Ein bezauberndes Kätzchen

SPIEGEL Online nimmt sich jede Woche den wichtigsten Neueinsteiger, Aufsteiger oder den höchstplatzierten Titel der SPIEGEL-Bestsellerliste vor – im Literatur-Pingpong zwischen Maren Keller und Sebastian Hammelehle. Diesmal Platz 4, Tess Gerritsens Kriminalroman Der Schneeleopard“. In den Hauptrollen: Detective Jane Rizzoli und die Rechtsmedizinerin Maura Isles.
Hammelehle: Würdest du dieses Buch einer Katzenhaarallergikerin empfehlen?
Keller: Noch dringender würde ich Katzenhaarallergikern natürlich erst mal eine Hyposensibilisierung empfehlen, weil Katzen ohne jede Diskussion nun einmal die besten Mitbewohner sind. Und falls sie einem dann gnädigerweise den bequemen Lesesessel für ein paar Minuten überlassen, würde ich „Der Schneeleopard“ tatsächlich empfehlen. Obwohl ich mit der Fernsehserien-Version von „Rizzoli & Isles“ zugegebenermaßen noch nie etwas anfangen konnte. Gehörst du zu den Menschen, die dafür mittwochabends vor dem Fernseher sitzen?

Hammelehle: Danke für diese Chance, mich bei unseren Lesern abermals als griesgrämiger Old-School-Feuilletonist zu präsentieren.

Keller: Jederzeit gern.

Hammelehle: Ich wusste vor diesem Buch noch nicht mal, dass es Rizzoli und Isles überhaupt gibt. Beim Lesen allerdings habe ich Jane Rizzoli deutlich besser kennengelernt. Maura Isles bleibt etwas blass.

Keller: Aber es ist ja auch ihre Rolle, die kühle Einzelgängerin zu sein, als Kontrast zu Jane Rizzoli. Würde man die beiden im echten Leben kennenlernen – und keine Sorge, ich weiß, dass das niemals passieren wird -, käme man vermutlich mit Jane Rizzoli nach Sekunden ins Gespräch und wäre von Maura Isles wahrscheinlich eingeschüchtert. In diesem Fall aber ist sowieso eine dritte Frau noch viel präsenter als beide zusammen.
Hammelehle: Millie Jacobson. War Buchhändlerin in London, mit einem sehr unsympathischen Bestsellerautor liiert, bis sie sich bei einer Safaritour in Botswana in den Safariführer verliebt. Gerät dann ins Visier eines psychopathischen Killers. Gerade diese Safaripassagen finde ich herrlich. Wenn ich auch mittwochs nicht „Rizzoli & Isles“ schaue, so habe ich doch am Sonntag einen alten Safarifilm gesehen. In den Kapiteln, die in Botswana spielen, findet sich dessen Atmosphäre durchaus im „Schneeleoparden“ wieder. Und die Erzählkonstruktion – in einer Gruppe wird einer nach dem anderen ermordet – ist ja fast ebenso klassisch: wie bei Agatha Christie.
Keller: Noch klassischer wäre es gewesen, wenn es zuerst eine der zwei blonden, hübschen Touristinnen getroffen hätte anstelle des Fährtenlesers. Auf jeden Fall sind die gruppendynamischen Prozesse, die nach dem ersten Todesfall in Gang gesetzt werden, sogar noch spannender als der zweite Handlungsstrang, der Jahre später in Boston spielt. Dort versuchen Rizzoli und Isles den Mord an einem Tierpräparator aufzuklären. Eine sehr gute Berufswahl für ein Krimi-Opfer! Diese Profession umgibt ja per se eine etwas gruselige Aura.

Hammelehle: Womit wir wieder bei den Katzenhaaren wären. Bei der Suche nach dem Mörder des Tierpräparators spielt Tierhaaranalyse eine gewisse Rolle. Was mich dabei am meisten überrascht hat, war, dass ich das gesamte Buch spannend fand. „Der Schneeleopard“ ist nicht die Art von Roman, die ich sonst lese. Aber er ist handwerklich so gut gearbeitet, schnörkellos ohne die üblichen Krimi-Manierismen erzählt, dass ich wissen wollte, wie Gerritsen das Puzzle zusammenfügt. Nach 300 Seiten war ich sicher, wer der Mörder ist. Und ich habe mich geirrt.

Keller: Ich behaupte sogar, wer richtig rät, wer der Mörder ist, sollte sich beruflich sofort Richtung Glücksspiel umorientieren. Oder sich doch noch den Kindertraum erfüllen, Detektiv zu werden. Ich hätte dem Buch nur ein anderes Cover gewünscht. Aber vielleicht bin ich ja auch die Einzige, die davon irritiert ist, dass unter der Zeile „Der Schneeleopard“ ein toter Vogel zu sehen ist. Hast du irgend eine Erklärung für diese Bild-Text-Schere?

Hammelehle: Ist es Literaturkritikern nicht grundsätzlich verboten, über Buchcover zu urteilen? Darüber hinaus habe ich sowieso aufgehört, mir über missratene Umschläge Gedanken zu machen.

Keller: Naja, so schlimm ist es auch wieder nicht, dass es meine Freude darüber trüben würde, dass der Schneeleopard nach all den Jahren auf der roten Liste bedrohter Arten nun auch auch mal auf der Bestsellerliste steht. Verzeih die platte Pointe, aber auf die habe ich mich nun schon eine Woche gefreut!

Maren Keller ist Redakteurin beim KulturSPIEGEL. Sie hat bis zu dessen Tod mit ihrem Kater Yolo zusammen gelebt, den sie noch immer vermisst.

Sebastian Hammelehle ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Er hatte mal ein Meerschweinchen namens Snoopy. Die „Peanuts“ mag er noch immer, aber seine Lieblingstiere sind heute Löwen und Amseln .

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