Gebrüllte Poesie

buchreport hat bei Autoren angeklopft und gibt Einblicke in ihre Kreativitätsstätten. Die Schriftsteller verraten, wie ihre Geschichten entstehen, welche Umgebung sie schätzen und wie diszipliniert sie an ihren Schreibtischen sitzen. Heute zu Gast bei Nicholson Baker.

© Jörg Plath

Ich arbeite in vielen Zimmern unseres Hauses, manchmal auch in der Scheune. Unser Haus war früher eine Milchfarm. Unten in der Scheune stand der Traktor, oben lagerte man wohl Heu. Jetzt steht unten ziemlich viel Zeug herum, darunter Stapel von Büchern, die ich für meine Recherchen brauchte und dann dort abgestellt habe. Aber das Obergeschoss der Scheune ist vollkommen leer. Es ist ein gewaltiger Raum, weit, aber privat wirkend, beinahe wie eine Kathedrale. Ich habe mir zwei, drei Stühle und einen Tisch hineingestellt, als ich an „Der Anthologist“ schrieb, der Geschichte von Paul Chowder, der eine Gedicht-Anthologie herausgeben soll, aber mit dem Vorwort einfach nicht fertig wird, weshalb ihn schon seine Freundin verlassen hat. 

© Jörg Plath

Der Raum eignet sich gut für Poesie, weil er ein wenig Echo hat. Die Gedichte werden dann lebendig. Ich konnte sie da oben richtig laut herausbrüllen, ohne meine Frau Margaret Brentano in ihrem Atelier nebenan zu stören. Und ich konnte singen, so laut und wann immer ich wollte.

© Jörg Plath

Wenn ich merke, dass es an einem Platz nicht gut läuft, dann stehe ich auf, nehme die braune Aktentasche mit dem Laptop, den schwarzen Notizheften und dem Buch, das ich gerade lese, und ziehe den Stuhl woanders hin oder wechsel den Raum. Lange Zeit bin ich mit einem weißen Plastikstuhl herumgewandert, den ich sehr mochte. Im Garten gibt es zwei Plätze zum Schreiben, einen Holztisch unter dem Baum, wenn es sehr heiß ist, und einen grünen Metalltisch. Manchmal gehe ich auch hinunter zum Bach. Andere Aussichten, glaube ich, schenken mir andere Gedanken. Vielleicht erlauben sie mir auch, bessere Sätze zu schreiben.
Zur Person: Nicholson Baker

ist Romancier und Essayist und lebt in einem denkmalgeschützten Haus im US-Bundesstaat Maine. Aufgewachsen in Rochester (New York) studierte er zunächst Musik an der dortigen Eastman School of Music, danach englische Literaturwissenschaft am Haverford College. 

  • 1991 veröffentlichte er den Essay „U and I: A True Story“, eine Hommage an sein literarisches Vorbild John Updike. Weitere Essays erschienen 1996 unter dem Titel „The Size of Thoughts“ und „Essays and Other Lumber“. Rowohlt veröffentlichte 1998 beide Titel zusammengefasst in einem Band.
  • 1992 erschien sein Roman „Vox“, in dem er in einem langen Dialog den Telefonsex zwischen einem Mann und einer Frau schildert. In der Lewinsky-Affäre spielte das Buch eine Rolle, weil Lewinsky es angeblich Bill Clinton geschenkt hatte.
  • Große Beachtung fand sein 2001 erschienenes Sachbuch „Double Fold“ (deutsch: „Der Eckenknick“), eine Streitschrift gegen das Vernichten von Originalen mikroverfilmter Bestände durch Bibliotheken in den USA. 
Auf Deutsch erscheinen Bakers Bücher bei Rowohlt. Sein letzter Titel „Haus der Löcher“, in dem es um alle erdenklichen Spielarten sexueller Praktiken und Fantasien geht, konnte sich Anfang dieses Jahres in der SPIEGEL-Bestseller­liste platzieren.
Quelle: wikipedia.de und buchreport

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