Hörbücher sind kein Print-Appendix

In Leipzig (Leo-Hörbuchnacht) und in Köln (Verleihung des Deutschen Hörbuchpreises) wurden dem akustischen Medium in der vergangenen Woche breite Bühnen errichtet. Im Interview mit buchreport.de beschreibt Lothar Sand, Leseförderer beim Börsenverein und Mitglied der Jury beim Deutschen Hörbuchpreis, den Stellenwert der Preise für den Handel und die Herausforderungen der Leseförderung beim Marketing für Hörbücher.

Mit „Reise ans Ende der Nacht“ und „Ilias“ wurden besonders anspruchsvolle Produktionen ausgezeichnet. Sind die ausgezeichneten Produktionen Einzelfälle oder ein typisches Kennzeichen für die Produktionen deutscher Verlage?
Die angesprochenen Produktionen sind herausragend und deshalb zurecht ausgezeichnet; sie sind aber eben auch Bestandteil eines Verlagsprogramms (in diesem Beispiel das des Hörverlags in München), das künstlerisch ambitionierte Produktionen für einen vielleicht kleineren Interessenten- bzw. Käuferkreis mit Titeln kombiniert, die eine sehr starke Marktpräsenz besitzen – was übrigens allein noch keine Aussage über deren Qualität ist. Im Idealfall ist das Resultat ein wirtschaftlich erfolgreicher Verlag mit Profil und Renommee; eine Beschreibung, die noch auf viele deutsche Hörbuchverlage zutrifft. Ich habe aber die Sorge, dass im Zuge der Konzentrationsprozesse das „Mischverhältnis“ immer weniger stimmt, so dass mancher Verlag sehr aufwändige Produktionen ohne Aussicht auf Kostendeckung lieber bleiben lässt.

In Leipzig und in Köln wurden zur breite Bühnen für das Hörbuch errichtet. Im Handel ist das Hörbuch allerdings nicht mehr der Überflieger wie seinerzeit mit reihenweise zweistelligen Zuwachsraten. Wie erklären Sie sich diese Divergenz?
Ich sehe hier keinen Widerspruch. Das Hörbuch ist eine feste Größe in unserer kulturellen Landschaft und nimmt auf Buchmessen zurecht breiten Raum ein; der DHP ist eine der wichtigsten Auszeichnungen für Hörbuchverlage und Rundfunkanstalten. Niemand hat ernsthaft beim Hörbuch über Jahre zweistellige Zuwachsraten erwartet. Dass das Wachstum moderat geworden ist oder verflacht und sich der Markt noch weiter konsolidieren wird, ist für manche ernüchternd, für die meisten aber keine Überraschung. Es werden auf längere Sicht auch noch Anbieter verschwinden – bei den klassischen Hörbuchverlagen ebenso wie im Downloadbereich –, das Hörbuch selbst und Audio-Formate sind nicht in Gefahr. Um so wichtiger ist es für den Handel, seine Stellung als Hauptvertriebsweg zu festigen und das Hörbuch nicht als Neben-Medium oder Print-Appendix einzustufen, sondern als eigene Kunstform wahrzunehmen und entsprechend zu präsentieren. Das erfordert Raum und intensive Beratung, lohnt sich aber.

Was bringen Hörbuchpreise für den Handel – wie stark wirken sie bereits als Marketing-Köder?
Auszeichnungen wie der DHP sind hilfreich für Buchhandel, Verlage und Kunden. Aus dem Handel höre ich, dass ein solches „Gütesiegel“ es entsprechenden Titeln leichter macht, im Kundengespräch zu überzeugen; ein Preis allein ist dennoch kein Selbstläufer, wohl aber eine weitere Gelegenheit zur Inszenierung. Die Kenntnis der maßgeblichen Hörbuchpreise hilft dem Handel auch einzuschätzen, welche Titel Thema in den Medien sind oder werden. Verlagskollegen berichten von gestiegenen Verkäufen nach einer Nominierung oder einem Preis. Und für den Hörbuch-Fan bedeuten Auszeichnungen Orientierung in einem großen Markt.

Beim Börsenverein sind Sie in der Leseförderung aktiv. Hörbuchanbieter beklagen, dass immer noch zu wenige Leser die Vorzüge von Hörbüchern kennen. Andererseits sind Hörspiele bei Kindern sehr weit verbreitet. Wie kann die Lücke zwischen Kinder- und Erwachsenenhörbuch durch Leseförderung geschlossen werden?
In der Tat, Kinder waren quasi schon immer Hörer, viele Erwachsene sind es im Zuge des Hörbooms erst geworden – darunter übrigens auch viele, die keine Leser sind –, gleichwohl schlummert hier noch gewaltiges Potenzial. Unsere Arbeit im Bereich Leseförderung zielt jedoch primär darauf ab, Kinder und Jugendliche so für Hörbücher zu begeistern, dass aus den kleinen Hörern von heute die erwachsenen Hörer von morgen werden. Unsere Leitidee ist dabei, dass Lesen und Zuhören zusammengehören und einander nicht ausschließen. Untersuchungen im Rahmen unserer Kreativ-Aktion „Ohr liest mit“, bei der Kinder selbst kleine Hörstücke produzieren, belegen, dass der Konsum oder sagen wir lieber: der Genuss von Hörbüchern das Lesepensum von Kindern enorm beflügelt. Es gilt: Wer viel hört, liest auch mehr. Das ist ein wichtiges Argument in unserem Dialog mit Schulen, wo es immer noch viele Vorbehalte gegen Hörbücher gibt. Lese- und Hörförderung gehen also Hand in Hand, weshalb der Börsenverein dafür mit „Ohr liest mit“ ein eigenes bundesweites Projekt etabliert hat.

Die Fragen stellte Daniel Lenz

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