Outsider und Grenzwissenschaftler zu Wort kommen lasse, die von großen Verlagen ignoriert werden, weil ihre Thesen angeblich wissenschaftlich nicht belegt sind – als ob es nur das auf der Welt gäbe, was beweisbar ist. Der Europa Verlag hat eine großartige Geschichte. Er empörte sich über die Verfolgung der jüdischen Intelligenz durch die Nazis. Ganz im Sinne von Stéphane Hessel und seiner Broschüre „Empört Euch!“ möchte ich einen weiteren Beitrag leisten, um dazu beizutragen, dass der anstehende radikale Umbau der Systeme und Strukturen unserer Zivilisation gelingt.
Weil andere Verlage dieses Themenfeld vernachlässigen?
Nein, es gibt hierzulande großartige, die dieses Spektrum auch abdecken. Aber ich gehe seit Jahren einen spirituellen Weg, bin ausgebildeter Yoga-Lehrer und kann insofern das östliche Wissen und die Weisheit alter Kulturen mit in unser rationales, wissenschaftlich-materialistisches Weltbild mit einbringen. Unser System funktioniert nur, wenn wir alle permanent kaufen. Dass dadurch die berühmten 1% immer reicher werden und der Rest zu Verlierern wird, zeigt sich u.a. am Beispiel Griechenlands.
Warum empören sich in Deutschland so wenige?
Es gibt auch hierzulande eine „Occupy“-Bewegung.

Die erlahmt ist.

Der Aufstieg der Piraten ist ebenfalls als Aufschrei der Empörten zu verstehen. Auch der Niedergang der bürgerlichen Parteien ist ein deutliches Signal. Gleichwohl sind die Deutschen wegen unserer Geschichte in einem Lähmungszustand, wir gehen äußerst demokratisch mit Protest und Wut um, anders als in anderen Ländern wie in Frankreich und England. Viele meiner Autoren vergleichen die Zeit mit 1789, dem Vorabend der Revolution. Die Menschen fühlen sich heute gejagt und getrieben in einem turbokapitalistischen System, in dem die global agierenden Konzerne und Banken den Ton angeben. Das Ganze endet im Burnout, an dem fast 10 Mio Deutsche leiden. Das ist der Preis, den wir für diese Art zu leben zahlen. 

„Für ganz klein bin ich nicht gemacht“, haben Sie kürzlich in einem Interview gesagt…
Mir ist die Größe egal. Ich möchte mit meinen Büchern einen Beitrag leisten. Ich bleibe jedenfalls im Zweifelsfall klein, ich werde eher wenige Bücher machen, die aber hoffentlich etwas bewegen. 
Der Buchhandel steckt mitten in der Krise…
Natürlich ist es schwierig, heutzutage Bücher zu verkaufen. Ich fühle mit den Buchhändlern, die gezwungen sind, umzudenken und umzubauen, bin aber sicher, dass der Buchhandel auch durch diese Krise kommt. Allerdings ist der Paradigmenwechsel unaufhaltsam. Es wird zwei Märkte geben, den gedruckten und den digitalen. Die Verlage müssen in dieser Situation sehr wendig und flexibel sein, um Herr über die eigenen Rechte zu bleiben. 
Überrascht Sie die Krise bei Thalia und anderen Filialisten?
Für Douglas ist die so genannte Thalia-Krise eine kleine Sache. Die Abschreibungen sind bereits erfolgt, und die werden das Problem schnell lösen. Flächen, Personal und Angebot werden reduziert, und dann geht es weiter. Ich kann nur hoffen, dass die betroffenen Menschen gut dabei wegkommen.

Die Fragen stellte Daniel Lenz

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