Pure Lust am Verlegen

Der Zürcher Verleger Ricco Bilger startet einen neuen Verlag und verlässt dabei gleichzeitig den gewohnten Markt. Konzept und Ziel erläutert er im Interview mit buchreport.

Ihre neue Reihe édition sacré – der literarische Steinbruch startete mit drei schön gemachten Büchern. Diese Bücher haben weder eine ISBN noch können sie über die herkömmlichen Vertriebswege bestellt werden. Eine Protestaktion auf den remittierbaren Mainstream?

Nein, nein, das ist keine Protestaktion. Ganz im Gegenteil: es ist die pure Lust am Verlegen, die mich dazu gebracht hat, neben meinem Bilgerverlag, zusätzlich einen klandestinen Verlag ins Leben zu rufen, dessen Bücher ihren Weg zum Publikum auf direktem Weg finden sollen.

Was ist das für ein Publikum?

Ein Publikum, das Lust auf starke Texte und hübsch gemachte Bücher hat. Vorbild ist Ira Cohens Bardo Matrix Verlag, den er in den 70er Jahren im Himalaya gründete.

Sie gelten als leidenschaftlicher Verleger. Ermüdet Sie die ganze Diskussion über Markt und Digitalisierung der Literatur?

Auch hier: Nein, die Diskussion ermüdet mich überhaupt nicht, da sie zum jetztigen Zeitpunkt in keiner Weise meine Arbeit, das Programm und die Ausrichtung weder des Bilgerverlags, noch der edition sacré als „Buchverlage“ betrifft. Solange es Papier gibt, werden unsere Bücher  auf Papier gedruckt erscheinen. Die Diskussion über Markt und Digitalisierung der Literatur hält wach und zeigt immer mehr die Notwendigkeit auf, dass der Buchhandel sich neu erfindet, dass wohl die ganze Buchbranche sich neu erfinden muss. Die Buchbranche hat sich an den Rand des Abgrunds drängen lassen, nicht zuletzt durch eine Diskussion, die von Außen an sie herangetragen wurde.

Was ging schief?

Unsere Branche hat sich als Teil eines Infotainments zu verstehen begonnen und steckt seither in einer Position der Reaktion. Sowohl mit dem Programm und der Haltung des Bilgerverlags, wie auch der edition sacré setzen wir auf Menschen, welche für sich Bücher entdecken wollen, die nicht zuerst durch die diversen Marketingfilter und Bedürfnisnachweisinstanzen gingen. Kleine funkelnde Sterne.

Wie können sich interessierte Leserinnen und Leser über ihre neue Reihe informieren?

Die „edition sacré“ ist keine Reihe. Es ist ein eigenständiger Verlag, mit einer Verlagsadresse und schon bald mit einer eigenen Homepage.

In der Schweiz läuft der Abstimmungskampf zur Buchpreisbindung. Engagieren Sie sich sich dabei oder widmen Sie sich schlicht und einfach neuen eigenen Büchern?

Beides natürlich. Täglich versuche ich im Gespräch, nicht nur mit Buchkäuferinnen und Buchkäufern, die Notwendigkeit eines JA zur Buchpreisbindung zu vermitteln. Die Buchbranche kann diesen Abstimmungskampf gewinnen. Hilfreich und nicht zu unterschätzen ist in diesem Kampf  die Unterstützung unserer deutschen und österreichischen Kollegen und Kolleginnen. Die „edition sacré“ könnte man in diesem Kontext auch als Charmeoffensive aus der Buchbranche ins Publikum hinein verstehen.

Die Fragen stellte Urs Heinz Aerni.

Ricco Bilger
Der aus dem Wallis stammende Ricco Bilger (56) gründete 1983 in Zürich die Buchhandlung sec52 und 2001 zusammen mit Kurt Heimann den Bilgerverlag. In Leukerbad (Wallis) organisierte Bilger zusammen mit René Grüninger von 1996 bis 2005 ein Literaturfestival.

Kommentare

1 Kommentar zu "Pure Lust am Verlegen"

  1. thorsten nesch | 28. Januar 2012 um 3:10 | Antworten

    alles bringt eine gegenbewegung vor, so auch solche farbenprächtige verlagsblüten! wunderbar. glückwunsch! und ein satz wie „Unsere Branche hat sich als Teil eines Infotainments zu verstehen begonnen“… mutig, aber zumindest in einzelfällen leider nicht weniger wahr.

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