Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt

Zurück zum Kerngeschäft lautet nicht nur bei Langenscheidt, sondern auch bei Haufe die Devise. Der Fachverlag (mit einem Umsatz von zuletzt 191 Mio Euro auf Platz 6 im buchreport-Ranking der 100 größten Verlage in Deutschland, Tendenz seit Jahren steigend) will sein Callcenter  in der Bismarckstraße (am Freiburger Hauptbahnhof) schließen. Allen 180 Beschäftigten soll betriebsbedingt gekündigt werden, ein Teil der Mitarbeiter soll jedoch an anderen Stellen im Unternehmen untergebracht werden. Die Aufgaben des Callcenter sollen teilweise ausgelagert und teilweise von Abteilungen im Verlag übernommen werden.

Die Verlagsleitung begründet den Schritt mit dem Strukturwandel in der Medienbranche. In diesem Jahr werde der Verlag erstmals mit digitalen Produkten einen höheren Umsatz erwirtschaften als mit den traditionellen Print-Titeln, erklärt ein Verlagssprecher auf Anfrage von buchreport.de. Im Zuge der Digitalisierung der Produktpalette kämen immer weniger Bestellungen und Support-Anfragen per Telefon und immer mehr via Internet an. Laut einer internen Erhebung erfolgten nur noch 11% der Anfragen via Telefon und E-Mail (beim Callcenter). Die Mehrheit der Kunden suche entsprechende Lösungen heute online in Wissensdatenbanken und Communities. „Dadurch ergeben sich große Leerlaufzeiten im Callcenter.“ Durch die Auslagerung des Supports auf Dienstleister soll außerdem das zyklische Geschäft besser aufgefangen werden, damit dem Kunden Wartezeiten und Weiterverbindungen erspart blieben.

Im Gespräch mit buchreport.de kritisiert Verdi-Fachbereichsleiter Marcus Borck, dass der Verlag nicht frühzeitig gegengesteuert habe. „Die Marktsituation ändert sich nicht von heute auf morgen.“ Telefonanfragen gebe es auch künftig, würden aber über billige externe Anbieter abgewickelt.

Haufe verweist dagegen darauf, dass bereits in der Vergangenheit externe Kräfte abgebaut worden seien; außerdem habe man eine Dependance des Callcenters in München geschlossen.

Weiterer Kritikpunkt von Verdi: Haufe habe Betriebsrat und Gewerkschaft nicht vorzeitig in die Planungen zum Stellenabbau einbezogen, weshalb der Verlag seinen Informationspflichten nicht ausreichend nachgekommen sei. „Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt“, so der Verdi-Funktionär Borck. „Gerade einem Verlag, der Rechtssoftware auch für das Betriebsverfassungsgesetz produziert, hätte ich zugetraut, dass er die Mitbestimmungspflichten respektiert und einhält.“

Bei Haufe hält man dagegen: „Dass sich die Situation immer mehr verschärft hat, wusste jeder im Callcenter. Im Frühjahr haben wir das auch bei einer Betriebsversammlung angesprochen.“

Auf beiden Seiten heißt es, dass jetzt schnellstmöglich die Verhandlungen über einen Interessensausgleich und Sozialplan beginnen müssten. Laut Verlag sollen alle entlassenen Mitarbeiter eine Abfindung erhalten. Die Gewerkschaft fordert Qualifizierungsmaßnahmen und Weiterbildungsangebote.

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