Selfpublishing ist eine Chance

Das Internet hat in den vergangenen Jahren viele Lebensbereiche verändert. Welchen Einfluss es auf das Geschichtenerzählen hat, hat die „New York Times“verschiedene englischsprachige Autoren gefragt. buchreport hat sich unter deutschen Schriftstellern umgehört und stellt die Antworten zu den Einflüssen der Digitalisierung in den kommenden Wochen vor. Im dritten Teil unserer Serie äußert sich Jonas Winner:

Inwiefern hat sich Ihr Arbeitsalltag in den vergangenen Jahren durch die Digitalisierung verändert?

Ob ich meine Romane nun mit einem Bleistift in ein Heft schreibe, oder über eine Tastatur in einem Computer, ist für die Geschichte, die ich erzähle, eigentlich ganz irrelevant. Dennoch hat die „Digitalisierung“, worunter ich jetzt einmal die zunehmende Bedeutung des Internets verstehen möchte, aus zwei Gründen einen enormen Einfluss auf meine Arbeit. Zum einen, weil ich über das Internet meist sehr schnell und unkompliziert an alle möglichen Informationen komme. Zum anderen aber auch, weil sich die Erlebnisse meiner Helden in den Geschichten drastisch verändert haben, seit Handy und Netz allgegenwärtig sind. Das Problem dabei: Was eine Figur beim Surfen im Internet erlebt, ist nicht besonders spannend. Menschen am Handy, Menschen vorm Bildschirm – das ist meist langweilig. Und doch ist heutzutage fast kein Handlungsablauf vorstellbar, in dem Handy und Internet nicht an der einen oder anderen Stelle eine große Rolle spielen. Es ist beinahe so etwas wie ein Fluch: Man kommt an diesen „Spannungstötern“ Handy und Internet nur schwer vorbei, wenn man eine Geschichte im Hier und Heute spielen lässt.

Was sind Ihre größten Hoffnungen und Sorgen in Bezug auf die Digitalisierung?

Es ist oft die Rede vom Musikmarkt, der sich wohl nie ganz von den internetspezifischen technischen Neuerungen der letzten Jahre erholt hat. Steht dem Buchmarkt das Gleiche bevor? Das ist natürlich eine große Gefahr. Auch die Welt der Zeitungen und des Journalismus ist extrem bedroht, weil sich viele ihre News kostenfrei aus dem Netz holen und kein Geld mehr für Zeitungen ausgeben. Wird es möglich bleiben, einen Roman zu verkaufen, wenn der gleiche Text relativ einfach im Internet beschafft werden kann, ohne dass man dafür bezahlen muss? Ich weiß es nicht. Worauf ich jedoch keine Lust habe, ist, voller Angst auf die Zukunft zu starren und zu hoffen, dass alles wieder wird wie früher. Das ist in meinen Augen grundfalsch. Ich interessiere mich eher für die Frage, wie man dank Internet Geschichten verstärken kann. Und ich bin davon überzeugt, dass es geht. Warum? Weil das Internet flexibler ist als eine Buchseite aus Papier. Worum geht es einem Leser, der einen Roman liest? Es geht ihm (oft) darum, in eine Geschichte einzutauchen. In eine Welt einzutauchen. Und ich bin davon überzeugt, dass sich diese Welten, in die Leser eintauchen wollen, dank Digitalisierung auf eine Art und Weise erzeugen lassen, von der wir heute erst die Anfänge ahnen.

Wie schätzen Sie den E-Book-Markt ein?

Ich stelle bei mir selbst fest, dass ich recht viele E-Books kaufe, weil ich häufig keine Lust habe, ein Buch erst bestellen zu müssen, erst zum Buchladen gehen zu müssen, etc. Oftmals möchte ich ein Buch, kaum dass ich davon höre, auch schon aufschlagen können. Dazu brauche ich die E-Book-Ausgabe. Was schade ist, denn ich stelle auch fest, dass die E-Books, die ich mir gekauft habe, viel „flüchtiger“ sind als meine alten Taschenbücher im Regal. Das ist wirklich etwas, das mich schmerzt, aber die Vorteile überwiegen diese Nachteile. Dennoch wird jeder Buchnarr auch weiterhin Bücher im Regal stehen haben wollen. Mein Eindruck ist deshalb, dass E-Books weiterhin wichtiger werden, dass sie das gedruckte Buch aber nicht völlig ablösen werden (so wie Taschenbücher das gebundene Buch nicht ausgelöscht haben, das Fernsehen nicht das Kino, das Kino nicht das Theater, etc.).

Ist der wachsende Selfpublishing-Markt Chance oder Bedrohung für Autoren, die vom Schreiben leben wollen?

Dank Selfpublishing kann ich als Leser unter viel mehr Autoren wählen. Manchmal wird ein Leser also zu einem selbstverlegten Buch greifen, statt zum Buch eines Autors, der bei einem Verlag verlegt wird. Die Selfpublisher schnappen dem Verlagsautor somit schon ein paar Leser weg. Andererseits ist der Verlagsautor dank Selfpublishing in der Lage, Dinge, die ihn vielleicht interessieren, auch dann auszuprobieren, wenn sein Verlag das nicht machen möchte. Das ist also eine Chance.

Wie groß ist die Gefahr, die von E-Book-Piraterie ausgeht?

Nicht jeder macht gerne verbotene Sachen. Ein guter Roman, von dem Raubkopien zirkulieren, wird mit Sicherheit von vielen (z.B. älteren Kunden) auch weiterhin legal erworben werden. Ich bin immer wieder auf Links gestoßen, über die meine Romane auch illegal downgeloaded werden können Habe ich etwas dagegen unternommen? Nein. Ohne dass ich das mit Zahlen belegen könnte: Mein Gefühl ist, dass die Verluste, die mir durch die Raubkopien entstehen, ausgeglichen werden dadurch, dass mehr Leute meine Bücher gelesen haben, sie gut finden und sich sogar die Mühe machen, Raubkopien davon anzufertigen und online zu stellen.

Sind die Buchverlage schon fit fürs digitale Zeitalter? Was wünschen Sie sich von ihnen?

Oh je, mein Eindruck ist, dass furchtbar viel gemacht wird: E-Books, Plattformen, Social Media Marketing… Was ich mir wünschen würde? Dass ein paar ältere Titel, die es noch nicht als E-Book gibt, digitalisiert würden, das fänd ich ganz schön.

Manchmal träume ich auch davon, dass man eine E-Book-Schmiede so ähnlich aufziehen könnte, wie vor gut hundert Jahren die Hollywood-Studios aufgezogen wurden, nachdem der Film entdeckt worden ist. Aber dann wird mir klar, dass ich kaum noch Zeit hätte zum Schreiben, wenn ich das machen würde, und das ist doch, worum es eigentlich geht.

Jonas Winner ist Schriftsteller und Journalist. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 2011 mit „Davids letzter Film“. Seine siebenteilige Thriller-Reihe „Berlin Gothic“ ließ er zuerst als E-Book und zwei Jahre später als gedrucktes Buch veröffentlichen.

Kommentare

1 Kommentar zu "Selfpublishing ist eine Chance"

  1. „Ein Buch aufschlagen…“ und dann E-Books kaufen.

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