Fluglärm inklusive

buchreport hat bei Autoren angeklopft und gibt Einblicke in ihre Kreativitätsstätten. Die Schriftsteller verraten, wie ihre Geschichten entstehen, welche Umgebung sie schätzen und wie diszipliniert sie an ihren Schreibtischen sitzen. Heute zu Gast bei Axel Scheffler.

 

© Masatsuga Hidaka

Mein Arbeitsplatz befindet sich seit dem Frühling letzten Jahres im oberen Stockwerk eines viktorianischen Hauses im Südwesten von London. Leider liegt es in der Einflugschneise nach Heathrow. „Du wirst Dich an den Fluglärm schon gewöhnen“, hieß es, aber so richtig will es mir nicht gelingen. Zum Glück sind es nur ein paar Stunden am Tag. Sonst ist es sehr still und aus dem Fenster blicke ich über grüne Gärten. So richtig angekommen und eingerichtet bin ich noch nicht und auch die Dinge haben noch nicht ihre Plätze eingenommen. Noch nicht mal der Umzug ist abgeschlossen – insofern arbeite ich nun schon eine ganze Weile in einem Provisorium. Regale halb eingeräumt, ein paar Bilder an der Wand, zumeist von befreundeten Kollegen. Wann wird es je anders sein? Wann werde ich dazu kommen, mich einzurichten?  Mahnend steht dort auch ein großer Stapel Umzugskartons aus dem Haus meiner verstorbenen Eltern – was sich so angesammelt hat in den ersten 25 Jahren meines Lebens. Aber mag ich mir das überhaupt anschauen? Irgendwann soll dort mal ein Sofa stehen und ein Sessel und ein Tisch.

© Masatsuga Hidaka

Ich habe zwei Arbeitsplätze: Einen Zeichentisch und einen für den Computer,auf dem ich es gerade schaffe, meine E-Mails zu schreiben. Die Bilder entstehen alle von Hand. Nach dem Einzug kaufte ich einen Tisch mit einer größeren Arbeitsplatte, denn der vorherige war winzig und bot nicht einmal Plazt für alle Tuschegläschen und Buntstifte (natürlich rollen sie gern vom Tisch, was ihnen nie gut bekommt). Wie befürchtet, ist aber auf dem neuen Tisch ein ebensolches Gedrängel der Materialien.

Ich habe schon immer von zu Hause gearbeitet, seitdem ich vor ca. 25 Jahren begann, als Illustrator zu arbeiten. 

Die wohlgemeinten Ratschläge meiner Kollegen zum Thema Kinder, mir nach der Geburt meiner Tochter ein Studio außerhalb des Hauses anzumieten, schlug ich leichtfertig in den Wind, denn natürlich ist es mit Kind im Haus nicht mehr so einfach, einem geregelten Arbeitstag nachzugehen. Man steht einfach zur Verfügung, für Frau und Kind. Die eigentliche Zeit zum Zeichnen ist sowieso geschrumpft. E-Mail-Anfragen sind zu beantworten und der leidige Papierkram will erledigt werden – meist findet sich etwas anderes zu tun.

Theoretisch wäre ich gern sehr ordentlich, aber wenn ich zurückschaue, habe ich es eigentlich noch nie geschafft, Ordnung zu halten. Jetzt gibt es endlich Platz, aber irgendwie nicht die Zeit, alles schön zu ordnen. Neuerdings spiegelt sich das eigene Chaos in dem des Kindes, welches sich im ganzen Haus ausgebreitet hat. Appelle zum Aufräumen verpuffen – vielleicht zu Recht –beim Fehlen eines elterlichen Vorbilds. Kurz nach dem Einzug stellte sich meine damals dreijährige Tochter in die Mitte meines Studios, streckte ihren Arm gerade vor sich aus und sagte, dies ist deine Hälfte und das ist meine. So ungefähr ist es dann auch gekommen. Die Grenze ist allerdings fließend.

Während der Arbeit höre ich Musik im Sinne von Klassik, Pop etc., entweder auf einem betagten CD-Spieler oder von BBC 3 oder BBC 4 oder den Deutschlandfunk – früher auf einem Transistorradio auf langer Welle (krrrkrcchhhkrch – wenn es denn Empfang gab), neuerdings viel einfacher im Internet. Irgendwas muss also immer Dudeln, dabei ist Stille eigentlich doch etwas sehr Schönes.

In der alten Wohnung war mein Zeichentisch von drei großen Fenstern umgeben – das war ideal. Hier muss noch etwas verändert werden, die alten Fenster sind irgendwie zu niedrig und gutes Tageslicht brauche ich zum Zeichnen. Vielleicht muss also noch ein Fenster ins Dach eingebaut werden, wenn der Council uns die Genehmigung gibt.

In den Regalen stehen Referenzbücher, Bücher von Kollegen, Belegexemplare meiner Bücher …, sie warten alle auf die Wiedervereinigung mit ihren Freunden, die noch in der alten Wohnung im Südosten von London (weit, weit weg in der Nähe von Albanien) liegen. Ein wunder Punkt. Dort muss nämlich aufgeräumt und ausgemistet werden – seit Langem. „Ich komme nicht dazu“, lautet meine Ausrede und tatsächlich wartet eigentlich permanent ein nächster Text darauf, bebildert zu werden.

Zur Person: Axel Scheffler

hat eigentlich Kunstgeschichte in Hamburg studiert. 1982 ging er nach England und absolvierte dort ein Grafik-Studium in Corsham. Heute gehört er zu den bedeutendsten Kinder- und Jugendbuchillustratoren. Die meisten seiner Bücher sind bei Beltz & Gelberg erschienen. Besonders die Zusammenarbeit mit der englischen Autorin Julia Donaldson ist mit Erfolg gekrönt. Sie entwickelten das Bilderbuch „Der Grüffelo“ und wurden dafür mit dem renommierten britischen Smarties-Preis ausgezeichnet. Gerade ist sein neues Bilderbuch „Superwurm“ (ebenfalls Beltz) erschienen, das er während der Frankfurter Buchmesse am 10. Oktober, um 15 Uhr, im Frankfurter Galus Theater zusammen mit Schauspielerin Ilona Schulz vorstellen wird.

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Kommentare

1 Kommentar zu "Fluglärm inklusive"

  1. Meine Lieblingssatz: „Theoretisch wäre ich gern sehr ordentlich“

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