Literatur kommt schlecht weg

Nach einer aktuellen Studie leidet die Literaturszene in den neuen Bundesländern an Unterfinanzierung. Rainer Moritz erklärt, warum Literatur auch im Westen weniger gefördert wird als die anderen Künste.

Sind literaturvermittelnde Einrichtungen in Deutschland unterfinanziert?
Es gehört zum guten Ton, dass Kultureinrichtungen generell sagen, sie seien unterfinanziert. Diese Klage ist aber auch berechtigt, denn vor allem Literaturinstitutionen haben seit vielen Jahren das Problem, mit knappen Mitteln auskommen zu müssen.

Gilt das nur für die neuen Bundesländer oder auch für den Westen?
In den alten Bundesländern hat man mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, wie sie die Studie für Ostdeutschland beschreibt. Angesichts knapper öffentlicher Kassen wird zwar bei der Kulturförderung der Rotstift angesetzt, aber die Literatur kommt im Vergleich mit anderen Künsten wie Theater, Musik oder bildender Kunst im Zweifelsfall immer besonders schlecht weg.

Warum fließt der Großteil der Kulturhaushalte in Theater, Oper und Kunst?
Weil es in diesem Bereich natürlich viel teurere und aufwändigere Projekte gibt, denken Sie nur an Kunstausstellungen, Opernaufführungen oder an Neubauten wie z.B. die Elbphilharmonie. Da spielen ganz andere Kostenfaktoren eine Rolle als in der Literatur, die ja eigentlich den großen Vorteil hat, dass sie vergleichsweise günstig zu haben ist, nur wird das leider nicht gewürdigt. Wenn Sie etwa an die klassische Lesung denken, dann ist das eine vergleichsweise sparsame Angelegenheit, es braucht meistens weder Inszenierung noch Bühnenbild. Die Literatur ist die unaufwendigste unter den Künsten; deshalb wird sie aber auch so stiefmütterlich behandelt, weil sie so wenig Aufhebens macht, weil sie nicht so sehr ins öffentliche Bewusstsein dringt wie eine große Ausstellung oder ein Konzertabend.

Warum sollte der Staat überhaupt Literatur und Kunst subventionieren?
Weil es sie sonst nicht gäbe. Wenn eine Nation sich als Kulturnation definiert, dann muss sie begreifen, dass es zu einer zivilisierten Gesellschaft gehört, dass über ihren Rahmen hinaus gedacht wird. Und das wird in der Regel in den Künsten getan.

Sollten Buchhändler für ihre Literaturveranstaltungen dann nicht auch staatliche Förderung erhalten?
Zumindest sollten sie nicht benachteiligt werden. Es gibt ja durchaus schon Fördermaßnahmen, etwa die Preisbindung. Abgesehen davon muss man unterscheiden, ob jemand ökonomischen Gewinn aus der Kultur ziehen will oder nicht. Ich bin sehr dafür, dass man kulturell engagierte Buchhandlungen, die sich gegen die Konzentration stemmen, auch stärker unterstützt.

Die Fragen stellte Till Spielmann

Zur Person: Rainer Moritz

wurde 1958 geboren. Nach dem Studium der Germanistik, Philo­sophie und Romanistik in Tübingen war Moritz von 1995 bis 1998 Programmchef bei Reclam, anschließend bis 2004 Programm­geschäftsführer bei Hoffmann und Campe. Seit Anfang 2005 leitet er das Literaturhaus Hamburg.

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